Die Geigenspielerin
Sie klappte die silbernen Schlösser ihres schwarzen Geigenkoffers zu. Für heute war die Stunde beendet. Heute Abend bereits würde sie auf einer Bühne vor mehr als 1000 Augenpaare stehen, die alle nur wegen ihr gekommen waren. Wegen ihr. Dem Wunderkind der heutigen Zeit.
Sie zog sich ihren Mantel an, der über einen Stuhl gelegt war und knöpfte ihn zu. Dann drehte sie sich zu ihrer Lehrerin, die ihr die Notenblätter in die Hand gab. „Wir sehen uns heute Abend“, sagte diese. Sie umfasste mit der rechten Hand den Griff des Geigenkoffers und hob ihn hoch. Mit dem linken Arm presste sie die Notenblätter an sich, dann verließ die den Raum. Auf den Straßen sammelten sich Pfützen von dem geschmolzenen Schnee. Sie versuchte sie zu umgehen, um keine nassen Füßen zu bekommen. Die Mutter würde sonst wieder schimpfen. Sie schlang ihren Schal weiter um den Hals und lief zur Bushaltestelle. Der Bus ließ nicht lange auf sich warten. Sie setzte sich auf einen freien Platz am Fenster und starrte hinaus. Ihre Gedanken waren nur bei dem Konzert heute Abend. Es stand so vieles auf dem Spiel. Er würde da sein, wurde ihr versprochen. Er würde zwischen all den Zuschauern sitzen und ihr zuhören und ihr nach dem Konzert die Hand geben, gratulieren und ihr die Anmeldung für die Musikschule versichern, auf die nur Wunderkinder gehen. Sie würde die Stadt verlassen und somit auch ihre vertraute Umgebung. Doch Musik war ihre Zukunft. In ihren Gedanken vertieft, hätte sie beinahe die Haltestelle verpasst. Sie sprang aus dem Bus, über eine Pfütze und lief die Straße entlang, bis sie in ihre Straße einbog. Die Reihenhäuser erstreckten sich über die ganze Straße. Fast schon unheimlich, wie ein Haus dem anderen glich. Sie lief an ihnen vorbei, bis sie zu ihrem Haus kam. Sie öffnete das kleine Tor und stieg die Stufen zur Eingangstür hinauf. Dann drückte sie auf die Klingel. Sie hörte das Geräusch von Schritte, die sich zur Tür begaben. Sie wurde geöffnet und ihre Mutter ließ sie herein. „Dein Essen steht schon auf dem Tisch und danach übst du deine Stücke, bevor du dich fertig machst.“ Die Mutter schloss hinter ihr die Tür und ließ sie alleine. Sie stellte den Geigenkoffer ab und legte die Noten sorgfältig auf die Kommode neben der Garderobe. Dann zog sie sich Mantel und Schuhe aus und schlüpfte in ihre Hausschuhe, ehe sie die Küche betrat. Auf dem Küchentisch stand schon das Gedeck und daneben ein großer Erbseneintopf. Sie setzte sich und nahm sich zwei große Schöpfkellen von dem Eintopf. Sie hatte Hunger. Den ganzen Tage hatte sie bis auf ein Butterbrot nichts weiter gegessen. Der Eintopf war lauwarm. Sie leerte gierig den Teller und nahm sich eine weitere Portion. Als sie fertig war, stand sie auf und deckte den Tisch ab. Danach ging sie zurück in den Flur, um ihre Geige und die Noten zu holen und ging ins Wohnzimmer. Dort saß ihre Mutter auf einem Sessel und las Zeitung. Sie legte die Noten auf den Notenständer und packte ihre Geige aus. Sie spannte den Bogen und spielte sich ein, ehe sie sich an die Stücke machte. Ihre Mutter wippte mit ihrem Fuß im Rhythmus mit. „Denk an deine Haltung!“, hörte sie ihre Mutter sagen, die ihre Zeitung beiseite gelegt hatte. Sie spielte ihre Stücke zweimal durch. Als sie fertig war, packte sie die Geige wieder sorgfältig in ihren Koffer und steckte die Notenblätter in eine grüne Mappe. „Komm“, ihre Mutter stand auf und nahm sie an der Hand mit nach oben ins Badezimmer. Dort setzte sie sich auf einen Stuhl, während ihre Mutter alles bereit legte. Ihre langen, blonden Haare wurden zu einem strengen Zopf zusammengebunden und ihr Pony mit Haarklammern zur Seite gesteckt. Dann nahm ihre Mutter einen Waschlappen und wusch ihr damit das Gesicht. Sie trocknete es mit einem Handtuch und begann sie zu schminken. Schminke benutzte sie nur bei Aufführungen. Einige Mädchen aus ihrer Klasse jedoch auch, um den Jungs zu gefallen. Ihre Mutter sagte immer: „Die Natur hat dich so gemacht, wie sie dich haben will.“ Sie betrachtete sich in dem großen Spiegel, der gegenüber von ihr an der Wand hing. Sie erkannte sich nur halb wieder. Sie wirkte erwachsener. Ihre Mutter betrachtete sie lächelnd. „Ich habe deine Sachen schon auf dein Bett gelegt. In einer halben Stunde ist Abfahrt.“
„Wollen wir nicht noch auf Papa warten?“
Ihre Mutter senkte kurz den Blick. „Ich denke nicht, dass er es schaffen wird. Aber ich bin ja da.“ Sie tätschelte ihr die Schulter. Dann ließ sie sie alleine im Bad. Sie sah sich erneut im Spiegel an. Hatte ihr Vater ihr nicht versichert, er würde kommen? Sie ging in ihr Zimmer. Auf ihrem Bett lag der schwarze Rock, der ihr bis zu den Knien ging, die schwarze Strumpfhose, die weiße Bluse und die schwarze Weste. Ihre schwarzen Lackschuhe standen auf dem Boden vor dem Bett. Sie zog ihre Klamotten aus und zog sich die Sachen über, die ihre Mutter bereit gelegt hatte. Ihre alten Sachen legte sie sorgsam auf einen Stuhl. Als sie fertig war, ging sie zu ihrer Kommode, auf der sich, neben Bilerrahmen mit Erimmerungsfotos, ihre Schmuckschatulle befand. Sie öffnete sie und zog eine der Schubladen auf. In ihr befand sich eine goldene Kette mit einem kleinen goldenen Herz, das ihr ihre Großmutter kurz vor ihrem Tod geschenkt hatte. Es sollte Glück bringen.
Die Oper war schon gefüllt mit Zuschauern. Sie waren etwas später als erwartet eingetroffen. Das kam durch den Stau, mit dem sie nicht gerechnet hatten.
Sie liefen durch die Gänge. Vorbei an all den Menschen, die wegen ihr heute Abend gekommen waren und sie nun im Vorbeigehen musterten. Ihre Mutter zog sie hinter sich her, bis sie zu einer Tür kamen, auf der ihr Name stand. Die Mutter öffnete diese und sie betraten den Raum. Er war nicht sonderlich groß. Es befanden sich zwei Stühle und ein Tisch in ihm. Auf einem der Stühle saß ihre Geigenlehrerin. „Maya“, rief sie erfreut. Sie nickte der Mutter zu. Maya stellte ihren Geigenkoffer in eine Ecke und setzte sich auf den freien Stuhl. Ihre Mutter stand neben ihnen, die Hände in den Hüfte gestemmt. „Gut. Ich werde mich dann mal auf meinen Platz begeben.“ Sie schaute auf ihre Armbanduhr. „Noch zwanzig Minuten.“ Sie küsste Maya auf de Stirn und verließ das Zimmer. Nun wandte sich die Lehrerin ihr zu. „Maya. Du weißt, dass dieser Abend sehr, sehr sehr wichtig ist für dich?“ Maya nickte als Antwort. „Gut. Ich nehme mal an, dass du alle Stücke noch mal durch gegangen bist?“ Sie nickte wieder. „Ich werde nur noch deine Geige stimmen und dann machen wir uns auf den Weg.“ Maya packte ihre Geige aus und reichte sie ihr. Die Lehrerin fing an mit dem stimmen. Währenddessen packte Maya die Notenblätter aus der Mappe und klemmte sie sich unter den Arm, während sie den Bogen spannte. Ihre Lehrerin war fertig und sah auf ihre Armbanduhr. „Wir müssen gehen. Hast du alles?“ Sie nickte. Dann gingen sie aus dem Zimmer. Sie gingen wieder durch die Gänge, aber diesmal nicht an den vielen Leuten vorbei. Sie blieben vor einer Tür stehen. Bühneneingang. „Jetzt wird es ernst. Ich wünsche dir viel Glück“, sagte die Lehrerin und öffnete die Tür. Der schwarze Vorhang trennte sie nur noch von den Zuschauern. Zwei Männer kamen ihr entgegen. Der eine war der Tontechniker, der ihr ein Mikrofon an die Geige befestigte, der andere derjenige, der ihr zeigte, wo sie zu stehen habe, um für die Zuschauer gut sichtbar zu sein. Sie trat zu dem Notenständer, der schon für sie aufgebaut war. Sie legte ihre Notenblätter auf ihm ab und stellte ihn auf ihre Größe ein. Sie atmete tief durch. Der schwarze, riesige Vorhang würde sich gleich öffnen. Ihre Lehrerin stand neben ihr und hielt ihr die Geige hin. „Ich werde links in der ersten Reihe sitzen.“ Damit ging sie. Nun stand sie da. Mit der Geige in der rechten und dem Bogen in der linken Hand auf der Bühne und spürte die Nervosität, die sie zuvor noch nicht gespürt hatte, in sich aufkommen. Sie konnte die Stimmen und Geräusche von den Leuten hören, die sich vermutlich schon alle auf ihren Plätzen befanden und nur drauf warteten, dass das Licht erlosch und sich der Vorhang erheben würde. Jemand kam zu ihr. „Bist du bereit?“ Sie nickte. „Dann fangen wir an.“
In einer Stunde würde alles vorbei sein. In einer Stunde würde sie von der Bühne gehen unter begeistertem Jubel. In einer Stunde würde sie die Hand geschüttelt bekommen von dem Musikprofessor und die Zusage für die Musikschule. In einer Stunde würde sie in den Armen liegen von ihrer Mutter, die stolz und zu Tränen gerührt war. Die Stimmen und Geräusche hinter dem Vorhang wurden leiser. Das Licht wurde immer schwächer in dem Saal. Sie stand in einem Scheinwerferlicht und sah dem Vorhang zu, wie er sich langsam vom Boden erhob. Schließlich konnte sie schon die ersten Reihen sehen, von denen aus ihr die Leute zusahen. Ihr atmen wurde schneller. Dann war der Vorhang oben und alle Blicke richteten sich auf sie. Es war still in dem Saal. Dann spürte sie es an ihrer rechten Hand. Vielleicht konnten die Zuschauer es wegen dem Scheinwerferlicht nicht sehen, aber sie spürte es. Sie stand nun da, wurde beobachtet von mehr als 1000 Augenpaare. Sie stand da. Auf der Bühne mit dem gespannten Bogen in der linken und der Geige in der rechten Hand, von der sie nun wusste, dass die A-Saite gerissen war.
„Hee Maya. Aufwachen. Dein Dienst fängt gleich an“, jemand rüttelte grob an ihrer Schulter. Sie wurde aus dem Traum gerissen. Sie blinzelte. Vor ihr stand Anna, deren Schicht sie jetzt ablösen musste. Maya rückte ihre weiße Schwesternuniform zurecht und erhob sich von dem Stuhl. Sie war über dem Schreibtisch eingeschlafen. Seltsam, dass sie dieser Traum, der Wirklichkeit gewesen war, sie nun wieder eingeholt hatte. Wie oft hatte sie es damals bereut gehabt einfach weggelaufen zu sein. Vielleicht hätte sie damals einfach die Ersatzgeige nehmen sollen, die extra für sie an der Bühnenseite bereit stand. Vielleicht würde sie dann nicht hier sein und eine Nachtschicht übernehmen müssen.
Aber zum Bereuen war es jetzt sowieso zu spät.
© 2009 by Elisabeth Matthias
Die Geigenspielerin - Lesermeinungen
Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Elisabeth Matthias hinterlassen.
Hallo Elisabeth,
leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.
Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.
Freundlicher Gruß,
Christian
Geschrieben am 13.12.2009 um 19:25 Uhr
Ich finde deine Geschichte und den Schreibstil im Allgemeinen gut, doch kommt er mir stellenweise etwas zu abgehackt vor. AUch wurde ich vermeiden in drei Satzen hintereinander dasselbe wort (strasse) zu benutzen. Die Wendung am Ende gefaellt mir, aber der Showdown haette vllt. etwas ausfuehrlicher beschrieben werden koennen...
Geschrieben am 13.12.2009 um 19:15 Uhr
Hallo =),
also, erstmal auch von mir ein großes Kompliment, spielst du selbst
Geige? Wenn nicht, dann ist es wirklich nicht selbstverständlich, etwas über dieses " Fachgebiet" zu wissen und dann noch so darüber schreiben zu können. =)
Nur, ich kann es mir leider nicht verkneifen, weil ich selbst Geige spiele. ;) Eine zuvor noch von der Lehrerin gestimmte A-Saite reißt nicht einfach so, außerdem lernt man sehr früh ( vor allem als Wunderkind) die Geige selbst zu stimmen, das gehört einfach dazu. Und naja, sonst gibt es nicht viel auszusetzen. Nimm das nicht als Kritik, sondern als Anmerkung, okay?
Deine Idee war gut, mit der Wende am Schluss, ich habe aber auch wirklich schon mit einem bösen Ende gerechnet. ^^
Was mich noch interessieren würde, hat Maya das Geigespielen dann ganz aufgegeben? Ah, noch eines, etwas unrealistisch ist es, wenn wegen einer Geigerin ( auch wegen eines Wunderkindes) 1000 Leute in eine Oper kommen. Ab und zu sind auch noch ein paar Tippfehler drin, die aber kaum auffallen. =) Also, vielen Dank für die Geschichte.
Geschrieben am 29.11.2009 um 18:37 Uhr
Sehr schön. Wirklich genial. Mit der Wende am Schluss habe ich nicht gerechnet und du hast die Sache sehr gut beschrieben.
Die Strenge und der Druck der mutter, die Erwartungen. nur die Nervosität am Ende hätte etwas mehr hervorgehoben werden können.
Ansnosnten gibt es nicht viel zu sagen.
Du schreibst sehr gut und die Idee ist acuh nicht die schlechteste. ;)
Geschrieben am 30.10.2009 um 19:29 Uhr
Ein schönes Ende. Auch wenn ich zwischendurch fast das gefühl hatte, es sei der Traum der Mutter, nicht ihr eigener. Wie sie sie drängt, wie Maya sagt, Musik sei ihre Zukunft, das klingt fast ironisch, zu erwachsen für ihr Alter.
Aber dennoch schön. Jede Chance muss genutz werden.
Ich muss meinen Vorrednerinnen recht geben: Du beschreibst alles fast zu genau. Aber das muss nicht unbedingt schlecht sein. Genauigkeit kann faszinierend und wunderschön sein (Kennst du Walter Moers? Der schreibt irre genau aber irre toll!). Du musst nur das richtige Maß treffen.
Geh die Geschichte noch einmal durch und überlege genau, welche Details interessant sind und zur veranschaulichung, zur bildichen Darstellung der Handlung beitragen, und welche einfach nur Satzfüllend und überflüssig sind. (Beispiel: Ob sie die Geige in der rechten hand und die Noten unter dem linken Arm hat, oder umgekehrt, ist irrelevant. Aber dass der mantel über einem Stuhl hängt, dass zuhause ein kleines Tor und Stufen auf sie warten... das veranschaulicht!)
Noch ein Tipp: Mach nicht nur Hauptsätze. Ich neige auch dazu, ich liebe
kurze, übersichtliche Sätze, aber glaub mir, wenn du beschreibst können die Sätze lang sein und dennoch verständlich, erst bei viel Handlung werden lange Sätze verwirrend.
Wären in deiner geschichte mehr Nebensätze, würde sie nicht so langatmig wirken, da bin ich mir sicher.
Eine super Idee udn eine tolle, bearbeitungswürdige Grundlage.
Geschrieben am 25.10.2009 um 18:05 Uhr
du hast deine Geschichte sseehhrr ausführlich beschrieben
(bei einem Buch wäre das ziemlich ätzend auf Dauer)
aber deine Idee ist ganz gut.
Geschrieben am 20.10.2009 um 13:02 Uhr
Mir gefällt der Hintergrund deiner Geschichte sehr. Die Aussage spornt jeden von uns an seine Träume zu verwirklich egal wie ausweglos eine Situation erscheint. Sehr schön!
Allerdings muss ich sagen, dass mir die Art wie du schreibst überhaupt nicht gefällt. Das ist mir zuuu ausführlich. Man muss nicht alles bis ins kleinste Detail beschreiben. ; )
Aber alles in allem eine sehr gelungene Geschichte.
Geschrieben am 13.10.2009 um 13:46 Uhr
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Teilnehmerdaten
Wettbewerbsjahr
2009
Platzierung
Die Leser wählten diesen Beitrag auf den Platz 22.
Kurzbiografie
Ich wurde am 24. Januar 1993 in der Nähe von Frankfurt am Main geboren. Ich erlernte
schon früh das Lesen und Schreiben. Mit acht Jahren fing ich an, meine ersten Kurzgeschichten
zu schreiben.
Derzeit besuche ich die elfte Klasse eines humanistischen Gymnasiums.
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