Paradies?

Die Wellen des Atlantiks wiegen mich sanft hin und her. Inzwischen kann ich das Ufer nicht mehr erkennen. Wann es Mama und Finn wohl auffallen wird, dass ich gar nicht mehr von meinem Ausflug an den Strand zurückkehre? Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Bin ich nun schon eine Stunde hier draußen, oder gerade mal 5 Minuten. So lang kann es noch nicht sein, denn ich höre noch Musik vom Strand her schallen: Going under von Evanescence, wie passend. Peter wird niemals merken, dass ich fehle und wenn dann nur um sich zu freuen. Erst gestern hat er mich wieder beschimpft, ich würde Mama kaputt machen, dann hat er mich wieder geschlagen. Ich sei genau wie mein Vater, hat er gesagt, dabei kennt er meinen Vater doch gar nicht. Und mich kennt er auch nicht. Jetzt ist er mich los, jetzt können sie endlich ihr ruhiges Familienleben beginnen, Mutter, Vater, Kind so wie es sich gehört. Ohne das schwarze Schaf, dass Mama die Jugend genommen hat und dessen Vater, ein treuloser Alkoholiker, keinen Unterhalt zahlt, so dass sie wegen mir auch noch alle sparen müssen.
Eine hohe Welle drückt mich unter Wasser, doch ich kämpfe mich wieder an die Oberfläche, ich will noch ein bisschen nachdenken und genießen.
Plötzlich fällt mir Carlo ein. Was der wohl sagen wird wenn ich morgen nicht zur Schule komme?
Er wird mich wohl nicht vermissen, bestimmt findet er schnell eine Neue, die auf ihn herein fällt. Schließlich sieht er wirklich toll aus. Trotzdem, wie konnte ich nur so blöd sein. Na ja, mich kann er nie wieder verletzen. Ich hätte es doch viel eher merken müssen, hat er sich etwa einmal von sich aus bei mir gemeldet? Klar ich war seine „Süße“, mit dem niedlichen Akzent, aber was heißt das schon, wen hat er noch alles so genannt? Das er mich auch ausgerechnet mit Carmina betrügen musste. Ich dachte eigentlich wir wären Freundinnen. Sie war schließlich die einzige die sich für mich interessiert hat, als ich neu hierher kam. Jetzt muss ich auch wieder an Noah denken, der einzige der mir je gezeigt hat, das ich auch etwas wert bin. Doch Noah sitzt zu hause in Deutschland und hat bestimmt eine neue Freundin, ich hoffe es für ihn. Er hat es nicht verdient zu leiden und alleine zu sein. Er kann schließlich nichts dafür, dass ich weg musste. Hätte ich mich nicht von ihm trennen müssen, wäre es wohl nie so weit gekommen, dass ich hier draußen herumtreibe. Warum mussten wir auch hierher ziehen? Auf diese blöde Insel mit gerade mal 10.500 Einwohnern. El Hierro, das Eisen. Klingt eigentlich ganz schön aber die Hölle, el infierno wäre wirklich ein passenderer Name. Warum musste es unbedingt die kleinste der Kanarischen Inseln sein? Warum überhaupt die Kanaren? Hätten wir nicht in Deutschland bleiben können, oder zumindest auf dem Europäischen Festland? Natürlich ist die Insel schön, zum Urlaub machen, für höchstens zwei Wochen. Doch hier leben, mit Mama und Peter, denen ich nur ein Klotz am Bein bin und die mich nur mitgenommen haben, weil sie mussten, weil ich minderjährig bin. Sobald ich 18 geworden wäre, hätten sie mich sofort herausgeworfen, ob ich nun wollte oder nicht, aber darüber müssen sie sich jetzt keine Gedanken mehr machen und ich auch nicht.
Wie lange es wohl noch dauert bis ich keine Kraft mehr habe und ich langsam untergehe?
Was wäre wohl passiert wenn Mama mit meinem Vater zusammen geblieben wäre? Ob wir dann eine glückliche Familie wären? Ich kann mir nicht vorstellen, dass er wirklich so schlimm war wie Peter immer behauptet, der kann es ja gar nicht wissen. Aber wenn schon nicht mit Papa, warum musste sie dann unbedingt diesen Peter heiraten, warum keinen anderen, der nicht trinkt oder schlägt?
Tja, sie wollten unbedingt ans Meer, jetzt habe ich wenigstens auch mal was davon. Ob sie wohl jemals erfahren werden, was mit mir passiert ist? Ob sie wissen werden, dass ich es wollte? Oder werden sie glauben es war ein Unfall. Wird man überhaupt herausfinden das ich ertrunken bin? Oder werde ich einfach versinken und nie mehr gefunden. Dann können sie mich wenigstens vergessen, ohne das es ein Grab gibt um sie an mich zu erinnern. Der einzige der mir Leid tut ist Finn, er muss jetzt allein bei Mama und Peter bleiben, aber er wird wenigstens geliebt, vielleicht werden sie nun endlich glücklich. Er ist zum Glück noch zu jung um zu verstehen was mit mir passiert ist, so wird er mich hoffentlich einfach vergessen. Gestern hat er seine ersten Schritte gemacht, und er kam direkt auf mich zu. Aber er wird es jetzt alleine schaffen müssen. Zurück kann ich nun sowieso nicht mehr und das will ich auch nicht. Ich will jetzt endlich weg, weg von Peter, weg von Mama, weg von Carlo, weg von ihrem vermeintlichen Paradies und endlich in mein eigenes Paradies, das Paradies der Stille. Wo mich keiner mehr anschreit, ich sei ein Nichtsnutz und würde allen nur das Leben schwer machen. Ich will endlich raus hier! Eine Welle verschluckt mich und diesmal tue ich nichts, mit einem Lächeln auf dem Gesicht sinke ich hinab. Bald wird mir schwarz vor Augen und dann wird mein Körper taub. Endlich Ruhe, endlich ist es vorbei.
„Was tust du denn schon wieder, ich hab dich tausendmal gerufen, du sollst Mama helfen und nicht faulenzen! Aber das feine Fräulein liegt natürlich lieber rum und träumt! War ja klar du hast mal wieder die Stöpsel im Ohr und hörst nichts!“
'Klatsch' Peter flache Hand landet in meinem Gesicht und er stürmt wütend aus dem Zimmer nicht ohne mit Absicht gegen das Regal mit meiner geliebten Büchersammlung zu treten aus dem mein Lieblingsbuch herausfällt und zerknickt auf dem Boden landet. Seufzend schalte ich meinen mp3-Player der gerade bei Bring me to life, dem zweiten Lied des Evanescence Album angekommen war aus und stehe mir die brennende Wange haltend auf. In Gedanken noch im Traum gehe ich nach unten. In der Küche angekommen denke ich mir: „Morgen, morgen gehe ich zum Strand!“

© 2009 by Jori Wefer

Paradies? - Lesermeinungen

Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Jori Wefer hinterlassen.

orimderblaue Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Hallo Jori,

leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.

Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.

Freundlicher Gruß,
Christian

Geschrieben am 13.12.2009 um 21:55 Uhr

Lara Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Ich finde du schreibst sehr schön, lässt sich gut lesen, aber ich mag das Ende deiner geschichte nicht.
Wer träumt bitte davon, sich umzubringen, so realistisch, so genau.
Wenn nur die Umgebung beschrieben wäre, die Gedanken an das, was auf sie zukäme und an das, was sie verlässt...
aber die denkt so realistisch, dass der traum einfach nicht gut wirkt.

für dein ende spricht aber, dass ich nicht glaube, dass sich jemand wegen so etwas umbringen würde. eher abhauen, von zuhause...

Geschrieben am 25.10.2009 um 17:41 Uhr

Sari Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Die Idee der Geschichte gefällt mir gut. Auch die "Hintergrundinformationen" - die familiäre Situation - sind gut nachvollziehbar. Dennoch fände ich es ein wenig besser, den Text noch dramatischer zu gestalten. Das Ende ist überraschend und gut gelungen, der Schluss offen, was einen wirklich zum Nachdenken bringt.

Geschrieben am 21.10.2009 um 19:33 Uhr

Mittwoch Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Mir gefällt deine Geschichte sehr gut, die Beschreibungen sind genau richtig, ich würde an deiner Stelle kaum etwas verändern.

Geschrieben am 18.10.2009 um 23:47 Uhr

Janis Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Es wäre sehr schön gewesen wenn du mehr den Starnd beschrieben hättest, das azurblaue Wasser und so, dass man bilder in den Kopf bekommt, Wörter die assoziationen hervorrufen.
Denn zuerst dachte ich sie sei am Strand nur halt etwas weiter weg.
Der text wird dadurch nicht nur leichter sondern acuh schöner =)
Dann wirkt der Überraschungseffekt auch noch besser,d enn ich übrigens sehr genial finde ;)
Eine wunderbare idee, diese träumerei und die familiensituation ist sehr gut geschildert.
dass sie am ende beschließt an den Strand zu gehen wirkt bedrohlich, man weiß nicht genau ob sie wirklich vorhatt sich zu ertränken, oder was sie tut.
Jedoch hätte ich es besser gefunden, wenn man am Ende bemerkt dass sie dazu eigentlich gar nicjht den mumm hats ondern nur davon träumt ihrer Situation zu entkommen.
Ich mein sowas is ja eigentlich klassisch, jeder Jugendliche denkt doch irgendwann mal an Selbstmord,a ber keiner wirklich ernsthaft ;) letztendlich hält einen eben doch immer was im Leben, das darzustellen hätte ich gelungener gefunden ;)

Geschrieben am 16.10.2009 um 14:10 Uhr

Lydia Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Schön erzählt, auch wenn du noch ein paar Kommafehler hast
Und ganz am Ende fragt man sich "Hä, was ist denn jetzt los? Ist sie doch nicht ertrunken?"
Ist aber trotzdem ganz gut

Geschrieben am 16.10.2009 um 11:29 Uhr

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Teilnehmerdaten

Name

Jori Wefer (17)

Wettbewerbsjahr

2009

Platzierung

Die Leser wählten diesen Beitrag auf den Platz 18.

Kurzbiografie

Ich bin 17 Jahre alt, und gehe in die 12. Klasse einer Gesamtschule. Ich schreibe in meiner Freizeit gerne Gedichte oder auch Geschichten. Außerdem lese ich sehr gerne und beschäftige mich viel mit Musik. Die Idee für diese Geschichte kam mir in meinem Spanien Urlaub, wo ich sie aus Papier Mangel in mein Rätselheft schreiben musste. Ich habe bereits einen Schreibwettbewerb meiner Stadt gewonnen, allerdings mit einem Gedicht, jetzt bin ich mal gespannt wie meine Geschichte ankommt.

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