Schatten des Lebens
Welch blasse Farbe der Mond doch heute hat, so weiß und voll, ich habe ihn mir noch nie genau angesehen, denkt der Fremde auf dem Hügel. Schweigend fällt sein Blick auf die dunkelgraue Festung, deren Umrisse gerade noch im Nebel zu erkennen sind. Stein für Stein, Turm für Turm ist es ein architektonisches Meisterwerk. Nur wenige Lichter sind noch zu sehen, bald werden auch sie erlöschen. Die rote Flagge weht am Mast des Hauptturms. Auf ihr prangt ein schwarzes Schiff, der Herrscher von Seefahrern hat es sich wahrlich gemütlich gemacht in seinem neuen Heim. Skamkell ist sein Name und so fremd dieser klingt, so eigentümlich ist auch die Kultur dieses Volks der Ronden. Im Laufe eines Jahrzehnts haben sie es geschafft, das größte Handelsimperium der Welt zu errichten. Gold, Juwelen und andere Reichtümer häufen sich in den Schatzkammern der Festung und Skamkell genießt vollkommen die Vorzüge seines Herrscherlebens. Doch was zunächst so friedlich scheint, ist wahrlich trügerisch. Denn in den Kasernen der Festung werden tausende Krieger ausgebildet, Barbaren von den Bewohnern genannt, und wenn diese durch feindliches Gebiet ziehen, hinterlassen sie nur Verwüstung und Trauer. Ihre Äxte und Speere schneiden sich durch die Heere der Feinde und Überlebende ergeben sich vor Angst. Der einsame Mann auf dem Grashügel seufzt und seine grauen, traurigen Augen wenden sich von dem gigantischen Bauwerk ab. Er hatte oft genug die blutigen Spuren der rondischen Heerscharen gesehen, die Opfer in ihrer Verzweiflung und Wut betrachtet. Solche tragischen Momente erinnerten ihn immer wieder an seine Vergangenheit, die er mit Mühe verdrängt und vergessen will. Dunkle Wolken ziehen auf, der Mond wird verhüllt. Ein böses Omen, dass das Licht und das Gute besiegt wird? Nun stiehlt sich doch ein Lächeln in das Gesicht des Mannes ohne Namen. Er hatte noch nie an solche abergläubischen Ammenmärchen Gedanken verschwendet. Der kalte Wind weht stürmisch durch seine langen schwarzen Haare, fröstelnd zieht er sich seinen Umhang enger an den schlanken Körper. Es wird Zeit für ein warmes Gasthaus und ein wohlschmeckendes Bier, sagt sich der Fremde. Mit schnellen Schritten geht er zu seinem ebenfalls nachtschwarzen treuen Hengst, steigt auf und prescht in die Dunkelheit der tiefen Wälder davon. Während die jahrhundertealten, knorrigen Bäume an ihn vorbeiziehen, erhascht der Mann immer wieder Bewegungen am Wegesrand. Gelbe, funkelnde Augen starren ihn aus den Gebüschen an, hinterhältig und angriffslustig. Wölfe, Bären oder auch manch unbekannte Kreaturen verbergen sich dort im Unterholz, nur darauf wartend, dass der Reiter innehält. Rasch einsetzender starker Regen prasselt nun ohne Vorwarnung vom Himmel. Das kalte Wasser strömt über sein blasses Gesicht, durch seine Haare und dringt tief in seine Kleidung. Er treibt sein Pferd jetzt schneller an, denn in einiger Entfernung kann man nun die Lichter des kleinen Dorfes Grünmoor sehen. Nach kurzer Zeit reitet er in den düsteren Ort, der von Sumpf und kargen Grasebenen umgeben ist. Die Holzhütten machen den Eindruck, als würden sie den stürmischen Wind nicht überstehen, die Türen hängen nur noch in den Angeln und tiefe dunkle Löcher sind in den Dächern zu sehen. Die Bewohner verstecken sich nachts in ihren Häusern, aus Angst vor Banditen, Mördern und brutalen Soldaten. Nur hartgesottene Kerle, Landstreicher und Vagabunden schleichen in der Dunkelheit umher, die meisten zieht es aber in die Taverne von Grünmoor. Der Mann bleibt vor dieser stehen, steigt vom Pferd und beäugt das Gebäude genau. Das Holzschild mit der Inschrift „Zur Sumpfkröte“ hängt schief über dem Eingang und spärliches Licht ist durch die Fenster zu sehen. Der Fremde nimmt die Zügel in die Hand und führt sein Pferd in den Stall, der neben dem Gasthaus steht. Als er zum Eingang zurückgehen will, sieht er plötzlich drei rondische Soldaten aus dem Gasthaus torkeln, direkt auf ihn zu. Sein Blick gleitet nach allen Seiten, auf der Suche nach einem Versteck, aber es ist zu spät. Der Größte von den Dreien wird auf ihn aufmerksam, stapft auf ihn zu und baut sich vor ihn auf. Mit stinkendem Atem brüllt er: „Geh mir aus dem Weg, du valerisches Stück Dreck. Ihr hattet wohl nicht gedacht, dass wir Ronden euer schönes Land zu solch großem Ruhm und Reichtum bringen würden, hehe. Wenn Balrik, des Königs Sohn erst den Osten einnimmt, gehört uns bald das gesamte Festland. Es lebe unser Heerführer Balrik, es lebe unser König Skamkell!“ Schweigend will der Valerier sich abwenden, doch der grobschlächtige Krieger packt ihn an dem Umhang und zieht ihn zu sich heran: „Huldige unsere Herrscher, sonst spürst du meine scharfe Klinge an deinem hübschen Hals. Ein von Ratten verseuchtes Verlies würde dir endlich Respekt beibringen.“ Seine Begleiter lachen laut und höhnisch, während er sein glänzendes Langschwert aus der Scheide zieht und die Spitze an die Kehle des Valeriers legt. Flüsternd setzt der Soldat fort: „Euren alten valerischen König gibt es nicht mehr. Der verfault und verschimmelt nun unter der Erde und freundet sich mit den Würmern an, hehe. Die Blutslinie der Valerier existiert nicht mehr, sie wurden alle hingerichtet. Jetzt herrschen wir Ronden in eurem Land und niemand ist da, der euch helfen kann.“ Der schweigende Mann bebt innerlich vor Wut und Hass, seine Hand umschließt langsam den Dolch, der unter seinem schwarzen Umhang verborgen ist. Drei Soldaten kann er unmöglich allein überwältigen, selbst mit seiner Kampferfahrung. Plötzlich wird die Tür aufgestoßen und der Wirt des Gasthauses tritt mit grimmiger Miene heraus. Mit verschränkten Armen baut er sich vor den Soldaten auf, fast zwei Köpfe größer als sie, und brüllt sie an: „Verschwindet sofort von meinem Grundstück, ihr besoffenen Schweine! Hört auf, meine Gäste zu bedrohen oder ihr lernt mein Hackebeil kennen. Oder soll ich noch meine Söhne holen? Die werden euch schon Manieren beibringen.“ Mit einem Raunen lässt der größte Soldat von dem Valerier ab und zieht von dannen. Seine Begleiter folgen ihm eilig und blicken immer wieder zurück. Seufzend rückt der gerettete Mann seinen Umhang zurecht, sieht dem Wirt in die Augen und sagt zerknirscht: „Danke, Marvin. Ich hatte meinen Dolch schon griffbereit, aber es hätte nichts genutzt. Ob ein Mann eine Waffe trägt oder nicht, ist heutzutage vollkommen egal.“ Mit einem Lächeln im Gesicht tritt der kräftige Wirt auf ihn zu und schubst ihn sanft ins Gasthaus. „Jetzt bekommst du erst einmal ein anständiges Bier und dann kannst du wieder dein Herz mit solch traurigen Dingen belasten.“ Als sie die Taverne betreten, kommt ihnen ein schwerer Geruch von Alkohol, Speisen und auch Schweiß entgegen. Schummriges Licht von einzelnen Tropfkerzen auf den Tischen erhellt den Raum nur gering. Einige Gäste sitzen verborgen im Schatten und trinken allein und pfeiferauchend ihr Weizengetränk. Andere wiederum tanzen und torkeln im Raum umher und werden dabei beklatscht oder durch Zurufe zum Weitertrinken motiviert. Der Valerier geht ohne zu zögern an einen kleinen Tisch in einer dunklen Ecke. Marvin gibt seinem ältesten Sohn Astor ein Zeichen, dass dieser ihnen zwei Krüge Bier bringen soll und setzt sich zu seinem alten Freund. In leisem Ton sagt er zu dem Mann: „Devon, ich kenne dich schon sehr lange, genaugenommen seit du als kleiner Bursche durch meine Schlossküche gerannt bist.“ Marvin muss bei dieser Erinnerung lachen und klopft ihm auf die Schulter: „Du warst immer fröhlich und hattest nur Unsinn im Kopf, aber du brachtest Freude in dieses alte graue Gemäuer.“ Der Angesprochene fuhr sich durch seine vom Regen nassen Haare und kratzte an seinen Bartstoppeln. Dabei sprach er fast flüsternd: „Nenn mich nicht Devon, dieser Mann ist vor zwanzig Jahren gestorben. Du weißt, ich bin seitdem unter vielen Namen bekannt: Schatten, Klingenwind oder auch Sturmbringer. Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und diese grauenvolle Tat verhindern, und vor allem diesen verfluchten Krieg zwischen Valeriern und Ronden.“ Astor bringt ihnen nun die zwei Bierkrüge und stellt sie auf den Tisch. Sein Vater Marvin macht eine hektische Handbewegung, dass er sie allein lassen soll. Zu Sturmbringer gewandt sagt er: „Niemand konnte das verhindern, nicht einmal dein Vater Faldur, Gott segne ihn...obwohl du erst 28 Jahre alt bist, besitzt du schon die alten und weisen Augen eines Königs. Du hättest gut über unser Land geherrscht, gerecht und klug.“ Sturmbringer wendet jedoch ein: „Doch nun sitzt ein Anderer auf dem Thron, ein Fremder, ein Tyrann. Immer wenn ich die Festung ansehe, erscheint es mir so, als würde mein Königreich in meinen Händen zerfließen.“ Der Mann bricht in Tränen aus und verbirgt sein Gesicht in den Händen. Marvin zieht sich respektvoll zurück und lässt ihn in Frieden. Sturmbringer reißt sich zusammen und wischt sich die Tränen vom Gesicht. Leise murmelt er: „Wer bin ich denn? Ich muss handeln und nicht wie ein kleines Kind in einer dunklen Ecke weinen.“ In hastigen Schlucken trinkt er sein Bier leer und will gerade aufstehen, als ein fremder Mann plötzlich vor ihm steht. Sein Gesicht ist nicht zu erkennen, da es von einer Kapuze verhüllt ist und sein ganzer Körper ist in tiefes Schwarz gekleidet. Fast flüsternd fragt er: „Bist du Sturmbringer, der Assassine? Im Untergrund bist du als der Beste seines Faches bekannt.“ Lächelnd antwortet er: „Mein Ruf eilt mir also voraus...was kann ich für Euch tun und wie sieht die Bezahlung aus?“ Der Fremde legt eine Zeichnung auf den Tisch. Der Assassine sieht sie sich genau an. Das Porträt zeigt einen blonden Mann Mitte zwanzig. Er weiß genau, wer das ist. „Bring mir seinen Kopf und ich gebe dir 50 Goldtaler. Wir treffen uns an der alten Mühle.“ Sturmbringer nickt und der Fremde verschwindet eilig. Langsam holt der Assassine seinen Dolch hervor und begutachtet lächelnd die glänzende Klinge im Kerzenlicht. „Heute Nacht werde ich dich endlich rächen, Vater....dich und alle Valerier in diesem Land. Der großartige Herrscher Skamkell wird heute seinen Sohn verlieren.“ Langsam erhebt er sich und der rechtmäßige König schreitet in die dunkle Nacht hinaus.
© 2009 by Sandra, Bösel
Schatten des Lebens - Lesermeinungen
Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Sandra, Bösel hinterlassen.
Hallo Sandra,
leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.
Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.
Freundlicher Gruß,
Christian
Geschrieben am 13.12.2009 um 22:09 Uhr
Du hast einen schönen Stil.
Du schreibst (fast) fehlerlos.
Man kann deine Geschichte gut lesen.
Du baust Spannung auf.
Du hast Hintergrundwissen.
Schöne Idee und super umgesetzt.
Ich mag die Geschichte, kurz und knackig.
Ein paar mehr Absätze könnten nicht schaden ;)
Und ich find die Idee, der Assasine bekommt seinen Aufrtag in einer Schenke, garnicht so abwegig. Schließlich ist er der Sohn des alten Königs und der Wirt dessen alter Koch (nehm ich an). Da liegt es nahe, dass gute Spitzel das heraus bekommen und ihn darüber finden!
Sehr gelungen!
Geschrieben am 03.11.2009 um 19:04 Uhr
Hm, du schreibst sehr gut, es wäre schön wenn du ein wenig mehr auf die Mode, die Sitten und Kultur dieser zeit und Welt eingehen würdest. Auf ihre Bewohner und die Stimmung im Volke ob der unterdrückung durch die Ronden.
Unrealistisch dass ein Assassine einen Auftrag zum mord an einem königssohn in solch einem schummrigen, nichtsbedeutenden Dorf in einer schummrigen, nichtsbedeutenden Kneipe bekommt.
Und deine Gliederung ist DIE Katastrophe, kein einziger absatz! Da macht es Mühe dass zu lesen :D
aber mir gefällt dennoch wie du schreibst, obwohl es doch sehr gewöhnlich, sprich unoriginell ist.
Geschrieben am 31.10.2009 um 17:01 Uhr
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Wettbewerbsjahr
2009
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Kurzbiografie
Mein Name ist Sandra Bösel, bin 18 Jahre alt und Abiturientin. Mein Wunsch ist es, European Studies oder Anglistik zu studieren und ein Auslandssemester in Finnland zu absolvieren. Schon seit meiner Kindheit fasziniert mich das Schreiben von Geschichten und Gedichten. Meine Hobbys sind natürlich das kreative Schreiben, aber auch Musik und vor allem Bücher. Zu meinen Lieblingsautoren zählen Tolkien, Kai Meyer und Dan Brown und meine Leidenschaft sind vorwiegend Fantasy- und Historische Romane. In der folgenden Kurzgeschichte geht es um einen Mann, der alles verloren hat, was er liebt. Nun wandelt er im Schatten und in zweifelsohne düsteren Kreisen der Gesellschaft.
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