Schlangenfrau
Jeara glitt über die Blätter, die der Wind von den Ästen gefegt hatte. Es war Regenzeit und so blieben einige Klumpen an ihren Schuppen kleben, bevor sie schwarz wurden und abfielen. In dieser Gestalt war sie selbst für die toten Dinge gefährlich. Ihr Gift war so stark, dass sie einen Menschen töten konnte, nur indem sie ihn berührte. Nicht, dass sie das jemals versucht hätte. Schließlich war sie meistens selber einer.
Schon immer, seit sie sich erinnern konnte, war sie genau mittags zu einer Schlange geworden.
Sie hatte noch nie jemandem etwas davon erzählt, noch nicht einmal ihrem Mann oder ihrem Sohn.
Als sie herausgefunden hatte, was für ein Tier sie wurde, hatte sie sich geschworen, sich nie jemandem anzuvertrauen. In ihrem kleinen Dorf im Regenwald herrschte eine ständige Angst vor Schlangen, und sie war eine der giftigsten. Sie würde verbannt werden, wenn die Leute je ihr Geheimnis herausfänden.
Sie verwandelte sich immer, wenn die Sonne ihren höchsten Stand am Himmel erreicht hatte für genau eine Stunde. Doch obwohl sie schon einmal fast von Jägern erlegt worden war, hatte sie noch nie versucht, gegen die Verwandlung anzukämpfen, denn sie liebte es, auf die höchsten Bäume klettern und von dort wie ein loser Ast herunterzuhängen, ohne dass jemand sie erkennen konnte.
Doch für heute war es Zeit, in ihre normale Gestalt zurückzukehren.
Sie kroch in den Schatten einiger kleiner Bäume und rollte sich zusammen. Sie wartete darauf, dass ihre Haut anfing sich zu verändern. Es tat nie weh, sondern fühlte sich eher an, als würde eine große Welle über sie hinweg rollen.
Doch diesmal blieb das Gefühl aus. Besorgt schmeckte sie die Luft mit ihrer Zunge. Sie hatte sich nicht geirrt, es war Zeit. Warum war sie also nicht wieder zum Menschen geworden?
Besorgt wartete sie noch ein paar Momente, doch dann wurde sie langsam panisch. So etwas war noch nie passiert! Was war, wenn sie für immer in dieser Form feststeckte? Dann würde sie ihre Familie nie wiedersehen. Bei dieser Vorstellung zuckte sie unruhig zusammen. Sie wusste, dass sie etwas tun musste, aber sie hatte keine Ahnung, was.
Wie hatte das nur passieren können? Die Stunden vergingen und sie wurde immer verzweifelter.
Schließlich wurde es Abend. Sie hatte alles versucht, hatte sogar versucht, sich aus eigener Kraft zurück zu verwandeln, doch nichts hatte geholfen.
Vorsichtig näherte sie sich dem Lager. Sie fragte sich, ob sie sie schon vermissten. Ihre Familie war es zwar gewohnt, dass sie mittags für eine Stunde verschwand, und meistens blieb sie danach noch ein bisschen allein, doch sie war noch nie so lange weggeblieben.
Sie hatte schon fast die ersten Hütten erreicht, als sich auf einmal etwas rechts von ihr bewegte. Sie richtete sich auf und zischte drohend, doch es war nur eine alte Viper, mit dem Namen Mair, mit der sie sich schon oft unterhalten hatte. Sie war die einzige der Schlangen, die etwas von Jearas wirklicher Natur wusste. Manchmal kam es Jeara so vor, als sei die alte Viper traurig, wenn sie Jearas Geschichten über die Menschen hörte. Mair begrüßte Jeara nicht, sondern schaute sie nur an. Dann zischelte sie: „Es ist also passiert. Ich hatte gehofft, dass wenigstens du diesem schrecklichen Schicksal entrinnen kannst.“
Jeara stockte der Atem. „Was meinst du damit? Weißt du etwas darüber?“
Die alte Schlange machte ein Geräusch, dass fast wie ein bitteres Lachen klang. „Natürlich! Ich habe es dir nie erzählt, weil es mich zu sehr schmerzt, darüber zu sprechen, aber auch ich war einmal ein Mensch, bis ich mich eines Tages nicht mehr zurückverwandeln konnte.“
Jeara starrte sie an. Das konnte sie kaum glauben; Mairs Verhalten unterschied sich durch nichts von dem der echten Schlangen, doch gleichzeitig war sie sich auch sicher, dass die Viper sie nicht anlügen würde.
Mair tat ihr Leid, doch sie war selbst zu niedergeschlagen. Wenn es irgendeinen Weg gegeben hätte, wieder ein Mensch zu werden, dann hätte Mair ihn gefunden, da war sie sich sicher.
Doch die Viper sagte: „Hör mir gut zu. Es gibt einen Weg, wie du wieder das werden kannst, was du vorher warst.“
Erstaunt und hoffnungsvoll schaute Jeara auf. Der hintere Teil ihres Körpers zuckte unruhig.
Mair fuhr fort: „Was ich dir jetzt sagen werde, ist die einzige Möglichkeit für dich, nicht für den Rest deines Lebens ein Tier zu bleiben. Du musst deinen Sohn, den Menschen, der dir am wichtigsten ist, töten und der Göttin der Toten, Kalamaino, opfern. Warte!“, rief sie, als sie sah, dass Jeara sich empört und wütend aufgerichtet hatte. „Bevor du ablehnst, hör mir zu! Ich habe mich dagegen entschieden und sieh, was aus mir geworden ist. Ich bin dazu verdammt, doppelt so lange zu leben wie ein Mensch, und ich musste mit ansehen, wie fast alle, die ich kannte, sterben. Wenn ein Mensch mir zu nahe kommt, kann ich mich kaum gegen meinen Instinkt wehren, der mir sagt, dass ich zubeißen muss. Und morgen Mittag, nachdem du einen Tag als Schlange verbracht hast, gibt es auch für dich kein Zurück mehr! Überleg dir gut, ob du so enden willst, wie ich.“
Und die Viper glitt ohne ein weiteres Wort davon.
Jeara war entsetzt. Wie erstarrt lag sie da, unfähig, sich zu rühren. Was sollte sie nur tun? In dem Moment hörte sie die Stimme ihres Sohne und ihres Mannes, die sie riefen. Sie kamen immer näher. Sie schauderte vor dem Bild, dass ihr die Viper ausgemalt hatte. Ihr Sohn hatte sich jetzt von seinem Vater entfernt und kam ihr immer näher. Es wäre so leicht…
Entsetzt über sich selbst glitt sie leise durchs Unterholz davon. Sie konnte es einfach nicht tun. Genau so wenig, wie sie aufhören wollte, sich in eine Schlange zu verwandeln, wollte sie ihr Dasein als Mensch aufgeben. Doch der Preis war zu hoch. Hätte sie als Schlange weinen können, hätte sie es getan. Auf einmal wuselte eine Maus an ihr vorbei. Jeara vergaß alles, eine blitzschnelle Bewegung, und sie hatte sie verschluckt. Sobald ihr klar wurde, was sie gerade getan hatte, würgte sie angeekelt und flüchtete, doch ihre Furcht folgte ihr. Das war das erste Mal, dass ihr so etwas passierte. Bedeutete das, dass sie immer mehr zur Schlange wurde? Sie rollte sich zusammen, doch in dieser Nacht fand sie keinen Schlaf.
Am Morgen entfernte sie sich noch weiter vom Dorf, denn sie wollte die Menschen dort nicht in Gefahr bringen. Es kam ihr so vor, als rase die Zeit nur so vorbei, und am Stand der Sonne erkannte sie, dass es bald Mittag sein musste. Nur noch wenige Minuten, bis sie für immer verloren war. Doch sie hatte nicht mehr die Kraft, sich gegen ihr Schicksal zu sträuben, sie wusste, dass sie sich damit abfinden musste.
Sie rollte sich zusammen und betete zu Si´Siul, der Göttin der Schlangen: „Große Göttin, gib mir die Kraft, an meiner Entscheidung festzuhalten und beschütze meinen Sohn, wenn ich es nicht mehr tun kann. Mein Leben gehört dir.“
Auf einmal begann alles um sie herum, zu schimmern und dann zu verblassen. Im nächsten Moment war sie in einer großen, grünen Schlucht. Verwundert schaute sie sich um. Wo war sie? Wie war sie hierhergekommen? Neben ihr bahnte sich ein kleiner Fluss den Weg durch das Dickicht. Dort bemerkte sie eine Bewegung. Zwischen ein paar Pflanzen schwamm eine sehr große Wasserschlange. Erleichtert fragte Jeara: „Weißt du, wie ich hierhergekommen bin?“
Die andere Schlange zischelte amüsiert und sagte: „Erkennst du deine Göttin nicht, Sterbliche?“
Da verstand Jeara und wich ehrfürchtig ein wenig zurück. Vor ihr war Si´Siul. Bevor sie irgendetwas erwidern konnte, erklärte diese: „Ich habe dich beten hören, und ich helfe denen, die mir treu sind. Ich weiß alles über dich, denn mir entgeht nichts, was im Urwald passiert. Doch ich kann dir nicht dein früheres Leben zurückgeben.“
Enttäuscht sank Jeara in sich zusammen. Das Auftauchen der Göttin, zu der sie schon sei ihrer Kindheit betete, hatte ihr neue Hoffnung gegeben, die nun um so grausamer zerstört wurde.
Si´Siul sah sie aus ihren weisen, uralten Augen an, und Jeara hatte das Gefühl, dass sie ihre Gedanken lesen konnte. Die Göttin fuhr fort: „Ich kann dir dein altes Leben nicht zurückgeben, denn dank einem Fluch, der zu Anbeginn der Zeiten gesprochen wurde und den selbst ich nicht aufheben kann, ist deine Sippe dazu verdammt, nicht ihr ganzes Leben zwei Gestalten haben zu können. Doch ich kann dir die Wahl stellen. Wenn du wieder ein Mensch werden willst, musst du die Existenz der Schlange in dir töten, was dir mehr wehtun wird als der schlimmste Schmerz, den du je gefühlt hast. Wenn du dich dem nicht stellen willst, wirst du für immer eine Schlange bleiben, doch im Gegensatz zu normalen Tieren wirst du den Unterschied zwischen Gut und Böse kennen und ein Monster sein, dass jeden Menschen tötet, der in seine Nähe kommt. Also entscheide dich schnell, dir bleibt nicht mehr viel Zeit.“
Doch Jearas Entschluss stand schon fest. Auf keinen Fall konnte sie all die Menschen aufgeben, die ihr etwas bedeuteten. Für sie würde sie jeden Schmerz ertragen. Anscheinend hatte die Göttin wieder ihre Gedanken gelesen, denn sie richtete sich halb aus dem Wasser auf und spuckte ein kleines, blaues Bällchen aus, dann befahl sie: „Iss es!“ Dann verschwand sie.
Jeara zögerte nicht und beugte sich zu dem blauen Ding herunter. Sobald sie es berührte, fühlte sie sich, als würde sie entzwei gerissen. Sie spürte, dass sie nach hinten geschleudert wurde und leise hörte sie die Stimme der Göttin: „Du bist klüger als deine Großmutter.“ Und im gleichen Moment sah sie ein Bild vor ihrem geistigen Auge, wie die alte Viper die Göttin verfluchte.
Dann traf sie auf dem Boden auf, und als sie sich erneut umschaute, sah sie, dass sie am Rand ihres Dorfes gelandet war. Sie hörte einen erleichterten Aufschrei und dann riefen viele Stimmen ihren Namen. Doch sie schaute zu einem nicht weit entfernten Ast, um den sich eine Viper geschlungen hatte. Traurig winkte Jeara ihr zu, dann drehte sie sich um und ging zum Rest ihrer Familie.
© 2009 by Larissa Pusch
Schlangenfrau - Lesermeinungen
Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Larissa Pusch hinterlassen.
Hallo Larissa,
leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.
Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.
Freundlicher Gruß,
Christian
Geschrieben am 13.12.2009 um 22:18 Uhr
Super Idee.
Man merkt der Geschichte noch ein wenig dein alter an, man könnte sie schöner formulieren, aber die IDee ist unglaublich toll! Ich mag sie sehr.
...doch im Gegensatz zu normalen Tieren wirst du den Unterschied zwischen Gut und Böse kennen und ein Monster sein, dass jeden Menschen tötet, der in seine Nähe kommt...
Der Satz ist unlogisch. Wird sie ein Monster oder kennt sie Gut und Böse? Beides geht nicht, irgendwie.
Die Namen in deiner Geschichte sind sehr sehr schön, Jeara, richtig melodisch.
Geschrieben am 03.11.2009 um 19:13 Uhr
Ich finde es schade dass du das "Schlange-sein" so wenig ausführlich beschreibst. es steckt viel potential in der geschichte aber sie ist viel zu unausführlich, es sind viel zu wenig informationen vorhanden, das ist schade ;)
Aber auf jeden fall ist sie ganz gut geschrieben. jedoch ist es schade dass du die Umgebung nicht so sehr beschreibst. Im Urwald könnte man wunderbare Bilder verwenden ;)
Geschrieben am 31.10.2009 um 18:28 Uhr
Das ist eine tolle geschichte!
Echt!
sehr gut geschrieben und eine tolle Idee,
ich würde liebend gerne dein Buch kaufen, wenn dus veröffentlichst
kanns kaum erwarten!
Geschrieben am 14.10.2009 um 18:07 Uhr
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2009
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Kurzbiografie
Ich bin Mitglied in der Autorencommunity, schreibe selbst an einem Buch, von dem ich hoffe, dass ich es irgendwann mal veröffentlichen kann und mache bei Scheibwettbewerben mit, weil ich wissen will, wie gut ich schreibe.
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