Gesellschaftsrisse
„Frau von Taubendreck, ihr Sohn Theobald ist anders als alle anderen Kinder in seiner Klasse.“ So lautete damals die ernüchternde Bilanz meiner besorgten Grundschullehrerin, die zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht erahnen konnte, welch prophetische Weissagung sie an jenem Tag meiner damit sichtlich überforderten Mutter offenbarte. Anders als alle Mitschüler? Mehr als ein desinteressiertes Schulterzucken und einem leeren, starren Blick ins Nirgendwo, der wohl kaum neutraler hätte ausfallen können, werde ich als siebenjähriges, noch nicht begreifen wollendes Geschöpf, wahrscheinlich in keiner Weise von mir gebracht haben. Meiner Mutter hingegen, brannte sich dieser Schock tief in ihr zerfurchtes Gesicht, ließ ihren sonst schon blutroten Kopf um weitere Hämoglobinwerte anschwellen und ihr ohnehin fortgeschrittenes Alter schien sich dem eines DDR-Trabanten rapide anzunähern. Mit günstigem Rückenwind oder festgewachsenem Bleifuß wäre die alte Rostlaube sicher weit über das Ziel hinausgeschossen. Geschossen hatte ja bereits meine Lehrerin – ins Schwarze, aber so was von getroffen. Doch mich machte das nicht betroffen, meinen Vater nur versoffen. Anders zu sein als alle anderen, dachte ich mir verheißungsvoll, das kann ja auch eine Chance sein! Schnell wurde ich auf den Boden der unliebsamen Tatsachen zurückgeholt.
Vielleicht war ich ein Outlaw, wenn auch nicht im herkömmlichen Sinne, vielmehr ein Gesetzloser, der sich nicht unter dem provinziellen Joch des Gruppenzwanges unterordnen wollte. Eben ein auf die Individualität pochender Einzelgänger, wenn auch noch lange kein verschrobener Außenseiter, eher ein kritischer, wenn auch zugegebenermaßen etwas wunderlicher, eigensinniger Freigeist. Moderner Zeitgeist? Was war das schon. Nichts weiter als leere Menschenhüllen, eingekleidet mit der aktuellen Esprit-Herbstkollektion, den Warenkörben voller Chuck Taylor All Stars, je nach Ort das Kollektiv vereinheitlichter nullachtfünfzehn Taschen, die den Schriftzug bekannter Studentenstädte, blühender Metropolen oder reizvoller Weltregionen in Endlosschleife zieren. Wo bleibt der Mensch? Versteckt sich wohl hinter den erotischen Schaufensterpuppen, die unsereins befehlen, wie man sich zu kleiden habe. Schaufensterpuppen, die uns mehr frech als keck aus rabattumsäumten Plexiglasscheiben zuzwinkern, uns auf verbotene Weise anziehen, in ihrem beheizten Tempel ausziehen und ganz billig wieder anziehen. Maßgeschneidert nach dem Willen einer umgarnenden, textilen Medienindustrie. Solchen Germany’s Next Topmodel verseuchten Mangelexemplaren fühle ich mich alles andere als zugehörig. Sollen sie sich in ihren Flatrate-Bordellen doch selbst befriedigen! Die Verhütung dürften sie dank der kostspieligen Anti-Aids-Kampagne, in der niemand Geringeres als Adolf Hitler ungeschützten Sexualverkehr praktiziert, verinnerlicht haben. Wer will schon junge Massenmörder in die Welt setzen, diese entsetzen und per Facebook vernetzen? Entschuldigung, aber mit dieser, mit meiner Generation kann und will ich mich einfach nicht identifizieren.
Meine Lehrerin behielt also recht, meine Mutter weinte, mein Vater griff weiterhin beherzt zur Flasche. Und meine verstorbene Oma, ja die, die wäre wohl Stolz auf mich gewesen. Nicht, dass ich ein technikfremder Duckmäuser oder gesellschaftsuntauglicher Nerd gewesen wäre, nein, zuweilen konnte ich mich sogar für den Seebacher Angelsportverein und den Friedberger Schachclub begeistern. Meine Sommerferien opferte ich gerne, um den Dorfnachwuchs in die mathematischen Geheimnisse von Trigonometrie, Analysis und Stochastik einzuweihen. Aber irgendwas stimmte nicht, irgendwie passte ich nicht in das Ganze, das lückenvolle Gefüge glich einem unvollständigen Puzzle, die restlichen Teile vermutlich quer über die Welt verstreut und unauffindbar.
„Erde an Theobald! Wach gefälligst auf, alter. Was ist denn los mit dir? Waren’s gestern im Betreuten Trinken wohl doch zu viel Absinth, wa!“, quoll es urplötzlich aus dem Gehege von Balthasars Zähnen, „oder lag’s doch eher an der Überdosis Melonenschnaps?“ Ich versuchte die Augen zu öffnen, bemerkte, dass sie seit heute Morgen nicht mehr geschlossen waren, mokierte mich innerlich über meine eigene Tagträumerei, die sich mir nichts, dir nichts meinem Bewusstsein entzog und sich schleichend von einem harmlosen Gedankenstrudel ins verheerende Delirium ergoss. Ich reagierte, wie ich in solchen Fällen immer zu reagieren pflege: Nicht bewegen, Festplatte abrufen, Diskette wechseln, Antenne ausfahren. Vorsichtig ließ ich den Blick im Raum schweifen. Hinter dem Rednerpult monologisierte ein kauziger Professor, die Hände hinter dem Rücken zusammengefaltet, in aller Seelenruhe über eine Forschungsthese, welche Diktaturen mit politischen Religionen gleichsetzt, während er simultan seinen Laserpointer auf einer PowerPoint-Präsentation mit dem Titel „Aufarbeitung von Diktaturen des 20. Jahrhunderts“ umherschwirren ließ.
Als mich die Realität endgültig aus meinen Memoiren riss, widersetzte ich mich Balthasars Unterstellung, dem Alkohol in schwerem Maße zugesprochen zu haben. Ich verwies ihn lapidar auf mein Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Mangelnde Konzentration war es dann auch, die meine Augen auf einer köstlichen Erdbeer-Sahne-Torte gefangen hielt. Einer Erdbeer-Sahne-Torte, die in ihren cremigen, fruchtnussigen Krokantfesten durch nichts hätte erschüttert werden können, im erbarmungslosen Gefecht mit drei heißhungrigen Studentinnen allerdings schnell kapitulieren musste. „Jetzt schau dir doch mal diese Gänse an. Hocken da einfach mal rotzfrech in der Vorlesung, schnattern um die Wette und mampfen dabei Torte“, spottete Balthasar, dem es offensichtlich nicht zu passen schien, dass ich ihn letzten Endes doch noch zu dem Besuch einer Vorlesung überredet hatte. Sein Einwand: „Wir sind doch überhaupt gar keine Studenten“. Ich ignorierte ihn – auch wenn mich die Torteneinlage vor meiner Nase tatsächlich ein wenig befremdete. Doch die schien noch harmlos zu sein. „Wer war Theodor W. Adorno?“, fragte der Professor. Breite Gesichter. Langes Schweigen – keine Kunstpause. „Nein“, fuhr der Dozent auf die Antwort eines verunsicherten Studenten fort, „er war kein Fußballspieler“. Ein hallendes Gelächter blieb aus. Wie von der Tarantel gestochen stupste ich Balthasar an; die schnellstmögliche Art meinem Kumpel unmissverständlich mitzuteilen, dass wir es hier mit einem studentischen Bauernvolk zu tun hatten.
Nachdem der sichtlich bemühte Professor sein unterdrücktes Schmunzeln über den Fußballer Adorno verdaut zu haben schien, spukte er eine Vielzahl vergifteter Anglizismen aus. Vom „past beating“ statt der Vergangenheitsbewältigung war nun die Rede, aus der Erinnerungskultur wurde „memory culture“, die Entnazifizierung verkam zur „denazification“. Die Angst, eines Tages werde die deutsche Sprache endgültig aussterben, flammte wieder in mir auf. Balthasar ließ das merkwürdigerweise ziemlich kalt, war er doch derjenige, der eine französische Behörde anpreist, deren alleinige Aufgabe darin besteht, sich für Schutz und Erhalt der französischen Sprache einzusetzen. Heimlich schielte er aus den Augenwinkeln auf die Erdbeer-Sahne-Torte – oder vielmehr die Reste davon. Die Mädels jedenfalls aßen und waren weder Fisch noch Fleisch. Noch nicht angebissen, den Verdauungsprozess jedoch schon in Gang gesetzt, musste ich mir zähneknirschend eingestehen, alles restlos sattzuhaben. Die Augen erwiesen sich mal wieder größer als der Magen. Studentenfutter schmeckte zum Kotzen. Ich schluckte. Abgemagert und ausgemergelt verließen wir den Hörsaal.
In stummem Einvernehmen würdigten wir das abstruse Uni-Intermezzo keines Wortes, steuerten Richtung Altstadt und schlenderten eine der angeblich längsten Fußgängerzonen Europas entlang, deren grün metallene Laternenmasten mit sonderbaren Werbeplakaten zugepflastert waren: „Atom-Opfer-Party im Weinloch mit DJ Traubenmost“. Nicht unbedingt meine Kragenweite. Schließlich brauche ich noch Luft zum Atmen – Kohlenstoffdioxidausstoß hin oder her. Sich einfach mal Luft verschaffen können, das wünschte ich mir auch für die ältere Dame, die da wie angewurzelt vor einer Bankfiliale stand und sich nicht an den Bargeldautomaten traute. Jener war von einem auf dem Boden schlafen Obdachlosen besetzt. „Balthasar, sag mal, wir haben in Deutschland doch einen starken Sozialstaat. Müsste unser stramm gespanntes soziales Netz nicht alle vom Schicksal Gebeutelten auffangen? Garantiert Vater Staat im Notfall denn nicht für die Sicherung des Existenzminimums?“ Eine kleine Denkpause später erwiderte er: „Im Grunde hast du ja recht, aber um Hartz IV beantragen zu dürfen, braucht man halt einen festen Wohnsitz. Und Unter der Brücke zählt nicht. Wie sollen sie das Geld denn ohne Bankkonto bekommen?“ „Warum gehen die Penner nicht in ein Obdachlosenheim oder kommen im Betreuten Wohnen unter? Hilfseinrichtungen und entsprechende Asyle sind doch vorhanden. Jede Bahnhofsmission kann darüber Auskunft geben“. „Weißt du Theobald, ich glaube die meisten Obdachlosen verzichten von sich aus auf solche soziale Notunterkünfte. Da herrscht meistens Alkoholverbot. Damit kommen die nicht klar. Die meisten sind psychisch schon so degeneriert, dass sie lieber auf der Straße leben wollen. Gescheiterte Existenzen, die einmal tief gefallen sind, wirst du kaum wieder in die Gesellschaft integrieren können.“
Wir liefen weiter, ließen die verängstigte Großmutter und den aus allen Poren duftenden Penner links liegen. „Bock auf’en Stück Torte?“, fragte Balthasar. Es klang jedoch mehr nach einer Aufforderung. „Nee du, ich brauch eher was Deftiges. Am besten einen schweren hausgemachten Schweinekrustenbraten mit Semmelknödel“, erwiderte ich. Letzthin einigten wir uns auf einen Schawarma beim Libanesen. An einem der hinteren Mahagonitische sah ich Swetlana Kalaschnikow lustvoll vor einer Wasserpfeife sitzen. Ihre zottelige Löwenmähne und ihr entenförmiger Mund verströmten eine wilde, exotische, nur schwer zu bändigende Aura. „Wie bitte? Ihr kommt gerade von einer Vorlesung über mittlere und neuere Geschichte? Ihr seid doch noch gar keine Studenten“, sagte Swetlana Kalaschnikow aufgebracht. Der Rest der oberflächlichen Unterhaltung stand ganz im Austausch körperlicher Befindlichkeiten, nahen Zukunftsplänen, hohlen Worthülsen, aufgeschnappten Gerüchten über Irmgard Pfefferstaub und Manfred Hasenfuß.
Zu Hause warf ich mich stöhnend in die Federn, froh endlich alleine zu sein, glücklich über die Sinnlosigkeit dieses Tages in aller Ruhe nachdenken zu können und höchst erfreut bis zum nächsten Tagesbeginn vom Leben verschont zu bleiben. Wäre da nicht das Reich der Träume. Träume, die einen auch im Schlaf erbarmungslos mit der Wirklichkeit konfrontieren. Träume, die der Königsweg zum Unbewussten sind.
© 2009 by Marc-Oliver Schweizer
Gesellschaftsrisse - Lesermeinungen
Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Marc-Oliver Schweizer hinterlassen.
Hallo Marc-Oliver,
leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.
Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.
Freundlicher Gruß,
Christian
Geschrieben am 13.12.2009 um 20:00 Uhr
Es war der königsweg zum Unbewussten, Laralein.
Das ist, nehme ich an, ein Unterschied ;)
Was soll ich sagen , einwandfreie Sprache, schön geschrieben, aber irgendwie kommt nicht rüber was du damit asudrücken willst. Er sieht die Welt sehr kritisch und ers cheint seehr gelangweilt zu sein. irgendwie von der gesellschaft erschöpft. Du lässt aber nicht durchschimemrn was an ihm besonders ist, im vergleich zum rest seiner Generation.
Schade, denn es nimmt dieser gewaltigen Sprache die schärfe die das Thema liefert ;)
Geschrieben am 31.10.2009 um 01:10 Uhr
Den Thema ist wunderbar kritisch (:
Allerdings finde ich, durch deine langen Beschreibungen (Respekt. Du beschreibst wunderschön ausladend (mir sogar zu ausladend!) und hast ein großes Repartoire an Ideen für Rhetorische Fuguren, sowie einen tollen Wortschatz!) wird die Geschichte meiner meinung nach zu langatmig.
Entweder lang aber nicht so bildlich, oder so wie sie jetzt ist, aber kürzer.
Deine Vergleiche und Metaphern sind toll, aber vor lauter Ironie und Bilder, die auf einen niederprasseln, wird man während dem lesen erdrückt.
Dabei soll man doch das Ende der Story erreichen - welches dir absolut gelungen ist, der Königsweg zum Unterbewusstsein, schöne Formulierung, werde ich mir merken!
"Doch mich machte das nicht betroffen, meinen Vater nur versoffen."
Diese Reime - ich muss zugeben - sie nerven mich total. Passt nicht ins Konzept ;)
"Nicht bewegen, Festplatte abrufen, Diskette wechseln, Antenne ausfahren."
Sagtest du nicht, er will nicht so sein, wie seine Generation - die des 20. Jahhunderts? Wieso beschreibst du sein Handeln dann genau so? Das fand ich komisch.
Trotzdem - eine sehr gute Geschichte und sicher unter den besten hier!!!
Geschrieben am 13.10.2009 um 21:56 Uhr
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Teilnehmerdaten
Wettbewerbsjahr
2009
Platzierung
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Kurzbiografie
- Dritter Literaturwettbewerb
- Abitur 2009
- Zivildienstleistender, plane anschließend Politikwissenschaft zu studieren
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