Kleines, schwarzes Auto
An meinem Schrank hängt jetzt eine Postkarte. Eine weiße Postkarte mit einem flatternden Vogel drauf. Ich finde die Postkarte schön, einfach schön. Ich habe sie in Berlin gekauft, in einer kleinen Papeterie in Kreuzberg und ich wollte sie Lukas schicken, aber dann habe ich doch eine Hochglanzansichtkarte gekauft, in einem Souvenirladen am Kudamm. Eine 08/15 Postkarte mit Brandenburger Tor drauf. Die habe ich dann Lukas geschickt: Schöne Grüße aus Berlin, das Wetter ist gut, das Essen auch. Ich vermisse dich, bis bald, Sara.
Ich habe extra groß geschrieben, damit die Karte nicht so leer aussieht, habe eine Briefmarke gekauft, auch mit Brandenburger Tor, und hab’ die Karte in den Briefschlitz gesteckt, der für die Briefe ist, die nicht innerhalb Berlin verschickt werden sollen.
Ich glaube, Lukas hat sich viel mehr über die Hochglanzpostkarte gefreut, als er sich über die Vogelpostkarte gefreut hätte. Die habe ich jetzt für mich und weil ich sie so schön finde, musste sie aufgehängt werden. Ich habe lange nach einem Platz gesucht: rechte Wand, linke Wand, Seitenfläche von Regal, Pinnwand (bloß nicht! Kein Loch in die schöne Postkarte), Schrank. Schrank! Das ist ein guter Platz. Nicht perfekt, aber der beste, den ich finden kann.
Jetzt hängt ein Spatz an meinem Schrank und ich habe ihn Lukas genannt, zum Dank. Ohne ihn hätte ich die Karte ja gar nicht gekauft.
Mein Berlinurlaub liegt jetzt fünf Tage zurück. Lukas hat mich in der Zeit zwei Mal angerufen. Das erste Mal wollte er sich für meine Karte bedanken. Das fand ich sehr nett von ihm. Das zweite Mal wollte er sich mit mir treffen. Das war auch sehr nett und ich wollte ihn auch treffen, also haben wir uns verabredet. Das war gestern. Heute holt er mich ab. Wir wollen in eine Galerie, die immer erst um sieben öffnet. Von sieben Uhr abends bis vier Uhr morgens. Aber so lange wollen wir nicht bleiben. Nur kurz, nur ein bisschen. Ich weiß auch gar nicht, ob Lukas sich wirklich für die Bilder interessiert. Ich glaube, er hat nur ja gesagt, weil ich gerne wollte. Er wollte lieber ins Kino oder essen gehen oder –
Er wollte das machen, was alle immer machen, glaub ich.
Ich muss mich fertig machen, ich muss mich anziehen, es ist so warm. Es ist schon den ganzen Tag warm, den ganzen letzten Tag auch, schon die ganze Woche, auch in Berlin schon. Ich schwitze und alles klebt und ich muss duschen, kalt am besten, aber das ist mir dann immer zu kalt und dann dusche ich doch warm. Ich dusche und dann will ich mir was anziehen, was Schönes, und als ich vor dem Schrank stehe, um etwas herauszuholen, da sehe ich Lukas, den Spatz, und freue mich, weil er wirklich so schön aussieht und da ist es mir fast egal, was ich anziehe.
Lukas klingelt nicht, er ruft mich an, vom Handy „Ich steh’ jetzt hier unten, kommst du?“
Ich komme, ja ich komme natürlich und ich frage mich, ob er nicht geklingelt hat, weil er zu faul war, auszusteigen.
Lukas sitzt in seinem Auto, das schwarz ist und klein. Es hat vier Sitze, aber auf dem Rücksitz kann man eigentlich gar nicht sitzen, da ist es viel zu eng.
Um fünf vor zwei steige ich wieder aus, Lukas hat mich zurückgebracht, er fährt weg, ich schließe die Haustür auf, Treppe, dann Wohnungsschlüssel. Ich bin müde, gehe gleich ins Bett.
Lukas hat sich gelangweilt in der Galerie. Er hat nichts gesagt, ich hab es ihm angesehen und bin vor jedem Bild extra lange stehen geblieben. Manchmal habe ich scheinbar kluge Bemerkungen abgegeben und wirklich kluge Bemerkungen verlangt. Keine hat mir genügt, keine war gut genug. Ich hätte das lassen können, ich habe weitergemacht. Er hat sich ja nicht beschwert.
„Sag doch auch mal was!“
„Das hier, das gefällt mir gut.“
„Das? Ach was, das ist nicht dein Ernst. Das ist doch Schrott, allein die Farbkomposition.“
Er wollte nichts sagen, tat es trotzdem, um mir zu gefallen.
Es hätte mir gefallen, wenn er nichts gesagt hätte oder nur, dass er darüber nichts sagen kann oder will. Er hat viel zu viel gesagt. Ich auch, um ihn zu provozieren, damit er überhaupt etwas sagt.
Danach wollte ich nichts mehr machen. Ich war müde, die Stadt war müde, der Tag war anstrengend und Lukas war froh, endlich die Galerie verlassen zu können. Er war wach und wollte unbedingt noch was trinken gehen. Etwas Datetypisches, etwas Normales. Ich war zu müde, um abzulehnen.
Die Kneipe war dreckig, schmierig. Ich hatte Hunger, aber es gab nur Pommes, Currywurst, Schaschlik, Schnitzel...
Mir wurde schlecht und ich gab die Karte wieder zurück, ohne etwas zu bestellen. Lukas redete. Viel, viel zu viel, viel mehr als vorhin und auch da war es mir schon zu viel. Er redete, ich hörte kaum zu, auf einmal eine Frage:
„Was?“
„Hast du mir zugehört?“
„Ja, ich hab’s grad nicht verstanden.“
„Ach so. Ob du in letzter Zeit weg warst.“
„Ja, war ich. Weißt du doch, Berlin, hab’ ich dir doch die Karte geschrieben.“
„Richtig, ja stimmt, hab’ ich vergessen, sorry.“
„Macht ja nichts. Echt nicht, nee, gar kein Problem.“
Er lachte verlegen, ja ihm war das peinlich – richtig so. er wechselte das Thema und ich hörte wieder weg, weg, weg bis zum Ende.
Irgendwann wurde er wohl müde oder hatte nichts mehr zu sagen oder ihm fiel auf, dass ich gar nicht zuhörte. Er brachte mich nach Hause und ich stieg aus dem kleinen, schwarzen Auto, schloss die Haustür auf, Treppe, dann Wohnungsschlüssel.
Am nächsten Morgen kann ich nicht richtig aufstehen, ich bin müde und ärgere mich, gestern überhaupt so lange weggewesen zu sein. Und dann auch noch mit Lukas. Die Hälfte der Zeit hätte auch gereicht und wer weiß, womöglich hätte ich unser Treffen dann sogar ganz gut gefunden. Jetzt finde ich es nur noch langweilig. Ich habe das Gefühl, er hat sich ziemlich verändert. Vor Berlin war er nicht so. Vor Berlin habe ich ihn kaum gekannt, wollte ihn aber unbedingt kennen lernen. Jetzt kenne ich ihn ein ganz bisschen und das ist mir schon zu viel. Ich hoffe, er fand unseren Abend auch langweilig und ruft mich nicht mehr an. Vielleicht denkt er ja das gleiche wie ich, hofft, dass ich ihn nicht anrufe, und wir sehen uns nicht wieder. Ich befürchte das Gegenteil. Nach der Kneipe war er so enthusiastisch. Das Telefon klingelt. Ich überlege, nicht ranzugehen, gehe dann doch und melde mich mit falschem Namen. Es ist Lukas, er stammelt, er habe sich wohl verwählt. „Ja, wahrscheinlich. Ja, wiedersehen.“
Ich lege auf und dann den Hörer neben das Telefon. Wenn mich jemand Wichtiges anruft, muss er es morgen noch mal probieren. Ich ärgere mich, noch so ein altes Telefon mit Kabel zu haben und keines, auf dem die Nummer angezeigt wird. Entweder, ich nehme immer ab und gehe irgendwann Lukas in die Fänge oder ich nehme nie ab und verpasse alle Anrufe.
Macht nichts. Das Risiko gehe ich ein. Zumindest heute. Ein ruhiger Tag. Ein ganz ruhiger Tag! Ich stelle gleich auch noch die Klingel ab. Kann ja schließlich auch noch passieren, dass Lukas auf die Idee kommt, mich zu besuchen. Nein, keine Störung. Ich will heute einfach nur meine Ruhe haben.
Ein Beauty-Tag! Das ist es! Ich mache einen Beauty-Tag. Als erstes suche ich mir Rezepte aus dem Internet: Gesichtsmasken, Harrspülung, Bodypeeling. Dann muss ich einkaufen. Alles mögliche, nur gesundes Zeug. Sowohl für innen, als auch für außen. Früchte, komische Getreideflocken, Öle.
Beauty-Tag. Das ist toll. Völlig begeistert fahre ich nach Hause, bin voller Vorfreude: Beauty-Tag! Ich fange gleich an: Gesichtsmaske. Ich matsche das ganze Zeug zusammen und schmiere es mir auf die Haut: herrlich erfrischend. Leider auch ein bisschen langweilig so ganz allein. Nach kurzer Zeit fängt meine Haut an zu jucken. Ich wasche ganz schnell alles ab: rote Pusteln. Scheiße, das war’s dann wohl mit Beauty-Tag.
Deprimiert schmiere ich mir pflegende Feuchtigkeitscreme ins Gesicht und hoffe, dass ich bald wieder normal aussehe. Dann setze ich mich vor den Fernseher. Daneben liegt das Telefon. Mich kann ja keiner anrufen, ich starre den Hörer an, starre und starre und kriege nichts vom Fernsehen mit.
Dann stehe ich auf und lege den Hörer wieder auf den Apparat.
© 2009 by Wilcken, Swaantje
Kleines, schwarzes Auto - Lesermeinungen
Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Wilcken, Swaantje hinterlassen.
Hallo Swaantje,
leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.
Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.
Freundlicher Gruß,
Christian
Geschrieben am 13.12.2009 um 20:39 Uhr
Was mich an der geschichte ein wenig stört ist, dass man sehr viel über lukas mitbekommt, aber viel zu wenig über die hauptperson.
Aber du schreibst sehr schön, beschwörst Bilder, die Keinpe aht man schön mitbekommen. Allerdings frage ich mich warum die geschichte Kleines, schwarzes Auto heißt. Irgendwie ist die Vogelpostkarte das stärkere symbol in der story, aber auch mit der fängst du nichts an.
Warum hast du sie eingebaut?
Geschrieben am 31.10.2009 um 14:43 Uhr
Hmm. Ich finde deine geschichte ist schön geschrieben, aber man hat zu wenige Informatonen über die Beziehung der beiden vor Berlin. Sie kannten sich kaum. Aber woher denn?
Dadurch verstehe ich nicht, was die Geschichte mir sagen soll. Was ist der Sinn, die Idee? Und was soll das Ende? Will sie ihn doch oder fühlt sie sich alleine?
Oder ist sie einfach schon zu medienabhängig? ;)
Geschrieben am 28.10.2009 um 22:14 Uhr
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2009
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Kurzbiografie
Ich besuche die zwölfte Klasse eines Gymnasiums und werde wohl in knapp zwei Jahren mein Abi machen. Dann möchte ich gerne Germanistik und/ oder Literaturwissenschaften studieren. Später will ich auf jeden Fall etwas mit Literatur machen.
Ich schreibe seit ungefähr zehn Jahren und nehme seit vier Jahren an Schreibwerkstätten teil, außerdem schreibe ich für die Jugendseite der "Nordsee-Zeitung".
Ich lese sehr gerne und viel, im Moment vor allem Klassiker, und spiele außerdem noch Klavier.
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