Jemand anderes
Hast du dich schon einmal so gefühlt wie jemand anderes? Sie hatte sich schon oft gefühlt wie jemand anderes. Es tat gut, sich zu fühlen wie jemand anderes.
Sie fährt Fahrrad. Für einen kurzen Moment lässt sie die Hände los. Das machte sie sonst nie. Aber es tat gut. Unverstellbar gut. Sie fühlte sich, wie ihre beste Freundin sich fühlen musste. Denn die machte das ständig. Sie fühlte sich frei. Sie war jemand anderes. Für diesen kurzen Moment. Dann fiel sie hin. Die Erde war weich. Fast wie Moos. Aber doch anders. Sie vergrub ihr Gesicht im Schlamm. Ungefähr so musste sich ein Regenwurm fühlen. Genau so.
„Marie! Steh sofort auf!“ Ihre Mutter kam angelaufen.
Jetzt fühlte sie sich wie ihre Schwester. Zu der lief ihre Mutter auch ständig. Eigentlich immer. Ihre Mutter riss Marie am Arm hoch. Es tat weh. So musste sich ein kleines Ferkel fühlen, dass an den Vorderbeinen hochgehoben wird. Bei dem Gedanken musste sie lächeln. Ihre Mutter zog Marie ins Haus und schrubbte mit einem Handtuch ihre Knie ab.
„Immer musst du irgendetwas anstellen“, murmelte sie unverständlich vor sich hin. Marie träumte sich weg aus dieser Situation. Sie träumte von Wolken. Wie sie auf ihnen herumhüpfte wie auf Zuckerwatte. So mussten sich Engel den Tag vertreiben. Wie schön.
Irgendwer fing an zu weinen. Marie war sofort wieder in der Wirklichkeit. Ihre Schwester. Wer sonst?
„Oh nein!“ Und schon war ihre Mutter weg. Und Marie allein. Nur ein kleiner Laut von ihrer Schwester. Es war immer das Gleiche. Marie ließ sich auf das Sofa fallen und betrachtete ihre aufgeschürften Knie. Es war lächerlich gewesen, was sie getan hatte. Wie ein kleines, übermütiges Kind.
Und trotzdem tat sie es wieder. Warum auch nicht? Sie war doch noch ein Kind.
Marie kletterte einen Baum hoch. Wie ein Eichhörnchen. Als sie ganz oben in der Baumkrone saß, konnte sie alles sehen. Den kleinen Wald, die Straße und den Fluss mit der Brücke. Plötzlich brach der Ast. Als sie mit einem lauten Knall und einem stechendem Schmerz in der Brust unten ankam, fühlte sie sich wie einer dieser dummen Leute aus dem Fernsehen, die den Ast absägten, auf dem sie gerade saßen. Genauso mussten sie sich nach ihrer Landung fühlen. Es tat gut, jemand anderes zu sein.
„Marie! Was machst du da?!“ Es war ihre Mutter. Marie fragte sich, ob ihre Mutter manchmal auch lieber jemand anderes sein würde. Sie wusste sicher nicht, wie gut es tat jemand anderes zu sein. Nur für einen Moment.
Maries Mutter kam auf sie zu gelaufen. Aber kurz bevor sie bei ihr ankam, fing Maries Schwester an zu weinen. Und schon war ihre Mutter wieder weg.
Marie stand auf und klopfte sich den Schmutz von der Hose. Dann ging sie in Richtung Wald. Nach ein paar Minuten war sie da. Vielleicht waren es auch Stunden gewesen. Marie wusste es nicht. Das Laub war weich, als sie sich fallen ließ. Sie legte sich auf den Rücken und beobachtete, wie die bunten Blätter nach und nach von den Bäumen fielen. Sie fühlte sich wie ein Hund, der sich nach dem Spielen im Laub erschöpft in die Blätter gelegt hat. Müde wartet er darauf, dass sein Besitzer kommt und mit ihm nach Hause geht. Aber es kam niemand, um Marie abzuholen. Sie fühlte sich wie bestellt und nicht angeholt. Wie eine Postkarte, über die man sich im ersten Moment freut und die im zweiten schon im Papiermüll liegt. Weil man sie eigentlich nicht braucht.
Langsam schlenderte Marie zurück in den kleinen Garten. Es war schon dunkel, als sie ankam.
„Marie! Wo warst du?!“, rief ihre Mutter. Marie zuckte mit den Schultern und schloss die Augen, als ihre Mutter sie in ihr Zimmer schickte. Sie fühlte sich wie einer dieser Strafgefangenen, die unschuldig ins Gefängnis mussten. Als Marie die Augen öffnete, stand sie schon in ihrem Zimmer. Allein. Langsam ging sie zum Fenster. Am liebsten schaute sie in die Sonne. Aber es war dunkel. Später Abend. Sie öffnete das Fenster und kalte Luft strömte ihr ins Gesicht. Wie Leuten, die ihr Gesicht aus dem Zugfenster halten, um den frischen Wind zu spüren. Marie stellte ihren Fuß auf das Fensterbrett. Wie ein Dieb, der in ein fremdes Haus einbrechen will. Sie sprang in den Garten und landete lautlos, wie eine Katze, die von der Küchentheke springt. Ohne Ziel lief Marie los. Sie wusste nicht wohin. Es war stockdunkel, als ihre Füße plötzlich im Matsch versunken. Wie bei den Leuten, die im Watt spazieren gehen. Vorsichtig ging sie noch einen Schritt. Warmes Wasser umspülte ihre Fußspitzen. Wie die Urlauber, die am Meer entlang laufen.
Sie musste am Fluss sein. Marie wusste nicht, wie tief der Fluss war. Sie konnte nicht schwimmen. Einmal war sie im Schwimmbad gewesen und vom Beckenrand gesprungen. Wie ein Delfin war sie ins Wasser eingetaucht. Das Wasser hatte sie weich umspült und sie hatte sich wie ein hübscher, bunter Fisch gefühlt. Und plötzlich hatte sie keine Luft mehr bekommen. Ängstlich trat Marie einen Schritt zurück. Sie wollte nicht in den Fluss. Sie hatte Angst, dass ihr diesmal vielleicht niemand helfen würde. Sie wusste, was dann passieren würde. Sie wollte nicht sterben.
Leichtfüßig lief Marie über die Brücke. Sie tastete sich zum Geländer vor und kletterte rauf. Sie balancierte darauf entlang. Doch die Nacht nahm ihr die Sicht. Und sie trat daneben. Sie fiel. Nein. Sie flog. Wie ein Vogel. Es fühlte sich so leicht an. Marie fühlte sich frei. Sie zog die klare Luft einer schönen Herbstnacht in sich auf. Und plötzlich wurde es ihr klar.
Sie war nicht ihre beste Freundin, kein Regenwurm, nicht ihre Schwester. Sie war kein kleines Ferkel, kein Engel, kein Eichhörnchen, keiner dieser dummen Leute aus dem Fernsehen, die den Ast absägten, auf dem sie gerade saßen, kein Hund, keine Postkarte, kein Strafgefangener. Sie war noch nie Zug gefahren. Sie war kein Dieb, keine Katze. Sie war noch nie im Watt spazieren gegangen, noch nie im Urlaub gewesen. Sie war kein Delfin und kein Fisch. Sie war kein Vogel. Sie war Marie.
Und sie konnte nicht fliegen.
© 2009 by Svane Haack
Jemand anderes - Lesermeinungen
Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Svane Haack hinterlassen.
Halo Svana
mir gefällt deine geschichte
am ende war sie am besten
ich habe auch eine geschichte geschrieben
(2010) vielleicht willst du sie dir mal anschauen
ab anfang mitte november
hoffentlich gefällt sie dir
marie
Geschrieben am 08.10.2010 um 18:28 Uhr
Hallo Svane,
leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.
Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.
Freundlicher Gruß,
Christian
Geschrieben am 13.12.2009 um 20:09 Uhr
Hei:)
Wunderschoene Geschichte, an der es eigentlich nicht viel zu bemaengeln gibt. Anfangs haeufen sich die Vergleiche zu sehr, und die Saetze scheinen aneinandergereiht, aber wie du die Vergleiche am Ende wieder aufgreifst und das Ende der Geschichte waren einfach super :) Sehr gelungen
Geschrieben am 13.12.2009 um 19:56 Uhr
Wow sehr schön, wunderschöne idee, dieses Jemand anderes sein zu wollen. Und dass sie das sein konnte. :)
Wäre sehrs chön wenn man noch mehr über ihre familiensituation erfahren würde, es muss ja einen grund geben warum sie sich so wünscht jemand anderes zu sein.
Du ziehst so schöne, fastlustige vergleiche, wie die dummen leute aus dem Fernsehen die den Ast absägen auf dem sie sitzen :)
Und das Ende ist sehr schön. Sie konnte nicht fliegen. :)
Geschrieben am 30.10.2009 um 16:19 Uhr
Wow, diese Gescihchte nimmt einem echt den Atem weg.
Diese Vergleiche super!!!
Man kann sich richtig in Marie hineinversetzen, wie sie dort liegt, wie sie "jemand anderes" sein will.
einfach nur super... o.O
Geschrieben am 18.10.2009 um 20:39 Uhr
Super Geschichte.
Neue Idee und voll von wunderschönen Vergleichen.
Ich hab sie sehr gerne gelesen.
Du baust trotz der immer wiederkehrenden Vergleiche eine Spannung auf, gegen Ende denkt man "sie bringt sich um", dort am Fluss, dann geht sie weg, sie will nicht sterben, und dann stirbt sie doch, arme kleine Marie, nur weil sie zu spät erkennt, wer sie ist.
Traurige Geschichte.
Die Mutter vernachlässigt sie, obwohl sie mit allen Mitteln versucht, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken: Nämlich damit, nicht sie selbst zu sein, denn sie selbst wird ja hinter ihre Schwester gestellt.
Traurig aber schön.
Ich habe deine Geschichte mit vollem Genuss und schmunzeln gelesen und war am Ende echt traurig, aber man fühlt genauso wie die Trauer die Freiheit mit.
Du verdienst meine volle Punktzahl (:
Weiter so!
Geschrieben am 13.10.2009 um 23:15 Uhr
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Wettbewerbsjahr
2009
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Kurzbiografie
Hey, ich heiße Svane und der folgende Text ist eine kleine Weltanschauung eines ca. 10-Jährigen Mädchens.
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