moribond - Blonder Engel

Von Freundschaft, Schokoladeneis und vom Sterben

Prolog

Sie hatten es mir nie gesagt, doch ich wusste es.
Allen im Haus war es verboten, darüber zu sprechen, doch ich wusste es.
An diesen wenigen Worten, die doch so viel bedeuteten, wäre ich beinahe zerbrochen.


Unschuld

Gibt es etwas unschuldigeres, als Kinder beim Spielen?
Ich wusste es nicht, auch nicht, wie ich auf die Frage gekommen war, doch ich spielte nicht.
Ich saß im Sand und starrte einen schwarzen Fleck an, der auf einem kleinen, grasbewachsenen Hügel lag. Langsam stand ich auf, lief zu dem Fleck hinüber und erst, als ich nur noch einen halben Meter von dem Etwas entfernt war, erkannte ich, was da lag. Eine tote Amsel.
Wortlos, als wäre es selbstverständlich, ging ich in den Schuppen eine Schaufel holen.


Auf dem Weg nach Hause, traf ich einen Jungen. Ich hatte ihn heute im Sandkasten schon gesehen, bestimmt war er neu in der Gegend.
Wie immer lief ich, den Schulranzen geschultert, die Straße entlang. Er neben mir, denn wie es aussah, teilten wir den selben Weg und die selbe Schüchternheit.
„Hallo.“, meinte er dann doch, etwas zögerlich. Ich war mir sicher, dass ich nicht antworten würde. Seitdem ich es erfahren hatte, hatte ich kein Wort mehr hervor gebracht, umso mehr überrascht war ich, als doch ein kurzes 'Hi' über meine Lippen kam.

Wie Kinder nun einmal sind, fingen wir an anzugeben. Ich mit meinem kleinen, blauen Fahrrad. Er mit seinem großen Bruder und als er mir dann erzählte, dass seine Eltern 'supermegadoll' reich waren, dachte ich schon, ich hätte verloren, doch dann fiel mir es wieder ein und ich glaubte ihn damit sehr zu beeindrucken. „Ich werde sterben.“, sagte ich und versuchte dabei cool zu bleiben. Doch der Blondschopf zuckte nur mit den Achseln. „Jeder stirbt irgendwann.“
„Aber ich, ich sterbe in drei Tagen. Nein, in zwei. Übermorgen!“ Als ich sein verdutztes Gesicht sah, lachte ich nicht, denn es tat immer noch sehr weh.
„Wieso?“, fragte er mich und ich konnte sehen, dass er mir nicht glaubte.
„Eine Krankheit. Sie ist nicht ansteckend, doch ein Jahr nach den ersten Anzeichen stirbt man. Man kann sie bis jetzt nicht heilen ...“ Ich verstummte, denn ich hatte ihm wirklich schon zu viel gesagt. Dabei kannte ich ihn erst seit heute.

Auf einmal packte er mich am Arm und zwang mich stehen zu bleiben. Er sah er mich ernst an und mir wurde komisch zu mute. „Bitte. Lass uns morgen zusammen etwas unternehmen, okay?“
verblüfft schaute ich ihn an, doch ich kam nicht einmal dazu den Mund zu öffnen. „Nur wir zwei. Ein letzter Tag ...“ Er streckte mir die Hand entgegen und meinte ohne Umschweife: „Jonathan.“
Ich lächelte leicht, denn wie es aussah, hatte ich einen neuen Freund. „Christian.“, antwortete ich, meine Hand in seiner.



Das Ende

Wir trafen uns früh am Morgen an der selben Stelle wieder, wo wir uns verabschiedet hatten. Doch als ich ihn fragte, was er denn nur vor hatte, grinste er mich nur breit an. Und meinte: „Haben dir deine Eltern gesagt, wann du zu Hause sein musst?“
Ich schüttelte den Kopf. Früher oder später hätte ich es ihm sagen müssen. „Meine Mutter hat mich ausgesetzt, nachdem mein Papa an der Krankheit starb, weil die Wahrscheinlichkeit zu groß war, dass ich auch den selben Weg gehen würde wie er. Sie wollte nicht wissen, ob ich nun lebe oder sterbe. Angeblich haben sie ihre Eltern davon überzeugt. Das habe ich bei meinen Erziehern auf geschnappt … So habe ich auch erfahren … dass ich sterben werde.“ Ich wandte den Blick von ihm ab, ich konnte ihn einfach nicht mehr ansehen. „Wie ist es zu sterben?“, fragte ich ihn, doch er beantwortete meine Frage nicht, das würde ich all zu bald selbst herauskriegen.
Er packte meinen Ärmel und zog mich die verlassene Straße entlang.
„Bitte.“, hörte ich ihn flüstern. „Bitte, denke heute nicht ans Sterben. Versprich es mir! Lass uns heute einfach nur Spaß haben, okay?“ Ich nickte stumm und wusste nicht, wie ich meine Dankbarkeit ausdrücken sollte. Also folgte ich ihm weiter, starrte nur auf seinen blonden Schopf und fragte mich was er wohl mit mir vor hatte.

Er führte mich durch weitere Gassen, Straßen entlang und wir kamen an Häusern vorbei, die ich noch nie gesehen hatte. Die Sonne war auch endlich hinter den Wolken hervor gekommen und ließ uns schwitzen. Schließlich stopften wir die Jacken in einen kleinen Rucksack, den er mit dabei hatte, und marschierten wortlos weiter.
Vor einer Eisdiele kam er schließlich zum stehen und sah mich fragend an. „Vanille oder Schoko?“

Zehn Minuten später standen wir Eis schleckend im Schatten und versuchten die Riesendinger aufzuessen, die Jonathan gekauft hatte, bevor sie ganz geschmolzen waren.
Dabei schmierten wir uns von oben bis unten mit Eis ein und machten unsere jahrelange, mühevolle Erziehung zunichte.
Braun verschmiert und fröhlich grinsend machten wir uns wieder auf den Weg. Wohin hatte er mir immer noch nicht verraten. Doch anstatt wieder zu schweigen rissen wir böse Scherze, lachten, dachten kurz über den Sinn des Lebens nach und über Schokoriegel. Dabei verhielten wir uns, als würden wir uns seit Jahren kennen, doch wir verstummten erst als er: „Wir sind da!“, sagte.
Ich hatte mit wirklich allem gerechnet, doch nicht mit dem, auf das ich jetzt herab sehen konnte. Es war der größte Rummel dieser Stadt. Ich war gerade zwei Mal in meinem Leben auf einem Rummel gewesen und wollte mir alles ansehen. Grinsend folgte er mir überall hin. Wir kauften da Zuckerwatten und dort Karten für das Riesenkarussell. Als wir aus einem Spukschloss heraus kamen, überrascht von dem, was für hässliche Menschen es doch gab, kam in mir die Frage auf, woher er das Geld hatte. Ich fragte ihn nicht danach, genau so wenig, wie er mich nicht fragte, ob das Waisenheim von dieser Aktion wusste, doch ich konnte es mir allzu gut denken ...
Aber das Riesenrad, Autoskooter und noch vieles andere, lenkte mich von meiner Zukunft ab und wir waren wirklich sehr lange dort. Erst als der Mittag in den Abend überging zeigte mein Freund Anzeichen, dass es langsam genug war. Und um mich noch ein letztes Mal so richtig zu überraschen, zog er mich zu den Süßigkeiten und sagte mir, dass ich alles und vor allem soviel ich wollte nehmen konnte. Wie Kinder nun einmal sind, ließ ich mir das nicht zweimal sagen und mit einem Berg aus Tüten verließen wir den Stand. Munter schwatzend und grundauf glücklich, kamen wir an die Wiesen des Flussufers. Ein kalter Herbstwind ließ uns frösteln und wir zogen unsere Jacken wieder an, als über uns begannen die Sterne aufzuleuchten, bestimmt war es schon unglaublich spät.
Keiner von uns beiden dachte daran, nach Hause gehen und wir lagen auf der Wiese, kugelrund und schweigend um die letzten Momente des Glücks nicht zu zerstören.
Ich dämmerte ein paar mal leicht weg und er schien genau so müde zu sein wie ich. Doch meine Müdigkeit fühlte sich anders an. Wie ein bleiernes Tuch, dass sich über meinen Körper legte.
„Es hat angefangen...“, flüsterte ich. Und ich konnte in seinen Augen lesen, dass er verstand. Er sah unglaublich traurig aus, doch ein wenig zufrieden mit sich. Während ich versuchte die letzten Worte zu finden. Es gab so viel was ich ihm hatte unbedingt sagen wollen, denn ich war froh, dass ich diesen einen letzten Tag nicht auf der Sterbestation verbracht hatte, sondern mit ihm, allein. Und ich legte alle meine Gefühle, die ich noch in meinem Körper finden konnte, in dieses eine Wort: Danke.
Mein Blick verschwamm immer mehr und ich konnte seine beruhigenden Worte kaum mehr verstehen. Doch sein leuchtend blondes Haar war noch deutlich zu erkennen. Ss sah aus, wie der Heiligenschein eines … eines Engels. Ich versuchte zu lächeln, ihm zu zeigen, wie viel er mir bedeutete, obwohl ich ihn so wenig kannte. Doch dann versagten meine Augen vollends. Ich konnte noch die letzten Schläge meines kleinen Herzens hören.
Es setzte kurz aus und versuchte weiter zu kämpfen, doch es verlor.
Ein letzter, verzweifelter Schlag versuchte noch einmal das Blut durch meinen Körper zu jagen und dann … Stille.

.
.
.








Gehst du schon mal die Schaufel holen?

© 2009 by Rehak, Josephine Felicitas

moribond - Blonder Engel - Lesermeinungen

Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Rehak, Josephine Felicitas hinterlassen.

orimderblaue Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Hallo Josephine Felicitas,

leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.

Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.

Freundlicher Gruß,
Christian

Geschrieben am 13.12.2009 um 21:27 Uhr

Lydia Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

ich find deine Story toll erzählt, aber ziemlich traurig...
und überhaupt, welche Krankheit hat er?
ich finds auch ziemlich komisch, dass die Ärzte ihn bis zum Tag des Todes in Ruhe lassen...
trotzdem ganz gut gelungen

bloß der letzte satz ist ein bisschen komisch
"gehst du schon mal die Schaufel holen?"
kapier ich net

Geschrieben am 02.11.2009 um 16:45 Uhr

Lara Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Schön geschriebn und sehr traurig - ich mag die IDee.
Aber mir fehlen 2 Dinge...
Erstes: Welche Krankheit sagt einem genau, wann man stirbt? Das finde ich komisch. Klar, es ist Fantasie, aber es hätte doch gereicht wenn er sagt, er stirbt bald. Außerdem muss er doch schon sehr schwach sein, eigentlich...
Zweitens: Man sollte wissen, wie alt die beiden sind. Jonathan wirkt viiiel älter, aber ist das so? Das fehlte mir.

Sonst sehr schön!
Außer der letzte Satz, der ist zwar witzig, irgendwie, aber tatsächlich zu makaber, als dass er passend wäre. Du zerstörst damit die traurige Stimmung ohne Grund, das verstehe ich garnicht!

Geschrieben am 01.11.2009 um 13:22 Uhr

janis Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Wow, wirklich schön. Sehr mutig sich mit solche inem Thema auseinanderzusetzen.
Das einzige was mir aufgefallen ist, ist dass es sich am Anfang anfühlt als wäre die Hauptperson ein mädchen. Das könnte man noch ändern, aber ansonsten ist es wunderschön.
Was heißt denn moribond?
Bin begeistert =)

Geschrieben am 31.10.2009 um 15:30 Uhr

Elisabeth Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Ich finde die Idee gut und wie du sie im Text verarbeitet hast, doch am Inhalt finde ich muss man das ein oder andere noch überarbeiten.
Aber es hat Spaß gemacht deinen Text zu lesen.

Geschrieben am 30.10.2009 um 09:32 Uhr

Zeenat Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Die Idee hinter dem Text ist sehr gelungen! Hier und da finde ich hast du ein Paar holprige Stellen im Text...
und was die Krankheit anging...welche war das? Die Anzeiche, ide anscheinend auf der Minute genau wie aus dem Nichts auftauchen...?
Das Ende finde ich schön und der letzte Satz hat eine provokative Wirkung, schient aber auch irgendwie makaber und macht die Stimmung der Geschichte kaputt :(

Geschrieben am 14.10.2009 um 16:20 Uhr

Roxana Dessel Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Wow, wirklich, einfach wow!
Für dein recht junges Alter eine Wahnsinnsgeschichte!
Mal ein ganz anderer Inhalt, der zwar schwer bekömmlich scheint, aber auf eine ganz tolle Art rüber gebracht worden ist!
Volle Punktzahl, was anderes ist gar nicht möglich ;)
Mach bloß weiter so, du hast Talent.

Geschrieben am 13.10.2009 um 21:28 Uhr

moribond - Blonder Engel - Meinung schreiben

Rehak, Josephine Felicitas freut sich über jeden Kommentar. Bitte habe Verständnis dafür, dass wir deinen Kommentar und deine Bewertung vor Freischaltung zunächst prüfen.

Ich möchte nur kommentieren.

Teilnehmerdaten

Name

Rehak, Josephine Felicitas (14)

Wettbewerbsjahr

2009

Platzierung

Die Leser wählten diesen Beitrag auf den Platz 15.

Kurzbiografie

Ich wurde in Jena, Thüringen, geboren wuchs jedoch in Dresden auf. Zur Zeit gehe ich auf das allgemein bildende Gymnasium der HoGa Schloss Albrechtsberg und habe seit der dritten Klasse angefangen zu schreiben.

Teile diesen Beitrag!

Gefällt dir dieser Beitrag?