Traumfänger

Seine Stimme war jeden Morgen das Erste, was ich wirklich wahrnahm. Es war eine sanfte, ruhige Stimme. Ich seufzte leise und traurig und bemühte mich, weiterhin einen Fuß vor den anderen zu setzen. Als ich den überfüllten Flur entlangkam, ruhte sein Blick für den Bruchteil einer Sekunde, wie jeden Morgen, auf mir. Seine Augen waren grün. Und sein Haar leuchtete, wie goldenes Kupfer.
Und wie jeden Morgen ignorierte ich seinen Blick und ging an ihm vorbei.
Er war unerreichbar für mich. Ich konnte ihn nicht für mich gewinnen, denn ich gehörte zum Durchschnitt. Kein Junge hätte mich gewollt. Auch er nicht: Pascal. Ich sah oft genug, wie er andere Mädchen umarmte. Jedes Mal traf es mich wie ein Schlag, welcher mich mehr und mehr mit Leere erfüllte. So fühlte sich unerwiderte Liebe an: Man stieß nur auf Leere.
Zur Schule ging ich nur, weil ich mich dazu verpflichtet fühlte. Ich war nicht gerne hier. Doch wenn ich die Schule am Nachmittag verließ, fühlte ich mich auch nicht besser. Der Unterricht rauschte an mir vorbei, ebenso wie die unwichtigen Gespräche meiner Freunde oder meiner Familie. Niemand merkte, was mit mir los war.
"Hast du Lust auf Kino?", fragte Sina mich öfter fröhlich.
Doch auf solche Fragen gab ich immer ähnliche Antworten: "Ich kann heute nicht."
"Oh, ach so. Okay." Sina musterte mich dann kurz mitleidig, zuckte mit den Schultern und ging. Man sonderte sich immer mehr von mir ab. Also blieb mein Verhalten wohl doch nicht ganz unbemerkt. Aber es interessierte keinen.
An manchen Nachmittagen hielt ich es nicht aus und ging nicht direkt nach Hause. Stattdessen zog es mich in den verlassenen Park nahe unserem Haus. Er war so etwas, wie mein eigenes Reich. Niemand kam je hierher. So auch heute nicht.
Ich streifte die Träger meiner Schultasche von den Schultern, setzte mich auf die einzige Bank und schloss die Augen, während mich vertraute Geräusche umgaben: Das flüsternde Rascheln der Baumblätter, wenn der Wind durch sie fuhr. Das leise Quietschen der rostigen Schaukel. Und – Schritte.
Ich riss verwirrt die Augen auf. Mein Herz schlug schneller, als ich eine Gestalt erblickte, die lässig an einem Baum lehnte, nun aber auf mich zukam, nachdem sie registriert hatte, dass ich sie bemerkt hatte.
Es war ein junger Mann, vielleicht zwanzig. Sein Blick war ernst, doch gleichzeitig erkannte ich eine Sanftheit in seinen braunen Augen, die ich bei noch niemandem zuvor gesehen hatte. Sein Haar war schwarz, ebenso wie seine schlichte Kleidung.
Er streckte mir die Hand hin. "Mein Name ist Garrett", sagte er leise.
"Melissa", erwiderte ich stockend und schüttelte seine Hand.
"Melissa", wiederholte er mit seiner tiefen Stimme und ließ meine Hand los. "Deine Verzweiflung hat mich gerufen. Ich bin gekommen, um dir zu helfen."
"Helfen?" Ich war so irritiert, dass ich keinen ganzen Satz zustande brachte.
Garrett nickte. "Ich kann spüren, dass du betrübt bist. Ich möchte es gern ändern."
Die Situation mochte noch so merkwürdig sein, ich verspürte keine Angst. Ich starrte nur wie gebannt in Garretts braune Augen und versuchte, meine Sprache wieder zu finden. "Aber – wie?"
"Ich biete dir die Möglichkeit, drei Träume Wirklichkeit werden zu lassen."
Plötzlich musste ich lachen. So unerwartet überkam mich der Spott, dass ich mir sofort verlegen die Hand vor den Mund hielt. "Na, klar!"
"Du scheinst mich nicht ernst zu nehmen", meinte Garrett ungerührt. "Aber deine Zweifel werden schnell verfliegen. Nenne mir deinen größten Traum."
Meine Haltung verkrampfte sich augenblicklich, als mir bewusst wurde, was er von mir verlangte. Ich schlug die Augen nieder, meine Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern: "Mein größter Traum ist, dass Pascal mich liebt."
Garrett schüttelte den Kopf. "Solche Träume kann ich nicht verwirklichen. Ich kann die Gefühle anderer nicht beeinflussen."
Er sprach mit einer Selbstverständlichkeit, die mich stutzen ließ. Als würde er meinen Traum nicht albern finden, als würde er wissen, wer Pascal ist oder dass ich ihn niemals erreichen konnte, weil ich zum Durchschnitt gehörte. Aber … das musste doch nicht so bleiben. Oder?
Wenig später stand ich mit Garrett in einer kleinen Boutique. Hier kam ich immer nur her, um zu bewundern und zu träumen. Aber gekauft hatte ich mir hier noch nie etwas.
Ich deutete auf ein lilafarbenes Cocktailkleid, welches ich schon oft sehnsüchtig betrachtet hatte. "Einer meiner größten Träume ist es, genug Geld für dieses Kleid zu besitzen", teilte ich Garrett mit.
Er lächelte, beugte sich zu mir herab und flüsterte mir ins Ohr: "Dann sieh in dein Portemonnaie."
Aufgeregt wühlte ich in meiner Schultasche danach. Als ich es fand und hineinsah, stockte mir der Atem. Mehrere Scheine befanden sich plötzlich darin, alle im dreistelligen Wert. Mit offenem Mund starrte ich zu Garrett hoch, welcher nur mit den Schultern zuckte.
Benommen registrierte ich, wie die Verkäuferin schließlich die passende Größe für mich heraussuchte. Der Stoff fühlte sich gut auf der Haut an. Ich musterte mein Spiegelbild mit großen Augen und anstatt das Kleid wieder auszuziehen, ließ ich stattdessen meine Alltagskleidung in Tüten packen. Das Geld reichte sogar noch für passende Schuhe. Ich spürte, wie ich strahlte, als ich stolz bezahlte und den Laden verließ.
"Das ist zwar völlig unmöglich", sagte ich atemlos zu Garrett, "aber ich bin total … überwältigt! Jetzt werde ich Pascal suchen und ihn überraschen! Der wird Augen machen!" Ich wusste nämlich, dass Pascal heute Nachmittagsunterricht hatte, also befand er sich noch in der Schule. Wenn ich mich beeilte, war ich in zehn Minuten da.
Gerade wollte ich losgehen, als mein Blick noch einmal zum Schaufenster schweifte und auf mein Spiegelbild, welches sich dort abbildete.
Ich wandte mich traurig ab, als mir mit einem Mal etwas klar wurde. "Eigentlich passe ich doch gar nicht zu diesem Kleid. Ich bin trotzdem durchschnittlich, dabei träume ich davon, es nicht mehr zu sein."
Garrett drehte mich wieder zu meinem Spiegelbild im Schaufenster. "Schau", flüsterte er.
Ich musterte mich skeptisch, doch was ich sah, machte mich sprachlos: Mein langes, schwarzes Haar war nicht länger glatt und langweilig. Es hatte nun sanfte Locken und wurde hinten mit einer Spange zusammengehalten, jedoch fielen mir, als wäre es bloßer Zufall, ein paar Locken ins Gesicht und machten das Bild vollkommen.
Zuerst war ich wie erstarrt. Alles in mir protestierte, konnte es nicht glauben. Doch dann eilte ich schon die Straßen entlang mit nur noch einem Gedanken. Zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich so schnell wie möglich die Schule erreichen. Ich wusste, wo ich ihn finden würde. Er musste sich draußen auf dem Sportplatz aufhalten.
Mein Herz raste, als ich beim Schulgelände ankam, den Pausenhof überquerte und weiter rannte, bis ich den Sportplatz sah. Natürlich war er dort, wie ich es geahnt hatte. Er spielte mit ein paar Anderen Basketball und in der Sonne schimmerte sein Haar noch mehr. Ich verfiel in ein normales Gehtempo, um beiläufig zu wirken. Als ich am Sportplatz ankam, bemerkte ich die Blicke anderer Jungs. Doch ich nahm sie mit Gleichgültigkeit hin.
"Pascal!", rief ich, lächelte und winkte ihm zu.
Er wandte sich um und unsere Blicke begegneten sich. Doch in seinen Augen las ich Desinteresse. Im nächsten Moment bekam er den Ball zugespielt und beachtete mich nicht mehr.
Ich stand völlig überflüssig neben dem Spielfeld. In meinem neuen Cocktailkleid und mit der perfekten Frisur. Mit Träumen, die mir aus der Verzweiflung hätten helfen sollen. Immer wieder waren da Blicke. Aber die eine Person, bei der sie mir wirklich etwas bedeutet hätten, schaute nicht ein Mal mehr zu mir herüber.
Ein winziger Teil meines Bewusstseins nahm wahr, wie ich wieder anfing, zu laufen. Doch diesmal floh ich. Vor der Realität, vor den Träumen. Vor allem.

Garrett hatte sie aus den Augen verloren, doch das war nicht weiter schlimm. Er wusste, dass sie sich mittlerweile bei sich zu Hause aufhielt, welches so verlassen war wie ihr Herz. Leise stieg er die Treppe in den ersten Stock hinauf. Türen und Schlösser stellten kein Hindernis für ihn dar. Nicht für jemanden, der Träume fangen konnte.
Die Tür zu Melissas Zimmer war geöffnet. Sie lag auf dem Bett. Ihr Gesicht war völlig ausdruckslos, doch die Tränenspuren auf ihren Wangen zeigten, dass sie geweint hatte. Sie schien nicht einmal verwirrt zu sein, als er plötzlich vor ihr stand. Kein Glanz war mehr in ihren Augen. Er trat zu ihr ans Bett und starrte auf die leere Schlaftablettenpackung, welche auf dem Nachttisch lag. "Einen Traum kann ich dir noch schenken", flüsterte er.
Sie nickte langsam, ohne ihn anzublicken. "Sein Blick hat so … wehgetan", hauchte sie. "Ich habe ihm selbst jetzt nicht gefallen." Sie versuchte, sich aufzusetzen, stützte sich auf die Ellenbogen, sank dann jedoch kraftlos in die Kissen zurück. "Ich werde einfach nicht schlau aus ihm. Ich träume davon, so auszusehen, wie das Mädchen, dass er liebt."
Garrett beobachtete ihr Mienenspiel, als er ihren Traum zur Realität machte und sie allmählich wahrnahm, dass sie plötzlich wieder ihre alten Jeans trug und das rote Top. Die Kleidung, welche sie erst durch das Kleid ersetzt hatte. Ihre Finger strichen über die Hose, als wäre ihr nicht recht bewusst, was sie fühlte. Dann fuhr sie durch ihre nun wieder glatten Haare. Die Wahrheit traf sie völlig unerwartet.
Garrett schüttelte enttäuscht den Kopf. "Warum hast du dir nicht gewünscht, Blicke spüren zu können?", fragte er. "Denn dann hättest du gemerkt, wie er dich jedes Mal gemustert hat, wenn du ihm den Rücken zugewandt hast. Und warum hast du dir nicht gewünscht mehr Mut zu besitzen, um leichter mit ihm ins Gespräch zu kommen!" Er beugte sich zu ihr hinunter und sah ihr in die Augen. Ihr Blick war verschleiert. "Warum hast du nicht davon geträumt, seine Gedanken lesen zu können? Dann hättest du hören können, wie oft er dich lautlos gepriesen hat." Energisch nahm er ihr Gesicht in beide Hände, zwang sie, ihn anzuschauen. "Doch du hattest nur Augen für das Materielle."
Langsam ließ er sie los und richtete sich wieder auf. Dieses Mädchen hatte die falschen Dinge ersehnt. Wie so viele vor ihr.
Längst von neuen Träumen gerufen, verließ Garrett das Zimmer, ohne noch einen Blick auf Melissa zurückzuwerfen, welche in ihren Träumen versank.

© 2009 by Olivia Köhmstedt

Traumfänger - Lesermeinungen

Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Olivia Köhmstedt hinterlassen.

orimderblaue Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Hallo Olivia,

leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.

Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.

Freundlicher Gruß,
Christian

Geschrieben am 13.12.2009 um 22:45 Uhr

Diana Schierreich Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Mir ging es leider genauso. Am Anfang war es mir zu oberflächlich geschrieben, so normal und gar nicht anders. Aber die Idee mit dem Traumfänger und dass er einfach so auftaucht, wie eine Fee die einem 3 Wünsche erfüllt, das war schon anders und lustig. =) Insgesamt schreibst du schön und geordnet, ohne Umschweife oder Falschheit. Das mag ich. =) Ich dachte, sie verliebt sich in Garett. ^^ Hast du wirklich gut umgesetzt, dass sie das nicht tat. Du hast deine eigenen Vorstellungen, das ist toll. Eine ein bisschen surreale Geschichte, aber wunderschön ( muss ich doch sagen, ich bin Romantikerin).


Vielen Dank dafür. LG, Diana

Geschrieben am 15.11.2009 um 19:48 Uhr

janis Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Genau dasselbe hab ich eigentlich auch gedacht, mein gott, wie dumm. Anstatt dass garett ein paar weisheiten raushängen lässt macht er sie wunderschön, sie geht zu ihrem Typen und alles wird toll.
Aber das finde ich ist mehr als gut gelungen! Wunderbar =)

Du schreibst so schlicht und doch beeindruckend ;)



Geschrieben am 31.10.2009 um 20:40 Uhr

Lara Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Das ist eine sehr schöne Geschichte. Garret ist so irreal aber irgendwie mag ich die idee trotzdem.
Zuerst dachte ich "Gott. Wie oberflächlich. Da wünscht sie sich einfach was materielles. Aussehen. Immer das selbe..." Und dann ging die geschichte weiter, lief genau auf diese Feststellung hinaus. Schön :)
Eins finde ich aber unverständlich. Wieso hat sie in dem neuen Kleid auf einmal so viel Mut, dass sie ihn nicht nur anspricht, sondern seinen Namen vor so vielen menschen laut ruft?

Geschrieben am 25.10.2009 um 16:41 Uhr

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Teilnehmerdaten

Name

Olivia Köhmstedt (17)

Wettbewerbsjahr

2009

Platzierung

Die Leser wählten diesen Beitrag auf den Platz 9.

Kurzbiografie

Ich heiße Olivia, bin am 23.12.1991 in Magdeburg geboren und lebe nun mit meiner Mutter in Fulda, wo ich auch zur Schule gehe und die 11. Klasse eines Gymnasiums besuche. Seit ich 9 Jahre alt bin, schreibe ich sehr gern Geschichten. Außerdem liebe ich es zu lesen, Musik zu hören und zu tanzen.

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