Timrud und der Sinn des Lebens
Sein Name war Timrud. Als er damals in das alte, mit Efeu bewachsene Haus neben uns zog, haben ihn meine Eltern sofort als irgendwie schrullig bezeichnet. Ich war da gerade mal 7 Jahre alt und - aus gegebenen Umständen - sehr, sehr neugierig. Ich konnte schon soweit lesen, dass ich den Namen unseres neuen Nachbarn auf dem Türschild entziffern konnte, als ich mich in seinen Garten schlich um mich genauer umzusehen. Das Haus war bei genauerem Hinsehen wahrlich heruntergekommen, was nur durch das dichte Efeu versteckt blieb. Der Putz bröckelte ab, die Regenrinne war von Rost übersät und der Gartenzaun hatte hier und da einige Lücken. Plötzlich, als ich so in meinem kindlichen Leichtsinn vor dem Haus stand und es anstarrte, trat Timrud aus der Tür. Ich erschrak fürchterlich, stolperte mehrere Schritte rückwärts und wäre beinahe auf dem Hosenboden gelandet. Ich klammerte mich an das Nächstbeste, was hinter mir war: einen mächtigen Baum. Timrud war klein, schmal, hatte buschige Augenbrauen, winzige lustige Äuglein, die mich vergnügt anstrahlten, einen Bart und ein liebenswertes Lächeln auf den vollen Lippen. „Nana. Wer wird denn da gleich vor dem alten Timrud erschrecken?“ Als er sprach, klang seine Stimme wie die des Erzählers aus meinem Märchenbuch - genau so hatte ich sie mir vorgestellt. Langsam gab ich meine verängstigte Haltung auf, lehnte mich aber sicherheitshalber noch an den dicken Stamm des Baumes. „Entschuldigung, dass ich in deinen Garten gegangen bin.“, sagte ich leise. Timrud lachte ebenso leise in seinen Bart, der ihm bis kurz unter das Kinn reichte und vorne spitz zulief. „Dafür brauchst du dich nicht zu entschuldigen. Ich habe gerne Gäste. Möchtest du mit reinkommen?“ Er wies auf die offene Haustür. Eine Sekunde zog ich in Erwägung, meine Eltern um Erlaubnis zu fragen, in der nächsten Sekunde verwarf ich diesen Gedanken wieder. Sie würden es mir nie erlauben. Timrud verschwand durch die Tür und ich folgte ihm zögernd, dann immer schneller. Wie gesagt, ich war sehr neugierig. Staunend blieb ich am Eingang stehen, während mein Blick über die vielen Dinge wanderte, die sich mir zeigten. Es war seine Einrichtung, die mich faszinierte. Es sah fast aus wie in einem Wald. Die Steinwände bedeckte teilweise Moos, was das Licht, das durch die kleinen Fenster mit den braunen, mottenzerfressenen Vorhängen hereinfiel, dämmrig erscheinen lies. Auf einem klotzigen Eichenholztisch stand ein Kerzenleuchter. Er bestand aus einem knorrigen Ast, der sich mehrfach verästelte und die Kerzen steckten in den Häubchen von Eicheln. Er hatte ihn wohl selbst angefertigt. Um den Tisch standen einige Hocker und Stühle. Neben einem der Fenster stand breit ein Lesesessel und an der Wand dort brannte im Kamin ein wärmendes Feuer. Mir gegenüber befand sich ein direkter Durchgang zu einem zweiten Raum. Vorsichtig, fast bedächtig ging ich hinein. Dieses Zimmer war wesentlich kleiner als das erste, aber genauso wundervoll. Im Eck stand ein Bett, das nach der Nacht noch nicht wieder gemacht worden war. Ansonsten befanden sich nur eine Truhe und ein langes Bücherregal im Raum. Mit den Fingern strich ich an den dicken und dünnen Buchrücken entlang, was eine winzige Staubschicht auf meinen Fingerkuppen hinterließ und ein Lächeln auf meinen Lippen. Bücher liebte ich, auch wenn ich oft noch Mühe hatte, sie selbst zu lesen, so konnte ich doch nicht von ihnen lassen, sondern brachte meine Eltern so oft es ging dazu, mir daraus vorzulesen. Oder ich hielt sie einfach in der Hand, blätterte darin und bewunderte Bilder auf den Seiten, die nicht schwarz bedruckt waren. „Gefallen sie dir?“ Timrud stand still neben mir und schaute mir zu. Diesmal erschrak ich nicht, ich hatte keine Angst mehr. „Ja.“, antwortete ich, ohne die Augen von dem vollen Regal abzuwenden. „Das ist schön. Schau, das hier ist mein Lieblingsbuch, seit ich etwa in deinem Alter war.“ Zielsicher zog er eines der dicken Bücher hervor, schlug es auf und reichte es mir. „Komm, wir setzen uns ans Feuer.“ Er zog einen Stuhl vom Tisch an den Kamin, wies darauf und lies sich dann in den Sessel sinken. Ungeduldig setzte ich mich und blätterte die zweite Seite auf. Das altersschwache Papier knisterte unter meinen Fingern. Ich sog den Duft in mich ein. Es roch nach Moos. Das Papier war nicht mehr weiß, sondern dunkel befleckt, aber die schwarzen Buchstaben darauf konnte man noch gut erkennen. „Der Sinn des Lebens und warum man eigentlich kein Buch darüber schreiben kann.“, stand da mit besonders viel schwarzer Tinte ganz oben auf der Seite. Verwirrt blickte ich auf, als ich diesen Satz gelesen hatte. Timrud gluckste. „Ein seltsamer und langer Satz für den Namen eines Buches, nicht?“, fragte er mich. Ich nickte und klappte den Buchdeckel um, sodass ich die Aufschrift sehen konnte. Tatsächlich, da stand derselbe Satz. Es war der Name dieses Buches. „Bitte.“ Ich streckte Timrud das Buch hin. „Liest du mir vor?“ Timrud stand auf, nahm das Buch entgegen und blätterte eine Seite in der Mitte auf. << Vom Sinn des Lebens: Was ist das? Das Leben und sein Sinn? Diese Fragen stellte sich einmal ein junger Mann, der nicht wusste, was er mit seinem Leben anfangen sollte, damit es nicht einfach nutzlos dahinging. Er wollte nicht sein wie die anderen, denn er wusste, dass er anders war. Dass er anders sein wollte. So machte er sich auf die Suche. Er reiste nicht in die Welt, nein, er ging vor sein Haus. Dort befand sich eine große Wiese und gleich dahinter der Wald. Auf der Wiese standen viele Bäume, Blumen und das Gras wuchs hoch. Außerdem floss zwischen dem Wald und der Wiese ein schmaler Bach. Der junge Mann ging los. Die Sonne stand hell am Himmel, denn es war Sommer und die Natur strahlte nur so vor Schönheit. Er ging direkt auf einen der Bäume auf der Wiese zu, blieb vor ihm stehen und blickte nach oben, in das dichte Blätterdach. „Was ist der Sinn des Lebens, Baum?“, fragte er. „Kannst du es mir sagen?“ Der Baum wiegte die grünen Blätter im Wind und antwortete: „Ja, das kann ich wohl. Der Sinn des Lebens besteht darin, immer wieder seine Blätter abzuwerfen und neue zu entfalten, damit auch neue Früchte reifen können, denn so will es die Natur.“ Der junge Mann bedankte sich und ging nachdenklich weiter. Das war nicht der Sinn seines Lebens. Er starrte auf das dichte Gras und fragte: „Gras, was ist denn der Sinn des Lebens?“ Das Gras bog die schmalen Halme im Wind und antwortete: „Der Sinn des Lebens ist es, nachzugeben, wenn dich Wind und Regen umstoßen wollen, aber man muss stark sein und sich wieder aufrichten. Das ist der Sinn des Lebens.“ Der junge Mann ging wieder weiter. Noch immer nicht die passende Antwort. Er gelangte zum schmalen Fluss, der fröhlich auf und ab über die Steine im Flussbett sprang. „Fluss, bitte sag, was ist der Sinn des Lebens?“ Und der Fluss sprach: „Du darfst niemals müde werden, voranzukommen und die Steine glatt zu schleifen. Auch wenn du denkst, dass du nicht mehr kannst. Das ist bestimmt der Sinn des Lebens.“ Der junge Mann sprang über den Fluss und rannte in den Wald, denn er war sehr traurig. Nichts war die richtige Antwort für ihn gewesen, wer konnte jetzt noch helfen? Da entdeckte er zwischen den Tannen des Waldes eine alte Frau beim Pilze sammeln. Langsam ging er zu ihr, um sie nicht zu erschrecken. „Guten Tag, alte Frau. Darf ich dich denn etwas fragen?“ Die alte Frau richtete sich auf und blickte den jungen Mann lächelnd an. „Ja bitte, was hast du denn auf dem Herzen?“ „Ich möchte gerne wissen, was der Sinn des Lebens ist.“, sagte der junge Mann. Die alte Frau lachte leise. „Mein Lieber. Du bist noch jung und hast dein Leben vor dir. Eigentlich weiß keiner eine genaue Antwort auf deine Frage. Nur so viel: du hast den Baum, das Gras und den Bach gefragt und keiner konnte dir die richtige Antwort geben? Bist du dir sicher? Du sollst leben, lieben und glauben. Hab keine Angst vor dem Weg, der vor dir liegt, traue deinem Glück und dir selbst. Wichtig ist, dass du gehst und schaust und dem Weg zuhörst, Schritt um Schritt. Dann findest du den Sinn des Lebens.“ Als die alte Frau gesprochen hatte, spürte der junge Mann, dass sie Recht hatte. Frohen Mutes beschloss er, seinen Lebensweg nun zu gehen.>> Timrud klappte das Buch fast geräuschlos zu und verharrte reglos, während er mich neugierig ansah. Er nickte, als er sah, wie gebannt ich noch immer dasaß. Die Geschichte des jungen Mannes hatte mich vollkommen in ihren Bann gezogen und das Besondere war: ich verstand alles. Ich, mit meinen 7 Jahren verstand die ganze Aussage der Geschichte. Damals sah ich es einfach als eine tolle Erzählung an, die ganz anders war, als die Märchen, die ich sonst immer vorgelesen bekam. Doch heute weiß ich, dass diese Geschichte ein Teil meines Lebens werden sollte. Nach diesem Tag kam ich noch oft zu Timrud in sein merkwürdiges, aber gemütliches Haus und er las mir weiter aus dem Buch vor, das bald auch mein Lieblingsbuch wurde. Ich wurde älter und auch Timrud war vor dem Alter und dem Tod nicht sicher. Er lebte noch einige, glückliche Jahre in diesem Haus neben uns, wurde mein Freund und war genauso glücklich wie ich, dass er hergefunden hatte. Kurz vor seinem Tod - in welch hohem Alter er starb blieb mir verborgen - schenkte er mir das große, dicke Buch, aus dem er mir so lange vorgelesen hatte und das ich zu dieser Zeit schon längst selbst lesen konnte. Das Buch mit dem seltsamen Namen „Der Sinn des Lebens und warum man eigentlich kein Buch darüber schreiben kann“.
© 2009 by Diana, Schierreich
Timrud und der Sinn des Lebens - Lesermeinungen
Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Diana, Schierreich hinterlassen.
Hallo Diana,
leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.
Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.
Freundlicher Gruß,
Christian
Geschrieben am 13.12.2009 um 22:31 Uhr
Ja wunderschön! Die Geschichte des jungen mannes ist fast besser als die eigentliche :D
Aber mir gefällt sehr wie du das haus voller Bücher beschreibst, man kann es sich richtig vorstellen, den gemütlichen raum voller Bücher, staubiges Papier, eine prasselndes, wärmendes Feuer. Der knarrende Lehnstuhl und das faltige gesicht des alten mannes ;)
Die Geschichte des jungen Mannes der Bäume und gräser und Flüsse fragt ist wirklich sehr einfallsreich und fantasievoll :)
Wunderschön =)
Geschrieben am 31.10.2009 um 19:43 Uhr
Ich mag deine geschichte sehr :)
Die Antworten vom Baum, Fluss und Gras. Einfach toll, sehr fantasievoll!
Am Anfang wiederholst du manchmal Wörter in aufeinander folgenden Sätzen ("...um mich genauer umzusehen. Das Haus war bei genauerem Hinsehen... "), das fand ich auffällig, wenn auch nicht weiter schlimm.
Ich finde die Beschreibung von Timruds Haus ein wenig zu ausführlich, wird nach einer Weile zu viel und somit schnell langweilig.
Aber sein Name allein macht das ganze wieder gut. Man erwartet genau das, was kommt: Ein kleines Männchen wie aus 1000 und eine Nacht.
Ich war richtig traurig, dass er ihr das Buch nicht auf einem fliegenden Teppich vorgelesen hat ;)
Geschrieben am 25.10.2009 um 17:02 Uhr
Timrud und der Sinn des Lebens - Meinung schreiben
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Wettbewerbsjahr
2009
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Kurzbiografie
Ich heiße Diana Schierreich, bin 15 Jahre alt und besuche die 9.Klasse der Realschule in Albstadt - Ebingen (Zollernalbkreis). Ich liebe Bücher und Musik, spiele seit fast 8 Jahren Geige und habe schon als Kind sehr gerne Geschichten geschrieben. Gelegentliche Soloauftritte mit meiner Geige, sowie das gemeinsame Musizieren im Orchester machen mir großen Spaß. Gerade versuche ich mich an meinem ersten Roman mit dem Titel „Die Narben des Eismeeres“. Vor kurzem nahm ich erfolgreich an einem Schreibwettbewerb zu dem Film „Krabat“ teil. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass mich Bücher, Musik und die Literatur immer begleiten werden.
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