Nummer 64
Es war wieder Jahrmarkt. Er schaute über das bunt flackernde Lichtermeer, dass die Nacht zum Leuchten brachte. Gedämpft drang die leiernde Melodie der Karusselle durch die Fenster. Von hier oben sah der Platz unwirklich klein aus, die Menschen glichen Ameisen.
"Hat sie jemals mit Ihnen über lebenserhaltende Maßnahmen gesprochen?", der Arzt sah auf sein Klemmbrett und strich das Formular glatt, dass er hineingeschoben hatte.
"Nein!"
Sie hatte sich immer auf den Jahrmarkt gefreut. Er erinnerte sich an frühere Zeiten, als sie Hand in Hand über den Jahrmarkt gelaufen waren.
Eine Schwester im grünen Oberteil betrat das Zimmer und überprüfte die Angaben auf den elektronischen Geräten. "Sir, sie müssen das Krankenhaus jetzt verlassen, die Besuchszeiten sind um", sagte sie in einem routiniertem, beiläufigem Ton.
Er nahm seinen Mantel, strich sich gedankenverloren mit der Hand über den Mund und versuchte tief einzuatmen, doch der penetrante Desinfektionsgeruch verschnürte ihm die Kehle.
Er sah zu Amy. Blass lag sie da, schmale Schläuche verliefen ihren Körper entlang. Die kleinen Geräte an die sie angeschlossen war, surrten leise.
„Es tut uns Leid Ihnen das mitteilen zu müssen, aber Ihre Frau befindet sich in einem sogenannten Dauerkoma.“
„Was bedeutet das?“
„Sie wird wahrscheinlich nie wieder aufwachen.“ Dr.Mattens hatte ihn bedauernd angesehen und schweigend das Zimmer verlassen.
Behutsam strich er ihr die blonden Locken aus dem Gesicht und küsste sanft ihre Stirn. Langsam verließ er das Zimmer. Die Wände des weißen Ganges schienen ihn zu erdrücken.
Er hatte ihr die blonden Locken aus dem Gesicht gestrichen, sie hatte gelächelt , mit ihren Fingern über seine Wange gestreichelt und ihn geküsst.
Er stand vor der Rezeption. An dem hellen Tisch saß die Schwester mit dem grünen Oberteil. Neben dem Empfangstresen lehnten zwei Ärzte, in hellen Kitteln und unterhielten sich in gedämpften Ton.
Er räusperte sich. „Ah.“, sagte Dr. Mattens kam lächelnd auf ihn zu und schüttelte seine Hand.
„Sie können die lebenserhaltenden Maßnahmen abstellen.“
Das Lächeln verschwand aus dem jungen Gesicht des Arztes. Er nickte.
Voller Freude hatte sie auf das Los gewartet und es aufgerollt. Jedes Jahr waren sie zur Losbude gegangen und immer hatte sie sehnsüchtig den großen Teddy angesehen. „Irgendwann gewinnen wir ihn!“, hatte sie gesagt und gelächelt.
Noch lange sah er Dr.Mattens in dem langen Gang nach. Dann ging er zum Fahrstuhl und fuhr nach unten. Der Fahrstuhl war verspiegelt, er betrachtet sein Gesicht, die blauen Augen, die von Trauer erfüllt waren. Aus seinem Mund wurde ihrer, er sah ihr Lachen, Ihre makellosen Zähne, die ihn anstrahlen. Er hatte gelächelt und sie waren Arm in Arm weitergegangen.
Die kühle Nachtluft schlug ihm entgegen. Er fröstelte. Hinter den Bäumen, sah er die bunten Lichter. Der Schnee knirschte unter seinen Schritten. Der Geruch von gerösteten Mandeln und Zuckerwatte schwebte in der Luft.
Der Schnee vermischte sich mit einem knirschenden Geräusch mit dem Schotter des Weges, als er sich umdrehte und zu ihrem Fenster hinaufblickte. Im Hintergrund hörte man das Lachen der Jahrmarktbesucher.
Vor der Losbude standen viele Menschen. Kinder mit ihren Müttern und Vätern , junge Paare. Der Losverkäufer preiste seine Gewinne. Er stand in der Menge, spürte die Menschen um sich herum und fühlte sich unendlich einsam.
„Ein Los bitte.“, seine Stimme zitterte leicht.
„50 cent“
Die grellen Lichter brannten in seinen Augen. Langsam rollte er das Los auf.
„Nummer 64.“
„Sir das ist wohl ihr Glückstag. Hier ist der Hauptpreis.“
Der Losverkäufer übergab ihm strahlend den großen Teddy. Er drückte ihn fest an sich und schaute zum Krankenhaus zurück. Die Lichter in ihrem Fenster waren erloschen.
© 2009 by Yasmin Spielmann
Nummer 64 - Lesermeinungen
Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Yasmin Spielmann hinterlassen.
Hallo Yasmin,
leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.
Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.
Freundlicher Gruß,
Christian
Geschrieben am 13.12.2009 um 21:50 Uhr
Wunderbar! Wunderbar wie du die Erinnerungen mit dem geschehen verknüpfst. SChön wäre es gewesen wenn diese Erinnerungen etwas ausführlicher gewesen wären und die Erinnerung iN Bildern käme die er sieht.
aber dennoch wunderschön.
Es gibt nicht viel was man verbessern könnte außer dass man es eben etwa, ein kleines bißchen, ausführlicher machen könnte.
Geschrieben am 31.10.2009 um 16:02 Uhr
Die Idee an sich ist nicht so besonders, der Schreibstil ist gut und die Umsetzung ist klasse! Ich finde es gut, wie du die Erinnerungen an sie mit der Situation, in der er sich gerade befindet, verknüpft hast. Ich hätte es gut gefunden, wenn du noch ein klein wenig mehr auf die Gefühl eingegangen wärst...
Geschrieben am 22.10.2009 um 23:52 Uhr
Du hast eine wunderschöne, traurige Geschichte geschrieben! Die Erinnerung an frühere Zeiten, diese Rückblicke, sie kommen genau im richtigen Moment. Und obwohl man eigentlich wenig über die Beziehung erfährt, erfährt man trotzdem viel (nicht unlogisch :) ). Man muss nicht immer viel beschreiben, um eine enge Beziehung auszudrücken.
Allerdings finde ich das Ende sehr voraussehbar.
Geschrieben am 15.10.2009 um 16:13 Uhr
traurige Geschichte, fang ich doch glatt an zu weinen
toll geschrieben, nur kannst du das Ganze noch flüssiger schreiben (frag mich net wie)
Geschrieben am 14.10.2009 um 18:12 Uhr
Wunderschöner Text!
Bin wirklich beeindruckt, auch wenn man einige Stellen evt. noch ein wenig mehr ausbauen könnte.
Aber ansonsten: Echt genial!
Geschrieben am 14.10.2009 um 11:59 Uhr
Eine wunder wunderschöne, traurige Geschichte. Ich mag sie sehr.
Dein Schreibstil ist sehr schön, klar und packend.
Das einzige war mich gestört hat, war die tatsache, dass sie "Amy" heißt und er "Sir" genannt wird. Wieso Englisch? Wieso muss immer alles Englisch sein? Aber naja, das ist Ansichtssache ;)
Du baust die Rückblicke auf den Jahrmarkt wunderschön ein, die Länge ist genau richtig. Allerdings wäre es schön, wenn man noch ein wenig mehr über die Beziehung, die Vergangenheit erfahren würde, als nur vom Jahrmarkt. Dann wäre die Identifikation größer, die Gefühle stärker.
Aber irre, echt gut gelungen! Weiter so.
Geschrieben am 13.10.2009 um 22:06 Uhr
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Wettbewerbsjahr
2009
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Eine Biografie liegt dem JunDesk-Team vor. Der Autorenname ist ein Künstlername.
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