Kann es sein?
Die Herbst-Zeitlose ist der Eisblume gewichen, seit das Volk brutusgleich mein Fleisch Dolchstahl schmecken gelehrt hat. Mein letzter Weg ist durch die weißen Laken Mutter Naturs bedeckt und der Hals tut mir weh bei dem Gedanken an die Eintracht, welche alsbald durch heißes Rot beschmutzt werden soll. Mehr als Wehmut vermag ich nicht mehr zu verspüren, zu lange habe ich die Absenz geliebter Menschen ertragen gelernt.
Endlich hält der Wagen auf der Place de la Révolution; die Carmagnole wird von törichten Weibern wie Männern gesungen und getanzt. Besäße das Lied nicht jenen bissigen Spott, für dessen Anmaßung ich es verachte, so würde seine lebhafte Melodieführung auch mir ein Lächeln entlocken. Doch nun vermag ich nur noch zu erhoffen, dass die Jakobiner allesamt an ihren Worten vergehen, sich gegenseitig in ihrer Machtbuhlerei auffressen mögen und meiner Ohnmacht ein schnelles Ende gesetzt werde.
Spöttelnde Wachen reißen mich aus dem Gefährt, meine Todeskutsche hat vor dem Schafott gehalten. Kaum festen Boden spürend, die Stufen des Podestes mehr hinaufwankend als ehrenvoll überschreitend, dringt mir schon des Todes Geruch in die Nase. Unverkennbar, sinnend nach Herzblut und Angstschweiß, als ströme die sich vor mir auftürmende Guillotine diesen selbst aus, noch vollgesogen vom Lebenssaft meiner Vorgänger. Beim Anblick meiner vor dem Fallbeil geht eine Welle an Frohsinn durch die Schaulustigen und es erschallt ein größer werdendes Getön an mannigfachen Rufen, bis sie sich in Einstimmigkeit vereinigen: „Louis, nous voulons ta tête!“.
Vom eigenen Volk gebrandmarkt, perückenlos, mit fettigem Haar, langem Beinkleid und einem besudelten Oberhemd, harre ich im Zentrum der Höhnenden. Schließlich bringt der Scharfrichter Erlösung; er tritt an mich heran, bereit mich an die Wippe zu binden. Ich erkenne sein Gesicht, von der Henkermütze befreit; er hat sich bereits einen Namen gemacht, der Monsieur de Paris. Schon zu viele Häupter entriss er ihren Leibern und die Zahl steigt nunmehr mit jedem Morgengrauen.
Des Aufbegehrens unwillig lasse ich mich führen und anketten, die eisigen Augen des Henkers auf mir ruhend. Kurz darauf schnellt die Pritsche in die Waagerechte; mein Rücken schmerzt auf dem unbehaglichen Holz, mein Kopf lagert auf der unteren Lünette. Meine Gliedmaßen zu regen mag mir nun unmöglich sein, doch meine Zunge ist der Bewegung geneigter denn je.
„Ich war meinem Volk ein so schlechter König nicht, als dass ich wie die gewöhnliche Aristokratie an die Laternen gehängt gehöre. Habe ich nicht zusammen mit Monsieur Turgot Steuern abgesetzt um dem Volk das Brot zu geben? Und doch erhielt ich den Judaskuss als Vater Frankreichs.“
„So ist’s doch Eures Vatervaters Schuld, dass das Volk nach dem Brote schrie. Und Antoinette verhöhnt mit Spöttelblick den kleinen Mann und fordert Kuchen zu essen, wo kein Brot mehr ist. Glaubet mir, ich bin kein Feind der Monarchie. Doch da hat sie zu viel gewagt, wundert’s noch, wenn’s einfach‘ Volk sie österreichische Hure schimpft?“
Die leise Entgegnung des Scharfrichters trifft mich wider Erwarten; die Art wie er spricht hebt ihn vom tumben Bauerngesindel ab und erregt sogleich mein Wohlsinnen. Nach einem halben Erdumlauf Gefangenschaft, angefüllt mit Ignoranz und Torheit, versöhnt mich eine Rede, so voller Vernunft und Besonnenheit, ein wenig mit der Welt.
„Ihr habt gut gesprochen, doch vergesst ihr die Unschuld der Reine. Ward sie doch mit vierzehn Jahren von der Mutter getrennt, in das fremde Frankreich entsandt, der französischen Sprache nur wenig mächtig und in die Hände eines Dauphin gelegt, kaum älter als das Mädchen. Doch das einfache Volk begreift ihren Unmut nicht.“
Der Henker lacht leise. „Sie hat wahrlich nicht als Einz‘ge zu tragen an einer Last. Auch ich bin verziert mit Wunden, welche die Zeit nicht zu heilen vermag. Mein Studium der Medizin musst‘ ich aufgeben als mein Herr Papa an Lähmung krank darniederlag; war es doch meine Pflicht für ihn zu sorgen vor dem Tod. So nahm ich das erbliche Gewerbe meiner Ahnen auf mich, das verwünschte Geschäft, welches Argwohn und Schmähung eines jeden Menschen auf mich zieht. Und nun nahm mir des Unglücks Kuss auch noch meinen jüngsten Sohn, vor einem Jahr trug es sich zu, als er mir bei einer Hinrichtung zur Seite stand.“ Das Eisblau seiner Augen verriet die fortwährende Pein. „Tröstet Euch, mein König, für manchen Menschen stellt der Tod Errettung da. In einem Land, in dem die Grande Terreur stetig Macht gewinnt, bin ich mit ebenso wenig Platz bedacht wie Ihr.“
Mir stehen nunmehr Tränen in den Augen; scheint es doch als irrwitziger Wink des Schicksals wie verwandt ich mich in den letzten Minuten meines Lebens mit dieser schmerzteilenden Seele fühle. Als der Monsieur de Paris das Wasser bemerkt, trocknet er es mit seinem Mantelsaum und lächelt still; ich bin unfähig sein brüderliches Handeln zu vereiteln, festgekettet wie ich auf der Wippe ruhe.
„Ihr meint es gut mit mir und spendet Euren Trost gar ohne langes Zögern. Meine Würde ward lange Zeit mit Füßen getreten und nun erfahre ich die Ehre, eine helfende Hand wie die Eure auf dem letzten Weg an meiner Seite zu wissen. Behaltet meinen aufrichtigen Dank, ich nehme Eure offenen Worte mit hinfort.“
„Das ist nur das Gerede eines alten Mörders, der schon zu viel Leid erlebte“, die Hand des Scharfrichters vollführt eine herablassende Bewegung. „Aber ich will Euch ein Versprechen geben, mein König. Robespierre, Danton und all die anderen Revolutionäre, die Euren Tod verschulden, sie werden Euch nicht lang überleben. Und ich schwöre, sie werden durch mein Beil ihr Ende finden.“ Nun legt er seine Hand auf meine Schläfe. „Es ist soweit. Ich bitte Euch, Eure letzten Worte an das Volk zu richten.“
Ich nicke und erhebe meine Stimme. Sie erscheint mir kräftiger, ein wenig mutiger als noch vor wenigen Augenblicken und sie besitzt Endgültigkeit. „Ich sterbe unschuldig der Verbrechen, die man mir anlastet. Ich verzeihe dem Urheber meines Todes, und ich bitte Gott, dass das Blut, das nach meinem Tode fließen wird, nie auf Frankreich zurückfällt.“ Dann flüstere ich, dem Monsieur de Paris entschlossen in die Augen blickend, meine vertrauliche Botschaft: „Charles Henri, kann es sein, dass man an seinem letzten Tage noch einen Seelenverwandten trifft? Ich danke Euch für diese Freundschaft, wenn ich sie auch erst sehr spät erfuhr.“
Das Surren des Fallbeils bleibt ein letzter Abschiedsgruß.
© 2009 by Lara Kobilke
Kann es sein? - Lesermeinungen
Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Lara Kobilke hinterlassen.
Hallo Lara,
leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.
Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.
Freundlicher Gruß,
Christian
Geschrieben am 13.12.2009 um 20:12 Uhr
Also für diese seltsamen Zeichen darf man dir nichts abziehen, dass war ja das System ;)
Ja es ist immer ein Problem bei solchen Dingen Zeitgemäß zu schreiben. GErade hier sollte man mehr bildhaftschreiben. Das Knattern der Kutschen, auf den pflastersteinen, das gejohle des Pöbels. Das Knarren des Holzpodestes. Die Kleidung der umstehenden, Von Bürgern zu Revolutionären ;)
Ansonsten ein schöner und interessanter dialog ;)
Geschrieben am 31.10.2009 um 14:03 Uhr
Ich finde deine Idee ganz nett, wenn ich auch geschichten, in welchen der erzählende Protagonist am Ende stirbt immer wieder komsich finde. Unlogisch... wie soll er das noch erzählen, niederschreiben oder dergleichen? Das ist natürlich irrelevant, aber man kann sich nicht gut in die Geschichte einfühlen, wenn man diese frage im Hinterkopf hat, finde ich.
Der Aufbau und Ablauf der Geschichte gefällt mir, allerdings mag ich deinen altmodisch geprägten Schreibstil nicht. Es ist mühsam zu lesen.
Dennoch eine gelungene, anschauliche geschichte.
Geschrieben am 25.10.2009 um 16:25 Uhr
Hui... schwere Kost. Und auch nicht unbedingt einfach zu lesen. Musste mich ziemlich anstrengen weil du, wie ich finde, teilweise viel zu "übertrieben" schreibst. Irgendwie würde ich mir einen etwas "zeitgemäßeren" Schreibstil wünschen, aber das ist nur meine persönliche Meinung. Die Geschichte an sich gefällt mir dagegen sehr gut, auch wenn ich finde dass der Titel überhaupt garnicht zur Geschichte passt, weder von der Formulierung noch vom Inhalt. Außerdem hast du eine störende Zeichen (#&1948) in deinem Text, ich vermute mal vom reinkopieren, aber die haben mich doch auch teilweise gestört.
Geschrieben am 20.10.2009 um 15:59 Uhr
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2009
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Kurzbiografie
Ich bin am 03.04.1993 als drittes Kind meiner Eltern geboren. Ich gehe nun im Alter von sechzehn Jahren in die 12. Klasse des Gymnasiums und interessiere mich besonders für die Fächer Deutsch und Geschichte. Durch die Teilnahme am Schnellläufer-Projekt meiner Schule konnte ich die 8. Klasse überspringen und wurde schon früh auch kreativ gefördert. Deshalb begann ich im Alter von 10 Jahren umfangreichere Geschichten zu schreiben und ein Interesse an kreativer Textarbeit zu entwickeln.
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