Anton
Sie fuhr an diesem Samstag Morgen, dem Samstag in einer ungeraden Woche, an dem sie arbeiten musste, mit der Bahn zum Büro. Ihr Auto hatte sie in die Werkstatt gebracht. Früher als gewohnt war sie aufgestanden, um dann ihrem allmorgendlichem Programm nach zugehen und pünktlich am Bahnhof in den Zug zu steigen.
Das rote, rostige Fahrrad, das im Keller des Mietshauses stand, gehörte ihr. Mühsam trug sie es nach oben bis auf die Straße. Unterwegs verlor sie etwas von dem roten Lack und bemerkte beim
aufsitzen, dass es an Luft in den Reifen mangelte. Da es seit mindestens einem dreiviertel Jahr nicht mehr gefahren wurde, war das kein Wunder.
Am Bahnhof angekommen kündigte gerade eine laut hallende Stimme ihren Zug an, der in fünfzehn Minuten abfahren würde. Auf den Schienen war aber noch kein Zug zu sehen. In gemächlichem Schritt schlenderte sie durch eine große Menge von Menschen, zum Automaten und zog sich ein Ticket. Sie spürte die Müdigkeit noch tief bis in ihre Knochen. Ungefähr vier Meter weiter erblickte sie etwas. Diese Bank war genau das, was sie jetzt brauchte. Mühsam versuchte sie ihre müden Beine in Richtung Bank zu bewegen. Eine alte Frau saß schon an einem Ende und sie setzte sich dazu. Weiterhin füllte sich der Bahnsteig und die Bank. Sie schmunzelte über die neidischen Blicke, in Bezug auf ihre errungene Sitzmöglichkeit, von den anderen Fahrgästen.
Kurz schloss sie ihre Augen. Sie wäre wohl eingeschlafen, hätte die freundliche Stimme in den Lautsprechern sie nicht so unsanft aus ihren Gedanken gerissen. Schlagartig war sie wieder wach. Noch zehn Minuten.
„Könnten Sie vielleicht ein Stück rücken?“, wollte eine leise, hohe Kinderstimme wissen.
Rechts neben ihr hatte sich neben der alten Dame noch ein Mann gesetzt, und links neben ihr sah sie nun ein kleines Mädchen stehen. Es hatte die blonden Haare zu zwei Zöpfen gebunden und zog einen kleinen Reisekoffer hinter sich her.
„Sicher.“ Auf der Bank wurde Platz gemacht. Das Mädchen setze sich zu ihr.
Erst jetzt bemerkte sie, dass es traurig war. Das Mädchen hatte geweint und jetzt fing es erneut an zu schluchzen. Beschämt wischte es sich die Tränen mit ihren roten Jackenärmeln aus dem Gesicht, als es merkte, wie die Frau sie ansah.
Sie war sich unsicher, was sie tun sollte, also sank ihr Blick schnell zu Boden.
Das Mädchen fing an in ihrem Koffer zu kramen. Sie suchte und fand, was sie haben wollte. Doch die Packung der Taschentücher war leer. Sie bot ihm ein Taschentuch an und dann lächelte das Mädchen freundlich ein Dankeschön.
„Bist du ganz alleine unterwegs?“, fragte die Frau schließlich, weil dieses Mädchen nun ihr volles Interesse geweckt hatte.
„Nein.“, gab es mit zittriger Stimme zurück und die Frau schaute sie verwundert an und wollte schon nachfragen, da sagte es: „Ich habe Anton mitgenommen.“
„Wer ist Anton?“
Das Mädchen durchwühlte erneut den Koffer und zog diesmal ein Plüschtier heraus. Einen gelb, schwarz gestreiften Tiger.
„Der ist ja hübsch.“, sagte die Frau bewundernd.
„Ja, ist er und er ist genauso alt wie ich.“ Das Mädchen hielt den Tiger fest an ihre Brust gedrückt.
„Magst du mir sagen, wie alt er ist?“, wollte sie wissen.
„Wir werden heute beide elf Jahre alt.“ Es versteckte seinen Kopf im weichen Fell des Tieres und an dem Auf und Ab seines Rückens bemerkte sie, dass es wieder weinte.
„Schau mal der Zug kommt. Wollen wir einsteigen?“, schlug sie lächelnd vor.
Das Mädchen hob langsam den Kopf und nickte. Es stand von der Bank auf und streckte der Frau die Hand aus. Völlig verwundert darüber, nahm sie sie entgegen und half ihm mit dem Koffer in den Zug. Sie setzten sich nebeneinander.
„Wo musst du denn hin?“, fragte die Frau, nachdem sie beide eine Weile geschwiegen hatten und der Zug langsam aus dem Bahnhof hinausfuhr.
„Nirgendwo. Wo müssen Sie hin?“
„Zur Arbeit. Fährst du jemanden besuchen?“
„Nein, ich weiß nicht, wo ich hinfahre.“ Das Mädchen meinte es, zum Verwundern der Frau, ernst mit dem was es sagte.
„Möchtest du nicht zu Hause mit deiner Familie und deinen Freundinnen deinen Geburtstag feiern?“, erkundigte sie sich verwirrt.
„Nein.“ War die Antwort des Mädchens mit ernster Stimme.
„Warum denn?“
„Die haben keine Zeit für mich.“ Es schaute die Frau an und ihm traten erneut Tränen aus den Augen.
Sie war sich unsicher, ob sie weiter fragen und wissen wollte, was das noch so kleine Mädchen für ein Geheimnis hatte. In ihrem Kopf rotierten hunderte Fragen und als sie sich entschieden hatte, nach langem Überlegen, fing das Mädchen mit zittriger Stimme an zu erzählen.
„Wissen sie, meine Mutter die muss Samstags arbeiten, so wie sie. Erst heute Abend kommt sie wieder und bringt den Stress von der Arbeit gleich mit nach Hause.
Mein Papa dagegen wohnt nicht mehr bei uns. Mama hat gesagt er ist ein Arschloch. Ich darf ihn nicht mehr sehen und anscheinend hat Mama ihn gegen die vielen anderen eingetauscht, die bei uns nun immer ein und aus gehen.“
„Und deine Freundinnen? Was machen die denn heute?“ Sie hoffte, das Mädchen würde weiter so offen reden, war über die plötzliche Vertrautheit zwischen ihnen überrascht und etwas Warmes in ihr machte sich breit. Sie spürte Mitgefühl, aber auch ihre Hilflosigkeit, da sie alles nur so hinnehmen konnte.
„Sie haben keine Zeit für mich.“ Das Mädchen griff wieder nach dem Tiger und schaute aus dem Fenster. Nach ein paar Minuten Stille, welche die Frau unsicher verbrachte, erzählte es dann doch weiter.
„Mama und ich hatten sie alle heute zu mir eingeladen. Anna, Isabelle und Doro, meine drei besten Freundinnen. Heute morgen habe ich angefangen für uns den Küchentisch zu decken und alles in der Wohnung vorbereitet. Meine Mama war ja schon weg, den Kuchen hatte sie in den Kühlschrank gestellt. Sogar mein Zimmer habe ich aufgeräumt und Mama hatte mir vor wenigen Tagen gezeigt, wie der Staubsauger funktioniert. Schließlich war alles fertig und ich habe mich so auf meinen Geburtstag gefreut. Plötzlich klingelte das Telefon. Ich sprach erst mit Doro dann mit Anna und schließlich rief auch noch Isabelle an.“
„Sie haben dir abgesagt?“, fragte die Frau, schon schlimmes ahnend. Das Mädchen nickte.
„Warum?“
„Doro hat mir erzählt, sie muss heute Nachmittag auf ein Reitturnier und hat es heute erst erfahren. Sie ist nämlich eine sehr gute Reiterin, wissen Sie. Ich hab sie ja verstanden und habe ihr gesagt, dass sei nicht so schlimm, wenn sie nicht kommen würde, aber dass es schade sei.
Anna meinte, ihr würde es schlecht gehen, sie hätte eine Grippe oder so und hustete mir ein paar Mal in den Hörer. Enttäuscht verabschiedete ich mich und war nun nicht mehr so begeistert von der anstehenden Geburtstagsfeier. Zu zweit.
Als sich dann aber Isabelle auch noch meldete, stellte ich sie zur Rede. Ich fragte sie, was das denn alles soll und ob sie sich abgesprochen hätten. Ich wollte ihre Ausrede hören und erfuhr, dass sie Hausarrest hätte. Sauer redete ich auf sie ein und wollte wissen, was sie sich dabei gedacht hatte.
Isabelle war immer diejenige von uns, die kaum ein Geheimnis behalten würde und so habe ich dann kurz darauf von ihr erfahren, was los ist.“
Traurig verbarg das Mädchen sein Gesicht im Kuscheltier. Diesmal konnte die Frau sich nicht denken, was passiert sein mochte. Direkt fragen wollte sie nicht. Sie wollte es von sich aus erzählen lassen.
Schüchtern blickte es nach einer Weile hoch uns sah die Frau angestrengt an, als würde es überlegen, ob es es wagen sollte ihr alles zu erzählen. Bevor das Mädchen auch nur eine Silbe über die zitternden Lippen brachte, schreckten beide hoch.
„Die Fahrkarten bitte!“, verlangte eine tiefe und monotone Stimme, die zu einem etwas dickeren Mann mit Bart gehörte.
Die Frau kramte in ihrer Tasche und zog ihren Fahrschein heraus. Nachdem der Schaffner sie gemustert hatte steckte sie sie wieder weg.
„Und was ist mit dir junges Fräulein?“ Leicht genervt schaute er auf das Mädchen hinab.
Es antwortete ihm nicht.
„Wo ist deine Fahrkarte?“, flüsterte die Frau.
„Ich habe doch keine.“, gab das Mädchen zu.
„Ich muss sie bitten an der nächsten Station auszusteigen. Wieso kaufen sie ihrer Tochter kein Ticket?“ Es war deutlich: der Mann hatte alles andere als Lust, an diesem Morgen schon in eine stressige Situation eingebunden zu sein.
„Sie ist nicht meine Tochter. Sie ist elf und hat wohl vergessen sich eins zu lösen. Sie wollen sie doch jetzt nicht etwa einfach rauswerfen, ich bezahle ihr das Ticket.“ Verständnis los schaute sie den Zugbegleiter an.
„Wir halten. Du kommst jetzt mit. Wenn du Geld hast, dann kannst du dein Ticket lösen, oder für dich ist hier die Endstation.“ Unsanft zog er das Mädchen am Arm in Richtung Ausgang.
„Warten sie, ihr Koffer!“, schrie die Frau und lief den beiden hinterher.
Das Mädchen war den Tränen nahe und klammerte sich an ihren Tiger.
„Das ist doch nicht ihr Ernst...“, sie schüttelte den Kopf. Auch andere Fahrgäste waren auf sie aufmerksam geworden und hielten dem Schaffner vor, er dürfte kein elfjähriges Kind aus dem Zug werfen. Auch sie erklärten sich bereit, ein Ticket für das Mädchen zu bezahlen.
Der unfreundliche Zugbegleiter wollte aber keinen Kompromiss eingehen.
Die Frau bückte sich aus dem Zug, zu dem Mädchen am Bahnsteig herunter und stellte ihm die Frage, die sie noch immer beschäftigte: „Warum haben deine Freundinnen dir an deinem Geburtstag abgesagt?“ Das Mädchen guckte überrascht.
„Doro und die anderen finden mich langweilig. Heute gehen sie lieber auf die Geburtstagsfeier von Tom, als zu mir. Ich wurde nicht von ihm eingeladen. Alles was ich mache nervt sie und ist nicht das Richtige. Ich bin nicht so hübsch wie sie und in unserer kleinen Wohnung ist es zu uncool. Das hat mir Isabelle erzählt.“ Mit glasigen Augen schaute das Mädchen die Frau an.
Betroffen überlegte sie was sie sagen sollte.
„Du gehst bald auf die weiterführende Schule, richtig? Ich habe dort viele neue Freundinnen gefunden, dir wird es bestimmt auch so gehen. Du musst jetzt stark sein. Du schaffst das, das weiß ich.“
Sie schaute auf das Plüschtier in der Hand des Mädchens.
„Bleib so wie du bist, sei stark wie ein Tiger.“
Das Mädchen lächelte dankbar und seine letzten Tränen flossen ihm über die geröteten Wangen.
„Jetzt schließen sie aber mal die Tür und halten nicht den ganzen Zugverkehr auf!“ Die Frau zuckte von der dröhnenden und aggressiven Stimme des Schaffners zurück und die Tür schloss sich.
„Sie werden noch etwas von mir zuhören bekommen. Von mir und der Polizei. Diese Aktion wird ihnen garantiert den Job kosten. Sie ist erst elf!“, wütend starrte sie den Mann an. Den kümmerte das herzlich wenig und er machte sich daran, die anderen Fahrgäste zu kontrollieren. Um die Frau herum wurde wild durcheinander diskutiert. Das würde Folgen haben.
Langsam wich das Mädchen ein paar Schritte zurück, den Blick auf die Frau hinter der Zugtür gerichtet.
Der Zug fuhr los und das Mädchen winkte der Frau lachend mit seinem Tiger zu. Glücklich winkte die Frau zurück, bis sie das Mädchen aus den Augen verlor.
© 2009 by Lea Hoffmann
Anton - Lesermeinungen
Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Lea Hoffmann hinterlassen.
Hallo Lea,
leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.
Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.
Freundlicher Gruß,
Christian
Geschrieben am 13.12.2009 um 18:56 Uhr
dass die frau keinen Namen hat, beziehungsweise man diesen nicht erfährt finde ich hat was für sich, es zeigt dass das jeder sein könnte, oder besser sein sollte!
Die kritik and einem schreibstil ist unberechtigt,w eil es nicht deiN Stil ist, sondern das vll. noch etwas ungelenke darin. Wenn du wie du angegeben so wenig kurzgeschichten schreibst sagt dass noch nichts über den stil aus. Ich gebe allerdings recht dass es wenig packend geschrieben ist, die konzentartion auf das gespräch und das "Außenvorlassen" der Umgebung ist hier allerdings sehr passend =)
Dass mit dem schaffner finde ich auch etwas unrealistisch, ich glaube schon dass es viele schaffner gibt, die ein kleines kind aus dem Zug schmeißen würden, aber doch nicht wenn andere anbieten für sie zu bezahlen! und schon gar nicht unter dem protest des ganzen abteils ;)
schöner wäre es auch gewesen wenn du ihre bezihung zu anton dem tiger hervorgehoben hättest, wenn die geschichte schon anton heißt ;)
Geschrieben am 16.10.2009 um 14:27 Uhr
Das ist aber ein blöder Schaffner!
Ich finde deinen Schreibstiel zu monoton. Du solltest noch ein paar abwechslungsreichere Sätze reinbauen.
Die Story ist ganz gut (du lässt die Freundinnen ganz schön fies sein!)
vielleicht wäre es besser, wenn du der Frau einen Namen gibst.
Geschrieben am 16.10.2009 um 11:50 Uhr
Die Idee an sich finde ich ganz süß, allerdings gefällt mir die Umsetzung gar nicht.
Dein Stil ist irgendwie so banal trocken und ausschweifend, dass es langweilig zu lesen ist.
Außerdem finden sich viele unlogische Stellen, vor allem der Rauswurf eines 11jährigen Mädchens aus dem Zug ist ziemlich unrealistisch. Das würde kein Schaffner machen.
Trotzdem sind die Gedanken darin interessant.
An der Grammatik mangelt es teilweise auch noch ein bisschen.
Geschrieben am 15.10.2009 um 11:40 Uhr
Hallo, Lea.
Die Geschichte ist schön, wenn auch nicht besonders logisch (der Kontrolleur, der es riskiert, seinen Job zu verlieren; die Frau, die das entlaufene Mädchen lieber ziehen lässt, als sie zur Polizei zu bringen...). Aber betrachtet man deinen Stil (auch wenn für meinen Geschmack am Anfang zu viele Details sind), das Thema und die Umsetzung, ist es eine recht gelungene Geschichte. Die bisher beste, die ich hier gelesen habe (ich gebe zu, bisher waren es nur zwei).
Weiter so und viel Erfolg!
Geschrieben am 12.10.2009 um 17:19 Uhr
Ich finde deine Geschichte sehr schön, eine gute Idee die einen Nachdenklich macht. genau so ist es sicher leider garnicht so selten wie man denkt. Und was für kleine Kinder wichtig ist vergisst man schnell, auch wenn es doch die selben Themen sind wie bei "großen Kindern"...
Ein paar Aspekte in deiner geschichte erscheinen mir etwas unlogisch. Dass das Mädchen einfach in den Zug steigt ohne zu wissen wohin...
Dass sie so erwachsen redet, so wortgewand...
Dass der Kontrolleur sie raus wirft, trotz so viel Protest der Fahrgäste...
Aber du schreibst sehr packend und schön, als die Kleine raus geworfen wird und sie sich durch das Fenster verabschieden war ich richtig gerührt.
Geschrieben am 12.10.2009 um 17:03 Uhr
Anton - Meinung schreiben
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Teilnehmerdaten
Wettbewerbsjahr
2009
Platzierung
Die Leser wählten diesen Beitrag auf den Platz 34.
Kurzbiografie
In der Grundschule habe ich in einer "Geschichten schreiben AG" schon immer fleißig Worte in die Tastatur gehauen. Eine Zeit habe ich aufgehört zu schreiben, habe mit Gedichten und vorallem Songtexten angefangen. Mittlerweile sind ein paar Kurzgeschichten entstanden.
Das hier ist der erste Wettbewerb, den ich mitmache und ich hoffe natürlich, dass mein Text nicht allzu schlecht ist.
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