Nennt es Zufall, nennt es Schicksal

Lysael konnte die Sprache der Bücher sprechen. Sie hörte zu, wenn sie flüsterten, ihr Rascheln und Knistern, das Knarzen der Buchdeckeln, das Wispern der Seiten, ihr Raunen und Zischeln vermischte sich, wie in einem Bienenstock, zu einem einzigen Summen, wie eine Melodie, die sie ständig umgab.
Und wegen ihrer Hingabe besaß Lysael eine Buchhandlung in London; ihre Zuflucht und Heimat, ihre Oase der Ruhe mitten im geschäftigen London.
Es ist der Ort, wo sie sich normal fühlen kann, obwohl sie es doch eigentlich nicht ist. Der Ort, an dem sie so tun kann als ob.
Schön eigerichtet hat sie sich ihren Laden, mit gemütlichen Sesseln in den Ecken und hohen Regalen, in denen kaum noch Bücher reinpassen, so voll sind sie.
Wenn man sich ihren Laden anschaute, sah alles nach einem wunderbar normalen Buchladen aus, der einer vollkommen normalen Person gehörte. So sah es aus.
Lysael seufzte. Sie wusste es besser. Es war nicht etwa ihre blasse Haut, die durch den schwarzen Pullover und der dunklen Jeans noch mehr auffiel, die nicht normal war, oder vielleicht ihr merkwürdiger Name, nein.
Im Grunde hatte alles vor einem Jahr begonnen…

Stille. Tiefste, dunkelste Nacht hat sich herabgesenkt. Die Sterne leuchten hell, als würden sie einen Ausgleich zum samtenen Dunkel schaffen wollen. Lysael ist auf dem Nachhauseweg und genießt die kühle Abendluft auf ihrer Haut. Hört das Geräusch ihrer gemächlichen Schritte. Schmeckt den Wind. Und dann- unerwartet, bricht es los. Bilder bestürmen sie, wie ein wütender Bienenschwarm, wie ein reißender Fluss, dessen Damm plötzlich bricht. So viele Bilder in rascher Abfolge sieht sie, doch erkennen kann sie gar nichts. Heftige Kopfschmerzen, die sie zudem befallen haben, lenken sie zusätzlich ab. Dann, langsam, versiegt der Strom der Bilder. Doch die Kopfschmerzen sind, einer Art Mahnung gleichkommend, noch immer da. Sie spürt die Gänsehaut auf den Armen, als sie die Augen aufschlägt. Ihr Atem geht schnell; erst jetzt bemerkt sie, dass sie auf dem Boden liegt. Während sie sich langsam aufrichtet, sieht sie sich um. Alles ist noch genauso wie vorhin. Die Welt ist noch die gleiche- doch Lysael hat sich verändert.

Sie dachte nicht gern an dieses Ereignis zurück.
Damals hatte ihre perfekte, glückliche Welt angefangen Risse zu bekommen. Bis die Welt schließlich stehenblieb. So kam es ihr vor. Dennoch schweiften ihre Gedanken zu dem Abend zurück…

Lysael beschloss so zu tun, als wäre nichts gewesen, wollte nichts weiter, als nach Hause zurückzukehren, wo die Nähe ihres Freundes ihr Trost spenden würde, wo sie einfach nur weiterleben konnte in ihrer glücklichen Welt. Doch es sollte nicht sein. Denn in der nächsten Nacht wiederholte sich alles. Die Bilder, die Schmerzen- diesmal stärker.
Es war Eofor gewesen, der ihr damals geholfen hatte. Eofor, der sie weggebracht hatte von New York, von ihrem Freund. Sie wäre gestorben wenn er nicht gewesen wäre, das wusste sie heute sicher.
Seine kühlen Finger hatten sich an ihre Schläfen gelegt und der Bilderstrom war versiegt.
Während Lysael von den Armen der Besinnungslosigkeit empfangen worden war, hatte sie gerade noch gesehen, wie ihr Freund mit dem Fremden verschwand.
Und dann…tiefste Dunkelheit.

Schließlich, am nächsten Morgen, war es geschehen. Eofor war gekommen um sie wegzubringen und sie war mit ihm gegangen. Einfach so. Später würde er ihr erklären, dass das zu seiner Magie gehörte.
Doch damals hatte sie die Welt nicht mehr verstanden.
Hatte wissen wollen, weshalb sie so weit wegmusste, was mit ihr los war und warum ihr Freund nicht mitkam.
Sie müsse mit ihm kommen, damit er ihr helfen könne solchen Anfällen vorzubeugen. Ihr Talent, die Visionen, zu kontrollieren. Ihr Talent sei zu gefährlich, als dass ihr Freund mitkommen könne. Sie würde auch ihn in Gefahr bringen. Dies war Eofors Erklärung gewesen. In die Augen schaute er ihr bei diesen Worten jedoch nicht.
Sie könnte aber zurückkehren. Wenn alles vorbei war. Zurück nach New York.
Lysael hatte den Eindruck er wolle versuchen ihr eine falsche Vision einzupflanzen. Nichts weiter als ein leeres Versprechen. Doch sie hatte ihm geglaubt.
Denn die Hoffnung kann eine verzwickte Sache sein. Um sie nicht zu verlieren, klammern wir uns an alles fest. Auch wenn wir wissen, dass es Lügen sind.
Lysael hatte anfangs noch viel Kontakt zu ihrem Freund gehabt. Hatte telefoniert, ihm geschrieben. Sie liebte ihn, dass hatte sie zu spät realisiert.
Denn manchmal wird uns erst klar, wie sehr wir etwas brauchen, wenn es bereits weg ist.
Die Monate vergingen, Lysael lernte sich mit ihrem Schicksal abzufinden und ihre Visionen zu kontrollieren. Mit der Zeit sprach sie seltener mit ihrem Freund und der Kontakt brach eines Tages abrupt ab. Sie hatte ihm nie gesagt, dass sie ihn liebte. Vielleicht war es ihm zu müßig gewesen, auf sie zu warten. Vielleicht hatte er nun eine andere Freundin. Sie wusste es nicht; Theorien hatte sie viele.
Es schien ihr, jemand habe einen persönlichen Rachefeldzug gegen sie geplant, als ihr Leid sich eines Tages noch vergrößerte. Als sie die Vision von Eofors baldigem Tod sah. Eofor, der ohne es zu wollen zu einer Art Anker für sie geworden war, ihr Halt.
Doch die Zeit hat die Eigenschaft zu vergehen, ohne sich um das Leid der Menschen zu kümmern…

Ein Klingeln riss Lysael aus ihren düsteren Gedanken. Eine alte Frau hatte die Buchhandlung betreten und suchte nun mit zusammengekniffenen Augen die Regale ab. Jäh hatte Lysael das Gefühl erneut in die Vergangenheit zurückversetzt worden zu sein. Die alte Frau war vor langer Zeit schon mal dagewesen.
„Die Magie ist keine Wissenschaft. Ich kann dir nicht sagen warum gerade du, oder ich anders sind, Fakt ist jedoch, dass sie unsere Sichtweise ändert. Wer weiß wie viele Menschen allein in London anders sind. Zum Beispiel diese alte Frau da.“ Lysael folgte skeptisch seinem Blick. „Wer sagt uns, dass nicht auch sie etwas Besonderes ist?“ Und mit diesen Worten war er aufgestanden, um der alten Frau zu helfen. In der Buchhandlung, die damals noch ihm gehört hatte.
Lysael war als könne sie Eofors lehrenden Tonfall in ihrem Kopf nachhallen hören.
Selbst nach seinem Tod war sie in London geblieben. Niemand hielt sie auf, sie konnte tun was sie wollte. Nach New York war sie dennoch nicht gegangen. Es war die Angst, die sie hielt. Was er wohl von ihr halten mochte? Von ihr und ihrem eigenartigen Talent. Ob er überhaupt noch an sie dachte?
Die alte Dame hatte offensichtlich gefunden, wonach sie suchte und machte sich nach dem Bezahlen daran, die Buchhandlung zu verlassen.
Plötzlich schien sie es sich anders zu überlegen- als hätte sie etwas vergessen, denn sie drehte sich um und fixierte Lysael. „Wenn du ihn liebst, was hält dich dann noch auf, Kleines?“
Dann war sie verschwunden, eine verwunderte Lysael hinter sich lassend. Eofor hatte seine rhetorische Frage nie beantwortet. Ob die Frau magisch begabt war. Jetzt wusste Lysael es.

Wieder allein mit ihren Gedanken, sah sie sich um. Die Sonne, die durch das Schaufenster ihre Strahlen warme Liebkosungen gleich austreckte, ließ tiefe Schatten entstehen. Sie liebte diesen Ort. Doch noch viel schöner wäre er, mit jemand bestimmten an ihrer Seite. Lysael traf eine Entscheidung.
Mit schnellen Schritten ging sie zur Tür und ohne einen Blick zurückzuwerfen schloss sie sie hinter sich. Nicht wissend, dass ihr Freund nicht mehr lebte. Dass sein Tod zu ihren ersten Visionen gehörte…
Und leise und ungehört erscholl ein Lied in dem Radio, das in der Buchhandlung noch immer lief:
„He’s no longer with us, but he left his dusty room…“
Warnung, oder Zufall? Vielleicht würden manche es auch Schicksal nennen.
Denn manchmal ist die Welt grausam und will nicht, dass wir glücklich werden.

© 2009 by Zeenat,Rauf

Nennt es Zufall, nennt es Schicksal - Lesermeinungen

Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Zeenat,Rauf hinterlassen.

orimderblaue Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Hallo Zeenat,

leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.

Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.

Freundlicher Gruß,
Christian

Geschrieben am 13.12.2009 um 21:46 Uhr

Lydia Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

echt, am anfang deiner Geschichte denkt man,
man befindet sich im Buch "Tintenherz"
da wird das knistern der seiten auch beschrieben

und ganz am Ende ist die geschichte etwas blöd
das Ganze ist sowieso verwirrend geschrieben

Geschrieben am 04.11.2009 um 17:25 Uhr

janis Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Ich finde die geschichte wunderbar, du schreibst großartig, bildreich und es hat etwas mystscihes. Aber mir gefällt nicht dass du so wenig auf die Sprache der Bücher eingehst und auf iher visionen. ebenso darauf dass es viele menschen gibt die anders sind. Daraus könnte ein großartiger roman werden: Wirklich ein geniales Werk könnte daraus werden, als kurzgeschichte ist es zu unvollkommen, man hat zu wenig informationen.
Es schneidet so vieles an was ausführlicher behandelt gehört.
Und ich mag das Ende nicht. Wo etwas großartiges, aussagendes hingehört, steht eine 0815-Lehre. Das Ende sollte hier die Krönung der geschichte sein, aber es hinkt ziemlich hinter dem rest her :(
Aber es ist dennoch großartig wie du schreibst. Mach nen roman draus, einen Käufer hätteste schon :D
Allein die Namen =)
Wunderbar!


Geschrieben am 31.10.2009 um 15:53 Uhr

Gülsüm Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Ich bin einfach nur fassungslos...
Deine sehr gut gelungene Geschichte hat mich regelrecht mitgerissen!
Deine Idee hast du super umgesetzt und mit philosophischen Aspekten verbunden, was ich für Besonders einstufen würde.
Jedoch weiß ich ehrlich gesagt nicht wirklich, was an deiner Geschichte jetzt so verwirrend sein sollte, denn man kann ihr sehr gut folgen.
Daher finde ich eher einige Kommentare hier unnötig.
Aber naja, jedem das seine...

Geschrieben am 27.10.2009 um 20:39 Uhr

Matt Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Guten Tag,
die Grundidee deiner Geschichte find ich ziemlich gut, jedoch finde ich manche Stellen, auch wenn sie schön klingen und philosophischen Wert haben, überflüssig. Praktisch auf das Thema bezogen unnützlich und lediglich verwirrend.
Diese Mystik in deiner Geschichte würde auch viel besser wirken, wenn du das Offensichtliche nicht nochmals unterstreichen würdest. Ein Witz ist schließlich auch nicht mehr witzig, wenn man ihn erklärt bekommen muss.

Alles in allem ne tolle Idee und tolle Namen, weiter so; )

Geschrieben am 15.10.2009 um 09:02 Uhr

Lara Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Meine Liebe :)
Ich finde deine Geschichte sehr schön, am Anfang dachte ich: "Wow. Super Idee!" Bücher haben etwas magisches, ich war fasziniert. Aber der Anfang wird leider später immer unwichtiger. Das verwirrt.
Warum erfährt der Leser nicht, was es nun mit ihr auf sich hat? Was mit ihrer Gabe ist. Und was die Magie ihres heldenhaften Retters war?

Du schreibst wunderschön, ein wenig verwirrend fand ich aber das Ende. Ich musste noch einmal nachlsen, weil ich nicht sicher war, ob die alte Frau ihren Freund meinte, oder Eofor.

Du hast ein paar Komma-Fehler, aber das ist nicht weiter schlimm.

Bis auf die leichte Verwirrung eine sehr sehr schöne Geschichte. Echt gelungen, weiter so :)

Geschrieben am 12.10.2009 um 16:44 Uhr

Eda Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Sehr sehr sehr guuuuuuuuuut!! super Idee :)

Geschrieben am 12.10.2009 um 14:33 Uhr

Amna Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Eine fasziniernde Geschichte, mit viel Spannung und viel Magie! Ein aussergewoehnlich guter Schreibstil komplementiert die Kreativität und sorgt dafür, dass man sich die Szenen bildlich vorstellen kann. Insgesamt eine packende und mystische Geschichte.

Geschrieben am 12.10.2009 um 14:22 Uhr

Shereen Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Schöne Geschichte, sehr gut geschrieben.. :)

Geschrieben am 12.10.2009 um 13:47 Uhr

Faruk Dincer Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Die Geschichte fand ich super. Es ist spannend und mystisch, doch es beinhaltet auch lehrreiche Stellen fürs Leben.

Geschrieben am 12.10.2009 um 13:07 Uhr

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Teilnehmerdaten

Name

Zeenat,Rauf (17)

Wettbewerbsjahr

2009

Platzierung

Die Leser wählten diesen Beitrag auf den Platz 9.

Kurzbiografie

Ich heiße Zeenat Rauf, bin 17 Jahre alt und bin Schülerin der Heinrich-Mann-Schule in Dietzenbach, wo ich die 12.Klasse besuche.

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