Schlaflose Nächte
Mit zitternder Hand griff Raoul zum Hörer und versuchte die Ziffern auf der Wählscheibe zu treffen. Es viel ihm alles andere als leicht sich dazu zu überwinden, aber er wusste, dass er es tun musste. Denn sein Herz fühlte sich immer noch bleischwer an und würde ihn gnadenlos, von Innen heraus, auffressen. Tränen liefen ihm aus den eingefallenen Augen und über die ausgehungerten Wangen, als die Membran im Telefonhörer, in scheinbar grenzenlos langen Abständen, zu schwingen begann. Dann wurde der Hörer abgenommen und das monotone Piepen verstummte.
„Polizeipräsidium Strasbourg, Leclerc.“, meldete sich eine leise Stimme, die offenbar einer jungen Frau gehören musste.
Raoul schwieg, er konnte keine einzige Silbe durch seine zugeschnürte Kehle zwingen. Stattdessen kniff er beide Augen krampfhaft zusammen und wimmerte still durch die Nase.
„Mit wem spreche ich?“, kam es geduldig von der anderen Seite der Leitung.
Raoul fasste sich, blies noch einen letzten, lang anhaltenden, Atemstoß aus und löste Zeigefinger und Daumen, die sich schmerzhaft in seine Schläfen gepresst hatten.
„Wird dieses Gespräch aufgezeichnet?“
„Ja.“, bekam er nach kurzem Zögern eine Antwort, „Wie heißen sie?“
„Ich möchte eine Aussage machen… Zum Mordfall Julienne Louise Parchmann.“
„Einen Moment, bitte.“, entgegnete die junge Frau sofort und nach einem kurzweiligen Moment hörte Raoul das beinahe stumme Tippen einer Tastatur.
„Ein solcher Fall ist uns nicht bekannt, Monsieur.“
„Wissen sie…“, begann Raoul, als hätte er nichts Gehört, und presste abermals seine feuchten Augen zusammen, „Wissen sie, dass ich nicht mehr schlafen kann?! Wissen sie, dass ich sie geliebt hatte?!“
Die junge Polizistin sagte daraufhin nichts, was jedoch nicht hieß, dass sie kein Mitleid empfand. Sie begriff wohl zu diesem Zeitpunkt lediglich, dass sie bei der Polizei nie tröstende Worte gelernt hatte. Gelernt hatte sie einzig und allein das Suchen und Aufrufen von Aktenzeichen am Rechner, was sie weiterhin vergebungslos zu versuchen schien.
„Und dann…“, flüsterte es zwischen Raouls zitternden Lippen hindurch, „Dann musste sie in meinen Armen sterben. Ich musste ihren letzten Atemzug hören, ihre letzte Bewegung spüren und ihr verdammtes Blut riechen! Ich hasse diese grausame Welt! Untergehen soll sie, untergehen!“
Wieder lief ihm eine Träne über die dürre Wange, die erst in seinem schmerzverzerrt zuckenden Mundwinkel zum Halt kam, wo sich ihre flüssige Konsistenz scheinbar aufzulösen schien, ihr salziger Geschmack jedoch blieb.
„Das tut mir Leid für sie.“, zeigte die junge Frau ihre Anteilnahme mit einfühlsamer Stimme. Sie war nun nicht mehr die Polizistin im Dienst, sondern die hilfsbewusste Zivilistin.
„Untergehen“, presste er abermals halb zornig, halb mit Selbstmitleid erfüllt hervor und dieses Mal war wohl sein leichtes Lallen zu vernehmen.
„Monsieur, haben sie getrunken?“, erkundigte sich die Beamtin mit besorgtem Ton.
„Sie, wenn man nachts, aus der Verzweiflung heraus, nicht schlafen kann, greift man
irgendwann zur Flasche. Irgendwann tut man das auch Tagsüber. Und irgendwann verliert man dann auch seinen Job und damit alles, was man zum Leben braucht und begehrt.“
Es herrschte eine kurze Pause. Raoul hatte die Frau, auf der anderen Seite der Leitung,
offenbar so verlegen gemacht, dass sie keine richtigen Worte mehr zu finden wusste.
„Wissen sie, wo der schönste Ort in der ganzen Rheinebene ist?“, fragte Raoul mit gespielter Fröhlichkeit.
„Nein.“, meinte die Beamtin stets darauf bemüht, nicht zu viel zu sagen.
„Kennen sie die Ruine Lichteneck?!“, fragte er, ließ der Frau jedoch keine Chance darauf eine Antwort zu geben, sondern fuhr sogleich fort, „Wenn man dort oben auf den Mauern steht hat man das Gefühl fliegen zu können… Kann man aber nicht. Ich schätze, dafür ist es viel zu niedrig.“
Die junge Frau hatte Raoul sicherlich sehr gut verstanden, denn ihre Stimme wirkte angespannter und schneller.
„Monsieur, von wo aus rufen sie an?“
„Gartachweg Nummer 7, schreiben sie das auf?“, fragte Raoul.
„Ja.“, kam der bescheid zügig zurück und aus dem Hintergrund war das hektische kritzeln eines Kugelschreibers auf hartem Holzpult zu hören.
„Gut.“
„Soll ich jemanden vorbeischicken, Monsieur?!“, erkundigte sich die sichtlich besorgte Polizistin.
Raoul verweilte einen kurzen Augenblick im Schweigen. Das heißt, durch die Kupferleitung drang einzig der bekümmerte Atem, der sich offenbar in ein leises Schluchzen verwandelte, und die Tränen in der Sprechmuschel verursachten ein ungleichmäßiges Kratzen.
„Nein, noch nicht.“, entgegnete er und versuchte sich wieder zu fassen.
„Geht es ihnen nicht gut?“, erklang die sanfte und augenscheinlich sensible Stimme der Polizistin, die wohl ihre Polizeimarke abgeheftet und neben den Telefonapparat gelegt haben musste.
Raoul ertappte sich dabei, wie er sich die unschuldige Frau mit blutjunger Stimme vorstellte. Sie musste sich die blonden Haare nach Hinten gebunden haben um die Polizeimütze tragen zu können, ihre Augen waren in bannendes Blau getaucht und ihre Wangen waren hellrot wie die der Engel es sein mussten.
„Warum ist das Herz wohl ein Symbol für die Liebe?! Weil man die Liebe genau dort wahrnehmen kann. Warum gehen wir alle davon aus, dass das Herz sich direkt hinter der linken Brust befindet? Weil man das Herz genau dort spürt.“
Verzweifelt vergoss Raoul abermals seine Tränen.
„Ich schicke ihnen jemanden vorbei. Ich komme vielleicht sogar persönlich.“, lenkte die sicherlich bildhübsche Beamtin ein und klang dabei so besorgt, dass man fürchten musste ihr Herz würde sich gleich in Zwei teilen.
Doch Raoul ging nicht auf sie ein. Denn er wusste, dass dies leere Worte waren. Nur an ihre vollroten Lippen konnte er denken, als sie diese beinahe magischen Worte aussprach, und es entsprang etwas in ihm aus einem Käfig, dass kein Mittel dieser Welt mehr bändigen konnte. Urplötzlich verwandelte sich sein Schluchzen in ein qualvolles Heulen.
„Ich spüre es… seit weit mehr als einem Jahr.“
Steinerweichend floss ihm ein Strom aus Tränen aus den Augen und sein Gesicht verzerrte sich in hundert schmerzende Falten, während die mitleiderfüllte Beamtin stumm dasitzen musste.
„Und ich wollte, dass es aufhört meine Brust zu erschweren, meinen Körper zu lähmen und mir sämtliche Triebe zu rauben.“, rief er voller Leid in den Telefonhörer, „Aber selbst jetzt hat es nicht aufgehört. Schicken sie nun jemanden vorbei! Sperren sie mich ein! Reinigen sie mein blutiges Gewissen!“
Leise war wieder sein Schluchzen zu vernehmen.
„Ich hab sie erstochen.“
Dann war die Leitung stumm. Raoul hatte den Hörer fallen lassen und wartete auf dem Boden zusammengekauert auf die Polizei.
© 2009 by Matt Relgeiz
Schlaflose Nächte - Lesermeinungen
Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Matt Relgeiz hinterlassen.
Hallo Matt,
leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.
Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.
Freundlicher Gruß,
Christian
Geschrieben am 13.12.2009 um 22:16 Uhr
Nach so vielen Kommentaren kann ich mich nur wiederholen, dass mir die Atmosphäre sehr gut gefällt. Du beschreibst es sehr lebhaft, man kann sich die Umgebung, die Situation gut vorstellen.
Allerdings ist es genau dieser Mord, auf den es hinausläuft. An sich ist die Geschichte eine gute Idee, jedoch wird klar, was es mit dem Anruf auf sich hat und warum es überhaupt zu dem Mord gekommen hat und das nicht erst am Ende der Geschichte. Somit sind seine letzten Worte nur eine Art Bestätigung für das, was man schon die ganze Zeit beim Lesen vermutet hat, jedoch kein "weiterer unerwarteter Schlag".
Geschrieben am 17.11.2009 um 16:20 Uhr
Nun ja was soll ich sagen, es gehört zum besten was ich bisher gelesen hab. Es ist brilliant finde ich.
Für mich kam das Ende total überraschend. Die Auseinandersetzung der polizistin mit seiner geschichte, war sehr überzeugend und das alte Telefon, mit Wahlscheibe und diese französisch klingenden Namen geben dem ganzen einen altmodischen wunderschönen Flair.
Am Ende bleibt aber die Frage, warum er es getan hat. Ich finde es wäre besser es damit enden zu lassen warum es einen Grund geben könnte, dass jemand so etwas tut und was für ein Grund dass sein könnte.
Geschrieben am 31.10.2009 um 17:13 Uhr
Ich finde die Geschichte schön, tragisch.
Aber schade finde ich, dass man erst am Ende erfährt, worum es eigentlich geht. Natürlich denkt man sich, dass er sie umgebracht hat, und auch, dass er sie geliebt hat. Aber man weiß nicht wieso. Er hat es getan, WEIL er sie geliebt hat, weil er das gefühl nicht kannte, unheimlich fand, nicht wollte.
Das ist spannend und eine interessante, gute Idee. Aber wieso kommt das erst am Ende?
Außerdem ist die Reaktion der Polizistin unlogisch. Er sagt, er wolle eine Aussage machen... sie muss ahnen, dass er sich selber meint. Muss nach der Leiche, nach dem Fall fragen. Stattdessen fragt sie nett, ob sie jemanden vorbei schicken soll...
Neben ein paar kleinen Rechtschreib- und Grammatikfehlern (?Wissen sie, dass ich nicht mehr schlafen kann?! Wissen sie, dass ich sie geliebt hatte?!? - es muss heißen "geliebt habe" oder "liebte"!), ist die Geschichte aber ansonsten sehr gelungen!
Geschrieben am 25.10.2009 um 17:12 Uhr
Der Text gefällt mir, aber lange in meiner Erinnerung beleiben, fürchte ich, wird er nicht. Es fehlt irgendetwas... Was genau es ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht blieben die Gefühle des Mördes etwas zu sehr im Schatten, vielleicht war die Polizistin nicht überzeugend genug.
Aus irgendeinem Grund erinnert mich das Ganze an "Das verräterische Herz".
Geschrieben am 22.10.2009 um 23:43 Uhr
Einen sehr interessanten Dialog hast du da verfasst und eine noch viel genialere Wendung inszeniert. Das ist eine Geschichte, die man nicht so schnell wieder vergisst.
Weiter so, schließ mich dem "Woow" voll und ganz an. Gefällt mir gut!;)
Geschrieben am 17.10.2009 um 16:48 Uhr
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Teilnehmerdaten
Wettbewerbsjahr
2009
Platzierung
Die Leser wählten diesen Beitrag auf den Platz 16.
Kurzbiografie
Seit der Mittelstufe schreibe ich Gedichte. Mit 17 habe ich mein erstes Buch geschrieben, welches ich jedoch nie veröffentlicht habe und sicherlich nie veröffentlichen werde. Vor nicht zu langer Zeit habe ich nun begonnen unter meinem Pseudonym "Matt Relgeiz", welches ich auch weiterhin behalten möchte, Kurzgeschichten zu verfassen.
Nachdem ich meine Ausbildung zum Elektroniker nach einem Jahr abgebrochen habe bin ich nun auf dem Weg mit meiner Kreativität Geld zu verdienen.
Folgende Kurzgeschichte war ursprünglich für ein anderes Ausschreiben mit dem Thema "Schlaflose Nächte" bestimmt. Jedoch verfasste ich die Geschichte nach Einsendeschluss.
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