Und morgen ist das neue Gestern
Lautes Gebell riss Hubertus C. Finkelmeier unsanft aus dem Schlaf.
Nach einem Blick auf den Wecker erhob er sich seufzend. Es war halb acht.
Er ging zum Fenster, zog die Vorhänge auf, riss am Fenstergriff und brüllte lautstark aus der Öffnung im Gemäuer: „Ihr dämlichen Köter! Macht, dass ihr wegkommt!“
Die Sonne blendete ihn sodass er blinzeln musste und er zog seinen wutroten Kopf schleunigst ins Zimmer zurück.
Seufzend ließ Hubertus sich auf seinen Schreibtischstuhl plumpsen, der nicht weit entfernt vom Bett stand- er liebte seine kleine enge Wohnung- und ließ seinen Blick schweifen.
Was sollte er jetzt bloß tun? Er wusste es nicht.
Seine suchenden Pupillen fixierten ein kleines rotes Schreibheft.
Vielleicht sollte er es aufschlagen und nachschauen, was darin stand? Er entschloss sich ebendies zu tun und öffnete den leicht verschlissenen Heftumschlag.
Auf dem linierten Papier fanden sich Worte in einer krakeligen Handschrift, geschrieben mit hellblauem Kugelschreiber, wieder.
Und da Hubertus sowieso nichts Besseres zu tun hatte, beziehungsweise sich darüber noch nicht im Klaren war, ob er denn etwas Besseres tun könnte, begann er zu lesen:
[i]Mein lieber Hubertus,[/i]
Wer bitte schön redete ihn so unverschämt persönlich an? Er unterdrückte die wieder aufsteigende Wut und kehrte rasch zur Lektüre zurück.
[i]Heute Morgen wurdest du um halb acht von lautem Hundegebell geweckt. Mit einem nicht gerade kleinen Seufzer bist du aufgestanden, langsam zum Fenster geschlurft und hast die Vorhänge beiseite geschoben.[/i]
Wer wollte ihm den hier bitte schön was erzählen? Und wer zum Teufel konnte überhaupt wissen, was er, Hubertus, an diesem Morgen bereits getan hatte?
[i]Die Vorhänge sind übrigens gelb mit blauen Tupfen. Aber das siehst du ja selbst.
Du hast mal wieder unnatürlich stark am Fenstergriff gerissen, du brauchst dich also nicht wundern, wenn er demnächst abreißt oder klemmt.[/i]
Jetzt begann dieser unmögliche Jemand auch noch, ihn zu tadeln!
Hubertus schnappte verärgert nach Luft.
[i]Du hast die bellenden Hunde mit hochrotem Kopf beschimpft. Normalerweise benutzt du immer die Worte: „Ihr dämlichen Köter! Macht, dass ihr wegkommt!“
Du solltest dich nicht so aufregen, das tut deinem Blutdruck nicht gut.[/i]
Die Hitze wallte in Hubertus auf.
[i]Da dich die Sonne geblendet hat und du nicht wusstest, was du weiter tun sollst, hast du dich auf den Schreibtischstuhl fallen gelassen und dieses Heft hier entdeckt.
Und jetzt fragst du dich sicher, wer ich bin, dass ich es wage, dich mit meinem Schreiben zu belästigen und dich dabei auch noch zu verärgern.[/i]
Ohja, der Fremde hatte es erfasst! Hoffentlich kam er jetzt endlich auf den Punkt!
[i]Ich bin niemand anderer als du selbst. Dein Ich von Gestern sozusagen.
Morgens weißt du nie, was du tun sollst, hab ich Recht?[/i]
Klugscheißer!
[i]Deshalb schreibst du jeden Abend einen Plan, was du am nächsten Tag tun willst. Du musst nur diesen Plan befolgen und alles wird funktionieren. Das tut es schon seit Jahren.[/i]
Langsam wurde Hubertus wieder ruhiger, denn instinktiv wusste er, dass die Stimme Recht hatte, denn er konnte sich an kein Gestern erinnern.
[i]Lies diese Anweisungen aufmerksam durch und befolge sie, dann wird dir nichts geschehen.
8.00 Uhr: Zähne putzen, waschen, anziehen
8.30 Uhr: Frühstück. Im Schrank links sind Schüsseln, Milch ist im Kühlschrank, Cornflakes im Regal. Lass es dir schmecken.
9.00 Uhr: Du nimmst das Auto und fährst zum Büro. Der Autoschlüssel liegt auf der Kommode, tanken solltest du auf dem Weg noch, aber schau, dass du nicht das teuerste Benzin nimmst, die Preise steigen nämlich ins Unermessliche![/i]
Die Liste ging noch viel weiter, jede Minute des Tages war genauestens geplant.
Das Ende des Textes lautete:
[i]22.30 Uhr: Dein heutiges Ich sollte jetzt deinem Morgigen Anweisungen hinterlassen. Nimm dazu ein neues rotes Schreibheft, du findest es in der untersten Schublade des Schreibtischs.
Schlaf gut und träum was Schönes, Hubertus[/i]
Hubertus Blick flog zur Uhr. Schon 8.02 Uhr! Er war viel zu spät dran! Er sollte sich besser beeilen.
Punkt für Punkt begann Hubertus C. Finkelmeier also seinen Tagesplan abzuarbeiten. Wie jeden Tag.
Das Frühstück ließ er sich schmecken. Die billige Tankstelle fand er.
Im Büro war es ein Tag wie jeder andere. Unmengen an Akten und kein Durchkommen.
Es war schon 17.30 Uhr als Hubertus das Büro verließ.
Und da geschah es: Er erblickte ein Wesen, wie er noch nie eines gesehen hatte!
Unglaublich lange schlanke Beine in roten Pumps, eine grazile Gestalt, kirschrote Lippen, wallendes blondes Haar.
Und obwohl Hubertus eine derartige Erscheinung noch nicht kannte, wusste er sofort, was das für ein ominöses Wesen war: Eine Frau!
Er durchbohrte sie mit seinem neugierigen Blick, starrte sie an, als könnte er sie damit aufsaugen.
Und als sie ihm zulächelte, fiel seine Kinnlade herunter.
Was sollte er bloß tun? In seinem Plan hatte nichts von dieser Frau gestanden! Verzweifelt raufte sich Hubertus die Haare und blieb tatenlos stehen.
Wieder einmal wusste er sich nicht zu helfen, hatte keinen blassen Schimmer, was zu tun war.
Und er blickte der Schönheit nach, bis ihr wohlgeformter Hintern hinter einer Hausecke verschwand.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sich Hubertus von diesem schockierenden Erlebnis erholt hatte und seinen Zeitplan wieder aufnehmen und die verlorene Zeit wieder aufholen konnte.
Warum gab es überhaupt Frauen? Um ihm die Zeit zu stehlen? Sie waren doch in seinem Plan absolut nicht vorgesehen!
Hubertus wusste, dass er leicht in Rage geriet und er wehrte sich auch nie gegen das ärgerliche Gefühl, wenn es in ihm hochkochte.
Den ganzen Tag gelang es ihm nicht, dass prägende Erlebnis aus seinen Gedanken zu verbannen. Und als er am Abend an seinem Schreibtisch saß, das rote Heft vor sich liegend, wusste er endlich, was zu tun war:
[i]17.30 Uhr: Du wirst das Büro verlassen.
Eine Frau wird dir über den Weg laufen mit unglaublich langen Beinen und kirschroten Lippen. Du wirst auf sie zulaufen, sie anstrahlen und dann.... dann wirst du sie fest in deine Arme schließen und sie auf ihren wundervollen Mund küssen...[/i]
Zufrieden legte Hubertus C. Finkelmeier den Stift beiseite.
Der Plan funktionierte immer, wenn man sich daran hielt.
Den Rest des Tages ließ er lieber unverplant.
© 2009 by Nathalie Gnann
Und morgen ist das neue Gestern - Lesermeinungen
Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Nathalie Gnann hinterlassen.
Die Geschichte hat durchaus potenzial, allerdings nutzt du es überhaupt nicht. Daraus hätte man etwas machen können, aber dann driftet sie ab und wird zu narrativ.
Geschrieben am 20.09.2010 um 17:30 Uhr
Hallo Nathalie,
leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.
Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.
Freundlicher Gruß,
Christian
Geschrieben am 13.12.2009 um 22:56 Uhr
HI, deine Geschichte ist mal eine Abwechslung von all den anderen Einsedungen und hebt sichgut ab. Aber am Anfang finde ich es unlgisch, dass er sich nicht wundert dieses rote Heft in seiner kleinen Wohnung zu finden, dass er offensichtlich nicht erkennt...
Ansonsten fand ich hätte ein wenig mehr Hintergrundinfo nicht geschadet..
Geschrieben am 23.11.2009 um 14:43 Uhr
Schön geschrieben, schön zu lesen, schön gestalltet.
Abwechslungsreich und humorvoll, ja sogar ein wenig ironisch, abe rnicht zu gemein dem armen Hubertus (alleon der Name ist eine Parodie für sich...) gegenüber.
Gefällt mir sehr gut.
Ich hab die ganze Zeit beim Lesen geschmunzelt!
Und das Ende ist passend und schön.
Ich denke du triffst das Leben einiger alleinstehender auf den Punkt genau ;) Was traurig ist, aber vielleicht machens ja alle irgendwann so wie ubertus am Ende?
Geschrieben am 03.11.2009 um 19:19 Uhr
Die Idee ist sehr genial :D
und du schreibst dazu passend auch sehr schön, der stimmung dieses, doch eher unsympatischen, Herren angemessen.
sehr lustig ist die begegnung mit der frau und der idee, ob diese vielleicht dazu da sind uns unsere Zeit zu stehlen :)
Die Frage ist aber was willst du uns damit mitteilen? Wo ist die Lehre? ;)
Da könnte man doch soviel mit machen. ;)
Geschrieben am 30.10.2009 um 16:12 Uhr
Der Titel der Geschichte wird sicher noch weitere zum Lesen bringen :-) Bei mir das jedenfalls so. Ich finde, du hast eine schöne, anschauliche Art zu schreiben. Allerdings zieht sich die Geschichte ein wenig in die Länge, so kam es mir zumindest vor.
Geschrieben am 16.10.2009 um 12:37 Uhr
Ich habe diesen Text gelesen da der Titel neugierig gemacht hat, die Idee finde ich gut und auch die Umsetzung ist dir gut gelungen.
Du hast den Text gut eingeteilt und so gut lesbar gemacht.
Ich weiß nicht ob du das absichtlich gemacht hast aber ich konnte mich nicht wirklich in den Hubertus einfühlen, dem sein Character war einfach eher unsymphatisch, ob das jetzt gut oder schlecht ist sei mal dahingestellt - ich persönlich finde das eher schlecht da man sich nicht so auf den neuen Tag freuen konnte xD
Geschrieben am 13.10.2009 um 10:51 Uhr
Und morgen ist das neue Gestern - Meinung schreiben
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Teilnehmerdaten
Wettbewerbsjahr
2009
Platzierung
Die Leser wählten diesen Beitrag auf den Platz 7.
Kurzbiografie
Ich wurde am 18. Juli 1989 in Rottweil geboren. Nach meinem erfolgreichen Abitur 2009 beginne ich nun mein Studium der Germanistik und Musikwissenschaften in Bonn.
Am erfogreichsten war ich bisher mit meinen fantastischen Geschichten, von denen schon einige veröffentlich worden sind oder noch werden. Ich probiere aber auch gerne andere Genres aus.
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