Eine schwere Wahl
Sie stand vor dem Tisch, den Stift in der Hand. Unentschlossen. Sie war ganz für sich allein, auch wenn draußen vor der Tür sicher viele Menschen warteten. Hier war nur sie, in absoluter Ruhe, aber auch auf sich allein gestellt. Sie konnte sich nicht entscheiden. Was sollte sie nur tun? Dieser kleine, einfach Zettel vor ihr, verlangte ihr zu viel ab. Es war doch sowieso alles egal. Es waren doch eh alle gleich. Etwas bewirken, was hieß das schon noch, heutzutage.
Ihr Vater hatte immer geflucht, über die schlechte Politik. Alle vier Jahre war er über die Wahlergebnisse hergezogen, hatte gelästert und sich den gesamten Abend geärgert. Auch die Mutter hatte nichts tun können. Damals hatte sie sich gefragt, wieso er nichts unternahm. Nicht selber dazu beitrug, etwas zu ändern. Es war doch so einfach, hatte sie gedacht, ein paar Schritte, ein kleines Kreuz. Doch sie hatte sich nie getraut zu fragen, das kleine, dumme Mädchen, was von solch wichtigen Dingen nichts verstand.
Sie seufzte. Die Enge in der kleinen Kabine bedrückte sie, ihr wurde schlecht. Die Namen auf der Liste verschwammen vor ihren Augen zu einem Brei. Ein Brei. Sie schmunzelte, während sie sich mit einer Hand am Tisch abstützte, um nicht zu schwanken. Das traf es doch genau. Eine Masse, durchgekaut und hoch gewürgt, ohne Kompromisse, ohne Stückchen, ohne Ausnahmen. Alles eins, alles dasselbe. Sie seufzte erneut.
Sie hatte sich mit der Frage beschäftigt. Sie hatte nicht unvorbereitet hier stehen wollen, endlich mit dem Recht, etwas zu bewegen, ohne zu wissen, was zu tun sei. Und doch hatte es nichts geholfen, ihr Kopf war wie leer gefegt.
Sie wusste, was sie schlecht fand. Krieg, Tierversuche. Wenn sie nur an ihre kleine Katze zuhause dachte, kamen ihr die Tränen. Sie fand es zum kotzen, wie die Reichen immer reicher wurden, durch Spekulationen mit etwas, was es nicht gab. Sie fand es furchtbar zu erleben, wie sich die Menschen zu Grunde richteten und gleichzeitig brav nickten, wenn es um Umweltschutz ging. Wer sparte denn am Autofahren und Fliegen, an Strom und Fossilen Energiequellen. An allem Komfort, wer von all jenen, die zu entscheiden hatten?
Sie wusste auch, was sie gut fand. Hilfe für die Armen, bessere Bildung, mehr Arbeit und Zukunftssicherung für alle. Aber wer garantierte das? Hinter welchem der Namen auf ihrem Zettel verbarg sich jemand, der wirklich etwas verändern wollte. Grundlegend. Menschen wie ihr. Menschen, die es ungerecht fanden, dass alle Entscheidungen über ihr Vermögen in Händen großer Konzerne und Privatleuten steckte. Die sich verarscht fühlten, durch verblendende Werbung mit losen Versprechungen. Die sich unsicher fühlten, in den Weiten des Internets, in den weiter ihrer Welt.
Gab es denn niemanden außer ihr, dem auffiel, dass das Ganze eine einzige, große Verarsche war, verdammt?
Entscheide dich. Los.
Sie konnte es nicht. Zuhause würden schon die Leute von den Hochrechnungsbehörden am Telefon auf sie warten, lechzend nach Informationen. Mit welcher Antwort würde sie ihre Gier am liebsten stillen?
Denis hatte immer gesagt, man müsse die Menschheit schocken. Ja. Dennis war so gewesen. „Keine Ahnung, die Nullen sehen alle gleich aus!“, hätte er denen geantwortet, frech grinsend. Oder sowas in der Art. Oder er wäre gar nicht erst zur Wahl gegangen. Für Denis waren Entscheidungen immer einfach, er wusste was er tat, was er dachte, was er wollte, was gut war und was böse. Ach Denis. Wieso war sie nicht gut genug gewesen?
Sie hatten sich beim Malen kennen gelernt. Zeichenkurs. Sie waren so verschieden, wie Tag und Nacht, er groß und muskulös, uninteressiert an Schule und jeglichen Zwängen, sie klein, zierlich, folgsam. Er war da, um für seine Graffitis zu lernen, sie, weil ihr gesagt wurde, sie solle etwas aus ihrem Talent machen.
Ihre einzige Gemeinsamkeit war schnell gefunden: Sie vermissten die Farben, zwischen all den Kohlekreiden und Bleistiften. Und so nutzten sie bald die Stunden um auf seinem Mofa die weite Welt zu erkunden. Er hatte ihr gezeigt, aus sich heraus zu kommen. Auf ihr Herz zu hören. Die Welt als ganzes zu betrachten. Im Jetzt zu Leben und dennoch an die Zukunft zu denken.
Farben. Sie lächelte. Ihre Lieblingsfarbe stand leider nicht zur Wahl.
Sie verließ die Kabine, warf ihren Wahlbogen ein, ging zielstrebig an der wartenden Menge vorbei. Abgestumpfte Vollidioten, dachte sie und war erleichtert über diesen Gedanken, auch wenn sie wusste, er war voll von Vorurteilen. Er tat ihr einfach gut.
Sie dachte an das Meer. An die Ferne. An Freiheit und Natur, an das Leben an sich, an die Jungend, an den Frühling. An Gemeinschaft und Entspannung. An die Zukunft.
Die Befragung zur Hochrechnung der Wahlergebnisse würde sie missachten, ihre Gier stattdessen mit herablassenden Worten löschen, wie ein kalter Eimer Wasser - platsch - mitten ins Gesicht. Sie brauchten sie nicht zu fragen. Sie hatte nur eine Antwort, und diese befand sich in der verschlossenen Urne.
Türkis wie das Meer, welches kommt und geht, aber stets da ist. Wie das Meer, welches immer in Bewegung, mal seicht, mal ohne Rücksicht auf Verluste. Türkies, welches Freiheit und Ordnung, Heute und Morgen, miteinander vereint. Für ein Miteinander derer, die für ein Miteinander kämpfen. Ich würde es wählen.
In ein paar Jahren würde sie selber handeln können, wenn sie es wollte. Sich ihr Türkis mischen, so wie früher, mit einem langen Borstenpinsel, zwischen Farbdosen und Terpentin und Menschen, die die Arbeit ebenso liebten wie sie.
Vielleicht war sie ein kleines, dummes Mädchen. Vielleicht.
Aber sie war nicht naiv. Ihr utopisches Türkis, das würde es nie geben. Der Mensch war nun einmal ein Raubtier. Auf sich und seine Beute fixiert, egoistische Scheuklappen rechts und links. Aber Türkis, für sie steckte hinter dieser Farbe neben all den anderen Dingen vor allem eines: Hoffnung. Und sie war eine Träumerin, das war sie schon immer.
Sie verließ das Gebäude, machte sich auf den Heimweg. Inmitten der grünen Wiese am Wegrand, stand ein kleines, blaues Vergissmeinnicht.
© 2009 by Lara Görtz-Mann
Eine schwere Wahl - Lesermeinungen
Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Lara Görtz-Mann hinterlassen.
Macht Spaß, diese Geschichte zu lesen, sehr gut formuliert und aufgebaut.
Geschrieben am 13.12.2009 um 22:49 Uhr
Hei :)
Ich mag deinen Schreibstil sehr, vor allem wie du das Ganze so schoen mit der Farbe Tuerkis verbindest und wie die Geschichte letzlich endet. Es gibt ein paar kleinere Rechtschreibfehler hier und da , aber die fallen nicht grossartig auf. Mir hat aber bei der Geschichte irgendwie das gewisse Etwas gefehlt, etwas , dass den Leser mehr von der Geschichte ueberzxeugen wuerde...
Aber alles in allem toller Stil, mach weiter so!
Geschrieben am 13.12.2009 um 19:45 Uhr
Hallo Lara,
leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.
Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.
Freundlicher Gruß,
Christian
Geschrieben am 13.12.2009 um 19:43 Uhr
ag das ende mehr als den Anfang, mir hätt es sehr gefallen wenn du das Türkis schon früher ins spiel gebracht hättest.
Mir fehlt etwas bei deiner geschichte, das gewisse etwas, die Lehre die man hinter den buchstaben suchen muss.
Gut finde ich aber dass du es völlig offenlässt was für parteien, Kandidaten das sind, das verstärkt nun mal das Gefühl dass alles dasselbe ist. Etwas unpassend finde ich Dennis, die Geschichte ist wie ein mix aus der Politikgeschichte und ihrem leben. Ihr Leben klingt interessant, kreativ, aber dann ist da zu viel die politikstory drin. wenn es um die politikstory geht ist wieder ein Schuss zuviel leben drin.
Aber trotzdem sehr schön die Farben zwischen den Kohlestiften, da hättest du vll versuchen können, dass man den bezug zu den Wahlkandidaten besser mitbekommt.
Am Ende kommt einemd ann richtig schön das Bild eines kleinen Dorfes in den SInn, ein Weg der zu einem mit Sonnenstraheln Geschmückten Meer führt und ein (türkises?) Veilchen am Wegrand ;)
Geschrieben am 14.10.2009 um 08:47 Uhr
Mir gefällt deine Geschichte sehr. Der Anfang ist so geschrieben, dass man weiter lesen möchte. Es handelt sich um ein aktuelles Thema. Ich mag es wenn Menschen über Politik schreiben, in unserem Alter machen sich viel zu wenige Gedanken darüber, was aus unserem Land einmal werden soll. Seine Protagonistin ist sehr realistisch dargestellt, ihre Entscheidungsschwierigkeiten, das Abschweifen ihrer Gedanken machen sie zu einer sehr glaubwürdigen und sehr sympatischen Hauptfigur.
Alles in allem ein sehr gelungener Text!
Geschrieben am 12.10.2009 um 19:00 Uhr
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Wettbewerbsjahr
2009
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Kurzbiografie
Ich wurde am 14. Februar 1993 in Kassel geboren, wo ich seit dem mit meinen Eltern (und leider ohne Geschwister) lebe.
Nach der Kindergartenzeit, in welcher ich stolz meine Eltern mit selbst gemalten und gebastelten Kunstwerken beschenkt und mich gefreut habe, dass ich meinen Namen schön schreiben konnte, kam ich auf eine Gesamtschule, die bis zur 10. Klasse ging.
Dort lernte ich endlich richtig lesen und schreiben und vor allem, das Lesen und Schreiben zu lieben.
Jetzt bin ich 16, auf einer neuen Schule, in der 11. Klasse.
Seit ungefähr vier Jahren hat sich das Schreiben zu einem großen Hobby entwickelt, von Gedichten, über Kurzgeschichten, bis hin zu einem kleinen Buch.
Einem Hobby, was einfach Spaß macht, Kreativität genug mit Selbstfindung und -verwirklichung vereint.
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