Anhänger des Mondes

Frankreich: 1875
In geduckter Haltung, wie ein Baby im Mutterleib, saß er zwischen den Holunderbeersträuchern und wartete auf den Tod, welchen er gerade in diesem Augenblick ins Auge sah. Besser gesagt war es ein Paar golden leuchtende Augen, die ihn gierig und hungrig anstarrten. Es schien, als würden sich immer wieder dunkle Flammen des Todes in ihnen nach ihm ausstrecken. Wahrscheinlich würde es nicht mehr lange dauern, vielleicht nur noch wenige Sekunden, dann würden die leuchtenden Augen die wahre Gestalt, welche jetzt noch im Verborgenen der Nacht lauerte, preisgeben. Obwohl er versuchte ruhig zu bleiben, beschleunigte sich sein Herzschlag, welcher nun auch immer unregelmäßiger wurde, und verstärkte die Gier und das Verlangen des Gegenübers. Unter einem unmenschlich klingenden Grollen, setzte er zum Sprung an. Das Letzte, was der Mann vernahm, war die Wolfsgestalt, die auf ihn zu sprang. Das Mondlicht ließ ihn einen letzten Blick auf das helle, silber grau schimmernde, Fell des Tieres und die weit aufgerissenen Fangzähne, die gezielt auf seine Kehle zusteuerten, werfen. Dann erklang ein kurzer erstickender Schrei und wenig später das triumphierende Heulen des Wolfes, welches jedem hätte das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Durch einen äußerst merkwürdigen und realistischen Traum geweckt, erwachte John Jaques Lereau in seinem Bett. Seine Haut war mit Schweißperlen übersät und sein Haar feucht, als hätte ihm jemand einen Eimer Wasser darüber geschüttet. Er atmete tief ein, doch die stickige Luft in seinem Zimmer, ermöglichte es ihm nur schwer zu Atem zu kommen. Verschlafen stieg er aus seinem Bett und öffnete das Fenster, welches sich links neben seinem Bett befand. Kalte Herbstluft schlug ihm entgegen, wobei ihm die Mischung aus kühler Luft und dem Schweiß auf seiner Haut, einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Ein paar Mal sog er die frische Abendluft durch seine Nase ein. Kam es ihm nur so vor, oder nahm er plötzlich neue und intensivere Gerüche wahr? Und warum schien er sogar die Feldhasen durch den Wald laufen zu hören? War es ihr Puls, den er als gleichmäßiges Pulsieren wahrnahm? John Jaques schüttelte seinen Kopf um diese fiktiven Gedanken und Fragen aus seinem Kopf zu verbannen, wobei ihm einige Strähnen seines, bis auf die Schulter fallenden, gewellten braunen Haares ins Gesicht fielen. Mit einer sanften Bewegung strich er sich das Haar hinter die Ohren und begab sich wieder zu seinem Bett, wo er es sich auf der, aus Eichenholz gefertigten, Bettkante bequem machte. Seine Glieder schmerzten und er fing an, sein Bein mit der Handfläche zu massieren, um die Spannungen in seiner Muskulatur zu lösen. Er fühlte sich ausgelaugt, als hätte er eine lange Reise hinter sich, doch seit seiner Ankunft in Frankreich, vor drei Tagen, hatte er lediglich ein paar, weniger aufwendige, Aufträge für den König ausführen müssen. Vielleicht sollte er einen seiner Diener bitten, ihm eine Wanne mit heißem Wasser zu füllen? Sein Blick ging gen Himmel. Nein, es konnte nicht später als vier am Morgen sein. Wahrscheinlich lagen sie bereits alle im Bett.
Als John Jaques anfing zu frösteln, ließ er, auf der Suche nach einem Nachthemd oder einem Morgenmantel, seinen Blick durchs Zimmer schweifen. Erst jetzt fiel ihm das zerfetzte Kleidungsstück am Boden auf. Wie war es nur dahin gekommen? Und was hatte zu seinem Zustand beigetragen. Er versuchte sich an die letzte Nacht zu erinnern, stieß dabei aber immer wieder gegen eine Mauer.
Das Einzige, an das er sich noch erinnern konnte, waren diese leuchtend blauen Augen einer wunderschönen Frau, die er in einer Bar getroffen hatte. Beim betreten war ihm die, in einer dunklen Ecke sitzende, einsame Frau aufgefallen. Auch sie hatte sofort ein Auge auf ihn geworfen und ihn in eine Art Bann gezogen. Er konnte sich daran erinnern, mit ihr ein paar Bier getrunken zu haben und anschließend gemeinsam mit der Frau, dessen Name er nicht einmal kannte, das Lokal verlassen zu haben. Danach herrschte nur noch Dunkelheit vor seinem Inneren Auge. Was war nur mit ihm geschehen? Hatte dieser merkwürdige Traum, der ihn geweckt hatte, vielleicht etwas damit zu tun? Unruhig ging er im Zimmer auf und ab und blieb schließlich wieder vor dem, noch immer geöffneten Fenster, stehen. Sein Blick führte zum hell erleuchteten Vollmond, welcher hoch über ihm am Himmel stand und die Welt in ein zartes und dennoch zaghaftes Licht hüllte. Irgendwie erschien er ihm in dieser Nacht imposanter und verführerischer. Er zog ihn regelrecht in den Bann, während er noch immer versuchte, sich all seine unbeantworteten Frage zu beantworten.
Schon nach kurzer Zeit konnte er seinen Blick nicht mehr vom Vollmond abwenden, als hätte dieser die Macht über seinen Willen übernommen. Doch dann geschah es plötzlich. Vor Johns Augen schien sich alles wie in einem Puzzle zusammen zu setzen. Die letzten Stunden liefen vor seinem Inneren Auge ab und offenbarten ihm eine erschreckende Gewissheit.

Lachend und leicht angetrunken verließ John Jaques Lereau, in Begleitung einer gut aussehenden Dame, die Bar. Ohne selbst zu wissen, wo er eigentlich hin gehen sollte, führte ihn die Frau in eine kleine dunkle Seitengasse. Verwirrt schaute er sie an, doch die Augen der Frau hatten ihn längst in einen Bann gezogen, der ihm keine Gewalt mehr über seinen Körper erlaubte. Nur kurze Zeit später breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus, ehe ein unmenschlichen Grollen aus ihrer Kehle entfloh. Nur einen Sekundenbruchteil später sah John Jaques einen braunen Wolf mit strahlend blauen Augen auf ihn zuspringen. Erschrocken und der Gefahr bewusst, in der er sich befand, versuchte er davon zu laufen, aber scharfe und starke Krallen schienen nach seinen Körper zu greifen und rissen ihn zu Boden, während sie seine Kleidung zerfetzten und in sein Fleisch schnitten. Plötzlich ertönte eine rettende dunkle Stimme aus der Dunkelheit. Sogleich hob die Wolfsgestalt ihren Kopf und lief, mit einem Knurren, eilig davon.
Aus einem Schatten kam nun ein Mann auf ihn zu gerannt. Schockiert mustere der Mann den auf den Boden liegenden und halb toten John Jaques. Als der Mann nach seinem Wohlbefinden fragte und sich näher über ihn beugte, um seine Wunden, die der Wolf angerichtet hatte, zu begutachten, überkam John Jaques ein merkwürdiges Gefühl. Es war ein Hunger, den er noch nie in seinem Leben verspürt hatte. Doch er war zu intensiv um ihn zu ignorieren. Wie von selbst und ohne die Wunden zu beachten, richtete sich dieser plötzlich auf. Der Mann wich erschrocken zurück, denn er hatte einen Schimmer in John Jaques Augen entdeckt, den er nur zu gut kannte. Der Gefahr, die schon bald von seinem Gegenüber ausgehen würde bewusst, fing der Mann an zu laufen und wurde schon bald in den Wald getrieben, wo er sich hinter einem Holunderbeerstrauch versuchte zu verstecken.
John Jaques hatte sich indes verwandelt und jagte seinen Retter nun in Wolfsgestalt durch den Wald. Obwohl er nicht wusste, was gerade mit ihm geschehen war, so wusste er doch, dass er seinen Instinkten folgen musste, um seine Existenz zu bewahren. Koste es was es wolle.

John Jaques Lereau stand noch immer vor dem Fenster und blickte mit weit aufgerissenen Augen gen Himmel. Sein Traum gehörte der Realität an. Während sich sein Blick im Angesicht des Mondes verlor, streckte er sich ihm plötzlich entgegen und ließ ein lautes Grollen aus seiner Kehle erklingen. Was auch immer diese Frau mit ihm gemacht hatte, sie hatte ihn zu einem Anhänger des Mondes gemacht.

© 2009 by Alexandra Hamann

Anhänger des Mondes - Lesermeinungen

Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Alexandra Hamann hinterlassen.

orimderblaue Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Hallo Alexandra,

leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.

Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.

Freundlicher Gruß,
Christian

Geschrieben am 13.12.2009 um 18:54 Uhr

Sari Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Dein Schreibstil gefällt mir, obwohl man einige Passagen der Geschichte sicher noch einmal überarbeiten könnte. Die Idee mit dem Traum finde ich ebenfalls gut. Du leitest deine Nebensätze sehr oft - und meiner Meinung zu oft - mit "welche/r/s". Ich würde an dieser Stelle noch ein wenig mehr Abwechslung reinbringen.
Eine spannender Text ;)

Geschrieben am 29.11.2009 um 20:43 Uhr

Lara Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Eigentlich mag ich keine Werwolfgeschichten, aber deine ist gut (:
Am Anfang dachte ich, John Jaques wäre der Mann am Anfang und dann stellt sich das ganze als genau anders herum heraus... toll!
Auch deine Überschrift ist schön, spannend und passend.
In deiner Geschichte ist es toll, dass du dich so genau ausdrückst (nur selten ist etwas unwichtiges dazwischen... zB dass er sich links neben sein bett setzt - das ist egal ;D...) und alles sehr bildlich beschreibst.

Geschrieben am 25.10.2009 um 21:15 Uhr

Janis Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

ja welcher sagt man heute noch und man sollte es nicht weglassen ;)
und selbst wenn sind gerade alte, nicht mehr gebräuchliche Wörter bei historischen erzählungen goldrichtig, da sie das gewisse etwas, das feeling heraufbeschwören.

Es gibt nicht allzu viel zu kritisieren aber zwei Punkte sind mir aufgefallen und zwar zwei sehr kritikwürdige ;)

das ende finde ich total unbefriedigend. Die ganze Geschichte über denkt man der mann der am anfang angegriffen wird ist John Jaques (seltsamer name übrigens, ist John nicht englisch und jaques französisch?) und dann am Ende stellt sich heraus dass er das gar nicht war - das ist genial!
LEider wird dieser geniale einfall dadurch zerstört dass du dass ende so lieblos und spannungsarm erzählst. Und dann wieder in der gegenwart, anstatt erschrecken überd en Mord den er gerade begangen hat, denkt er nur "AH die hat mich zu einem anhänger des Mondes" gemacht. Total emotionslos, als hättest du die geschichte nur so schnell wie möglich zu ende bringen wollen. :(


Dann finde ich es seeehr schade dass du dich offenbar kaum bis gar nicht mit der zeit beschäftigt ahst über die du schreibst! Das ist meiner meinung nach aber bei historischen Erzählungen ein Muss!
Es wäre sehr schön gewesen wenn du kurze anmerkungen zu damaligen alltagsgegenständen oder der damaligen kleidung eingefügt hättest, um ein "Feeling" zu erzeugen, verstehste?
Aber ok das geht ja noch, dass das fehlt, viel schlimmer geradezu entsetzlich ignorant finde ich dass du erwähnst er hätte Aufträge für den KÖNIG erledigt! KÖNIG?
französische revolution? Ludwig XVI. ?
der letzte legitime französische König wurde 1793 in Paris enthauptet!
deine geschichte spielt aber 1875, das war die zeit der dritten französischen republik!

Tut mir Leid, dein Stil gefält mir durchaus, aber ich finde man sollte wenigstens grundlegend über die Zeit bescheid wissen über die man schreibt ;)


Geschrieben am 18.10.2009 um 18:39 Uhr

Lydia Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Ich finde, du solltest das "welcher" lassen, das klingt altgebacken.
Sagt das heute noch jemand??
Vielleicht finden es die Anderen, die deine Geschichte lesen, komisch, dass der Protagonist halb tot einfach so aufsteht...
Und seine Verwandlung hättest du auch genauer beschreiben können.
Aber die Idee ist gut.

Geschrieben am 16.10.2009 um 11:38 Uhr

Faraday Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Die Gechichte erinnert sehr an den Vampirwahn, die Idee ist daher nicht besonders originell.
Dafür hat mir die Sprache zu Anfang sehr gut gefallen, wenn sie auch später etwas zu ausschweifend wird. Trotzdem mag ich diese bildhafte Sprache.

Die Umsetzung der Idee ist dir teils gut gelungen, auf jeden Fall liest sich der Text gut und ohne Längen, jedoch hätte ich die ein oder andere Passage vllt ein wenig anders gestaltet. Zum Beispiel kommt es mir viel zu plötzlich und zusammenhängend, wie er sich erinnert.

Grammatikalisch sind noch einige Schnitzer drin, vor allem die Kommata betreffend.

Geschrieben am 15.10.2009 um 11:22 Uhr

Melissa Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

interessant, aber an manchen Stellen von der Grammatik her falsch. Auch die Rechtschreibung hat manchmal Fehler aufzuweisen.
Von der Gliederung passt der anfang nicht so ganz weil es ja eigentlich das Ende ist. Sonst aber ganz gut.

Geschrieben am 13.10.2009 um 16:15 Uhr

Swaantje Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

teilweise finde ich den stil ein bisschen kitschig.
die geschichte an sich ist auch nicht so meins, aber das liegt vielleicht auch daran, dass ich so fantasy-zeug einfach nicht mag, außerdem finde ich es ein bisschen unlogisch, dass er völlig unverletzt in seinem hotelzimmer sitzt, nachdem der andere werwolf ihn angegriffen hat?!
gut finde ich allerdings die unterschiedlichen abschnitte, also, dass da sprünge drin sind, so hat man was zum nachdenken.

Geschrieben am 13.10.2009 um 13:54 Uhr

Julia Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Hmm...
Die Geschichte gefällt mir irgendwie nicht, ich weiss selbst nicht so genau warum, mir fehlt da einfach etwas, wie soll es nun mit ihm weiter gehen? Und wie kann es sein, dass er diese erschreckende Tatsache so nüchtern hinnimmt?
Dein Schreibstil gefällt mir sehr, aber mit der Geschichte kann ich leider nciht so viel anfangen...

Geschrieben am 13.10.2009 um 13:38 Uhr

Yulia alias Julia alias Mittwoch Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Gut geschrieben, allerdings altbekannt... Es ist wirklich nicht einfach, sich heut zu Tage dem Vampir- und Werwolfwahnsinn zu entziehen, vor allem seit "Bis(s) zum Morgengrauen" (mir persönlich hat das Buch nicht besonders gut gefallen).
Wenn auch nicht frei von holprigen Stellen,hat mich die Geschichte trotzdem unterhalten.



Geschrieben am 12.10.2009 um 17:52 Uhr

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Teilnehmerdaten

Name

Alexandra Hamann (18)

Wettbewerbsjahr

2009

Platzierung

Die Leser wählten diesen Beitrag auf den Platz 33.

Kurzbiografie

Mein Name ist Alexandra Hamann und wurde am 23.03.1991 in Nordrhein-Westfahlen geboren. Schon in jungen Jahren habe ich das Schreiben für mich gefunden, jedoch erst vor etwa einem Jahr intensiv damit angefangen. Zur Zeit bin ich Abiturientin auf einer Gesamtschule und werde voraussichtlich 2010 dort meinen Abschluss machen. Bisher habe ich eine Veröffentlichung in einer Tieranthologie und schreibe an meinem ersten Roman.

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