Nachtmusik

Sie und ihre Stimme taumeln einsam durch die stille Nacht. Kalt und gleichgültig ist diese, zwingt jeden dazu auf sich selbst aufzupassen. Und doch ist sie die einzige Herberge, in deren Schatten sie sich flüchten kann. Verschwinden in faulen Hauswinkeln, sich auflösen in frostiger Nordluft, sich auf dem dreckstarrenden Pflaster einer Seitengasse zusammen kauern. Niemand sieht einen und wenn man doch einmal von Mondlicht entblößt wird, dann verschließen die Menschen ganz einfach ihre Augen.
Sie für ihren Teil wird von niemandem bemerkt. Wie ein Schatten unter all den flirrenden kunterbunten Neonlichtern schwindet sie mit jedem Schritt ein wenig mehr. Bald fühlt sie sich wie ein Teil des allgegenwärtigen Winds, ein kaum spürbarer Hauch unter den hastenden Füßen der Menschen. Derjenigen, die so frei sind, im Mondlicht zu gehen, so unbesorgt und amüsiert. Derjenigen die abartig vergnügt lachen, völlig neben sich stehen und die Stunden der Nacht mit sich machen lassen, was sie wollen. Sie lassen sich vom Geruch nach billigem Alkohol, dem stinkenden Rauch der Zigarren und seichter Amateurmusik der Clubs einhüllen und vergessen wer sie sind.
Sie nicht. Sie schaut zu und weiß nicht, ob sie Neid gegenüber diesen Menschen empfinden soll, Hass oder Hochmut. Ob sie auf sie hinab sehen kann und das Recht hat, sie selbstgefällig und spöttisch zu belächeln. Oder ob sie in Scham versinken soll. In dieser Nacht gelingt es ihr jedenfalls die Gedanken beiseite zu schieben und einfach dem Lärm zuzuhören, der sich mit Einbruch der Dunkelheit über die Großstadt gelegt hat. Manchmal ist dieser Lärm ihr einziges Schlaflied. Manchmal, wenn sie die Augen schließt verschmelzen all die undefinierbaren Laute plötzlich zu einer Melodie. Dann kann sie sogar heraushören - sie nennt es auch interpretieren - welche Instrumente diese Melodie so lebendig machen. Es sind die zahlreichen unterschiedlichen Beats, die gedämpft wie durch einen Schleier hindurch zu ihr her dringen, aus Clubs oder Appartements. Es ist das Hupen eines der Schiffe am hell erleuchteten Hafen wo das Wasser blassorange schimmert und Paare spazieren gehen, der Schrei eines Babys in einem Hochhaus und das falsche, taube Gelächter von Tänzerinnen und Nutten, das der Wind wie eine Welle zu ihr hin spült. Und es ist noch viel mehr. Aber eben diese Instrumente sind ihr die liebsten. Wenn sie daran denkt, dass die Stadt niemals schläft, fühlt sie sich nicht mehr einsam, sondern bewacht von ihr. Und nicht nur ein Schlaflied singt sie ihr in jener Nacht, in der sie nicht schlafen kann, sondern auch Geschichten erzählt sie ihr. Geschichten, die sich aus Gerüchen, Klängen und Bildern zusammen formen und somit die realsten sind, die es gibt. Niemand sonst, kann so reale Geschichten erzählen, ganz sicher. Nur die Großstadt kann es. Und sie und der Mond sind die Zuhörer dieser Geschichten. Vielleicht auch ein paar Ratten oder streunende Katzen.
In dieser Nacht jedoch ist der Mond nicht bei ihnen um sich die nächste Geschichte anzuhören. In dieser Nacht fehlt er und ebenso sein Licht. Die Welt kommt ihr sofort ein wenig herzloser vor und zum ersten Mal, spürt sie Angst. Pure Angst, die nur in vollkommener Dunkelheit existiert, die sich von kleinen Mädchen wie ihr ernährt. Sie innerlich auffrisst.
Wie soll sie nun der Geschichte zuhören, wenn es keinen Schauplatz gibt? Keine funkelnden Straßen über die Autos stürzen, keine Neonlichter, die das Schwarz der Nacht farbig anmalen? Nicht einmal die Stadtlichter, die Laternen zittern heute surrend vor sich hin. Davon abgesehen ist es haarsträubend eisig ohne die steinerne doch wärmende Lampe des Mondes. Was ist denn nur passiert?
Vor lauter Hilflosigkeit und Furcht fängt sie an zu weinen. Dabei hat sie schon seit langem nicht mehr geweint. Im Schatten der Mülltonnen knüllt sie sich zusammen wie ein vollgeschriebener Fetzen Papier, den niemand mehr braucht. Den man unbedacht wegwirft.
Und blind fühlt sie sich in der plötzlichen, noch nie da gewesenen Finsternis. Blind zum einen und zum anderen taub. Weil die Geräusche verstummt sind, sogar die Schritte, die sonst über den Beton kratzen, klackern und sich hallend in anderen Ecken der Stadt verlieren. Sie muss handeln, das weiß sie, sicher. Denn sonst kommt der Mond vielleicht nie mehr zurück und sie braucht ihn doch so sehr. Sie hat doch sonst niemanden.
Mit zaghaftem Beschluss erhebt sie sich aus ihrer krummen Haltung, langsam, nach und nach, bis sie endlich fest auf dem Boden steht. Dann saugt sie ein letztes Mal den Nachtwind in ihre Lungen und beginnt zu singen. Zuerst nur kaum hörbar fliegen die Töne aus ihrer Kehle in die völlige Stille hinein, dann immer lauter werdend.
“Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar;
der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar.”
Das ist das einzige richtige gesungene Lied, dass sie noch kennt. Das Schlaflied aus längst zerronnenen Zeiten. Wie ein Andenken.
Und hat sie es auch nie gewagt es zu singen, genießt sie es nun um so mehr. Sie spürt, wie die klaren Töne ihren Körper einnehmen und sie in die Lüfte empor heben. Auf goldenen Schwingen schaukelt sie und singt lauter und immer immer lauter. Ohne aufzuhören. Auch dann nicht, als ihr Tränen in die Augen steigen und ihr Mund zittert vor Überwältigung, vor Schönheit.
“Wie ist die Welt so stille und in der Dämmerung Hülle
so traulich und so hold !
Als eine stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt.”
Unglaublich schön ist dieses Lied. Sie möchte am liebsten nie mehr aufhören zu singen, so sehr genießt sie es. Wie oft kommt es vor, dass man das Gefühl hat zu fliegen und mit einem Text vollends verschmilzt, mit nackten Worten?
Ein paar Strophen kann sie noch und als sie langsam wieder hinunter auf die Erde schwebt hofft sie, mit all ihrem Herzensblut, dass der Mond sie erhört hat und zurückkommen wird. Aber so ist es nicht. Er bleibt verschwunden. Und die Stille nimmt ganz allmählich ihren Platz wieder in der Stadt ein. Aber dann, ein seltsamer Laut. Wie als zöge jemand Luft in seine Nase. Ein Husten. Wieder Stille. Und plötzlich, so unvorhergesehen und donnernd, dass es sie beinahe umhaut ein Gewitter. Aus Händen.
Jemand klatscht. Es müssen mehrere tausend Hände sein, die da klatschen und zwar ihr! Derjenigen, die bis vor ein paar Minuten niemand gekannt hat außer ihr selbst. Ihr klatschen sie, alle. Ein paar Minuten lang sogar und wie gerufen erscheint ein Strahl über ihr. Mondlicht, wie der Scheinwerfer einer großen Bühne. Alle starren sie an, sie in ihren schäbigen, halb verrotteten Klamotten, mit ihrer schmutzigen Haut und ihren nackten Füßen. Aber sie schämt sich nicht mehr, nein. Da ist kein Neid, kein Hass, kein Hochmut. Keine Einsamkeit. Sie ist jetzt diejenige, die im Mondlicht laufen kann.
Alle stürmen auf sie zu und reden auf sie ein. Alle Aufmerksamkeit hat sich auf sie gelegt wie eine samtene Decke, mit der man sich wärmen kann.
Der Text und die klare süße Stimme des Mädchens hat etwas in ihnen allen berührt.
Sie lächelt dem Mond zu und dankt ihm für alles. Dafür, dass sie nicht mehr im Schatten der Großstadt leben muss. Von jetzt an.

© 2009 by Tamara Draisbach

Nachtmusik - Lesermeinungen

Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Tamara Draisbach hinterlassen.

orimderblaue Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Hallo Tamara,

leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.

Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.

Freundlicher Gruß,
Christian

Geschrieben am 13.12.2009 um 21:42 Uhr

Olivia Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Durch deinen Schreibstil schaffst du eine unglaublich schöne Umgebung, man findet sich wirklich dort wieder, man kann sich alles so gut vorstellen. Wie bereits vorher genannt, bleiben auch für mich einige Fragen offen, aber vielleicht muss das ja so sein? Es macht jedenfalls Spaß, die Geschichte zu lesen, auch wenn sie sich etwas in die Länge zieht :-)

Geschrieben am 01.11.2009 um 20:15 Uhr

janis Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Du schaffst es eine richtigs chöne Nachtstimmung hervorzubeschwören, der mond und die Sterne die der egschichte der GHroßstadt lauschen mit ihr dem pennermädchen.
Der hintergrund interessiert mich hierbei gar nicht, dus chreibst absolut ihm bewusstsein des Mädchens, was nicht viele können, aus ihrem Charakter herauszuschreiben ;)
darüber hinaus vernachlässigst du aber ein bißchen die Außenwelt,e s wäre schön wenn du die Stadt nochnebenher ein bißchen bildhaft beschreiben könntest ;)
Seltsam unrealistsich mutet das ende an, woher kommen die vielen leute wo sie doch zuvor ganz alleine war? ;)

Wunderschön, noch verbesserungswürdig aber eine sehr schöne Idee, es wäre toll gewesen wenn du noch ein bißchen mehr auf den gesang der Großstadt um den es ja eigentlich auch noch geht eingehen würdest.

Geschrieben am 30.10.2009 um 17:23 Uhr

Lara Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Mir gefällt die Idee deiner geschichte und du schreibst wunderschön. Besonders toll ist die Stelle, wo sie über Hass, Hochmut und Scham nachdenkt.
Aber die Geschichte zieht sich ein wenig, man weiß zu wenig über den Ort und die Person, Hintergründe wären gut. Es ist zwar philosophisch und wunderbar geschrieben, aber die Strucktur fehlt, der Charakter, man will sich doch in jeder Geschichte ein wenig wieder finden können...

Geschrieben am 29.10.2009 um 18:37 Uhr

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Teilnehmerdaten

Name

Tamara Draisbach (15)

Wettbewerbsjahr

2009

Platzierung

Die Leser wählten diesen Beitrag auf den Platz 14.

Kurzbiografie

Ich heiße Tamara Draisbach, komme aus Hessen, nahe Rüsselsheim und besuche dort zurzeit die 10te Klasse des Immanuel Kant Gymnasiums. Ich habe schon einmal bei einem Wettbewerb gewonnen und liebe es schon seit ich denken kann mir Geschichten auszudenken.
Mit Kurzgeschichten habe ich zwar nicht so viel Übung, aber ich hoffe der Text gefällt euch trotzdem.

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