Die Schneekönigin
Tap, tap, tap, tap.
Noch zwanzig Minuten.
Viel zu früh.
Sie drosselt das Tempo.
Sie ist auf dem Weg zu ihrer besten Freundin. Der Schnee fällt. Noch etwa drei Wochen bis Weihnachten. Es ist Nikolaus. Eigentlich wollten die beiden sich nichts schenken, aber sie hat es sich zur Angewohnheit gemacht, ihr trotzdem, oder gerade deshalb, etwas zu schenken.
Sie waren für 17 Uhr verabredet. Wenn sie dieses Tempo beibehalten würde, würde sie zehn Minuten zu früh ankommen. Nicht, dass sie nicht immer zu früh wäre, aber keine zehn Minuten. Nicht heute, nicht nach den gestrigen Tag.
Tap, tap, tap, tap.
Noch 18 Minuten.
Noch langsamer.
Der Boden ist teilweise schon gefroren. Der Winter bricht viel zu früh ein, aber nächste Woche soll es schon wieder wärmer werden. Vielleicht ändert der heutige Abend ja wenigstens etwas an der Kälte in ihrem Herzen. Sie muss ihr Herz schützen. Gestern war schon wieder etwas abgebrochen. Nicht nur ein Riss, eine Grube. Tiefer als sonst. Sie hatte nicht umsonst den Namen „Schneekönigin“, sie verletzt Menschen. Nein, ich spreche nicht von der Verursacherin der Spuren im Schnee, sondern von ihrer Freundin. Die Schneekönigin. Nur sie, die Verursacherin der Schneespuren, sieht die wahren Verletzungen der Königin. Sie leidet unter ihr und hält zu ihr. Die treue Gefolgin, die stete Begleiterin. Der Prügelknabe.
Tap, tap, tap, tap.
16 Minuten.
Normales Tempo
Sie überquert eine Straße und biegt in Richtung der Brücke ab.
Wirklich geliebt, glaubt sie, hatte sie nur ein einziges Mal. Ein Mädchen von fünfzehn Jahren und unnachahmlicher Schönheit. Natürlich subjektiv, denn objektiv gibt es keine Schönheit für jedermann, es gibt immer jemanden, der sie nicht schön findet. Doch diese Liebe war eine Projektion. Sie hat nicht diese natürliche Schönheit geliebt, sondern ihre Herrin, die Schneekönigin. Es wurde ihr schmerzhaft bewusst. Gestern. Bei dem Streit, der so vieles freilegte.
Sie hört nur ab und zu die Autos vorbei fahren und ihre eigenen Schritte im Schnee.
Tap, tap, tap, tap.
12 Minuten.
Zu langsam?
Sie läuft etwas schneller. Sie würde nur noch wenige Minuten brauchen, will jedoch nicht mehr so langsam laufen. Sie betritt die Brücke.
Es hat seine Gründe, warum sie die Schneekönigin genannt wird. Natürlich auch, weil sie kalt ist. Kalt wie das Eis und der Schnee. Sie lässt keine Gefühle zu und stößt alles von sich, was ihr zu emotional wird. Aber es hat auch einen weiteren Grund: Sie liebt den Winter, den Schnee und das Eis. Schneeflocken sind für sie das Schönste. Wahrscheinlich hängen die Gründe zusammen.
Sie hört außerdem ihre Tasche gegen ihr Bein streifen. Sie hat Angst, das Geschenk, könnte kaputt gehen und hält die Tasche noch mit ihrer Hand.
Tap, tap, tap, tap.
Tap, tap, tap, tap.
9 Minuten? Weniger?
Wieso war sie oben stehen geblieben?
Sie würde niemals springen, sie liebt die Schneekönigin zu sehr, sie würde sie niemals alleine zurücklassen auf dieser Welt voller Gefühle, sie muss sie doch schützen, irgendwer muss es ja tun. Sie kann sie nicht alleine lassen. Sie liebt sie
Sie möchte schneller gehen. Eigentlich will sie rennen. Aber mäßigt sich.
Der Boden ist glatt, darauf störender Kiesel, „damit man nicht ausrutscht“. Sie hasst diese Steine und so kommt es, wie es kommen muss. Sie rutscht auf der letzten Treppenstufe aus und, um nicht zu fallen, läuft sie schneller nach vorne.
Die Stadt wollte schon längst die „verloren gegangene“ Brüstung ersetzen, doch bis jetzt hängt dort nur ein rot-weißes Band. „Dort fahren so selten Autos. Das beheben wir schon noch“, heißt es immer.
Sie stolpert über das Band, doch noch bevor ihr Körper den Boden erreichen kann, besteht ihre Welt für gut eine Minute ausschließlich aus Geräuschen.
Das Quietschen von Reifen, das Aufprallen von einem Gegenstand, oder waren es mehrere? Glas zerbricht, Stille. Eine Tür geht auf. Tap, tap, tap, tap. Tap, tap, tap, tap, wieder zurück. Tür zu, Motor an, Auto weg. Stille.
Zerbrochene Schneeflocken aus Glas färben sich im Blut der Verursacherin einer großen roten Blutlache, in ein helles, zartes Rot, zerbrechlich wie sie selbst. Ihre eisigen Verwandten bedecken langsam den reglosen Körper.
Aus einem Haus in der Nähe schaut eine kalte Herrscherin aus dem Fenster, ebenso reglos wie ihre tote Geliebte auf der Straße.
© 2009 by Tittes, Dana Sophie
Die Schneekönigin - Lesermeinungen
Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Tittes, Dana Sophie hinterlassen.
Hei :)
Also wie einige hier bereits beschrieben haben, fand ich die Zusammenhaenge der Geschicte verwirrend. Mit der Geliebten?Freundin? und der Schneekoenigin. Ich finde mit deinem Schreibstil haettest du eine schoenere Geschichte schreiben koennen, denn die Stilmittel gefallen mir. Alles in allemn ist die Geschichte also leider nicht mein Fall, mach aber trotzdem weiter so!
Geschrieben am 13.12.2009 um 19:34 Uhr
Hallo Dana Sophie,
leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.
Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.
Freundlicher Gruß,
Christian
Geschrieben am 13.12.2009 um 19:33 Uhr
sehr verwirrend finde ich dass man manchmal nicht klar sagen kann ob du von der hauptperson oder der SChneekönigin sprichst, das stört!
verwirrend ist acuh der Hintergrund ihrer liebe. Am anfang wirkt es einfach nur wie ein Mädchen das ihre Freundin besucht. dann kommt das Schneeköniginnengedöns hinzu.
Vielleicht fehlt dazu der hintergrund, aber ich verstehe nicht was du mit dieser Geschichte ausdrücken willst.
Teilweise wirkt sie wie ein Märchen, dann spielt es sich aber doh in der modernen Welt ab. Und die Schneekönigin guckt aus irgendeinem Fenster in irgendeinem Plattenbau oder wie?
Mit der Assoziation der Schneekönigin, wäre es besser gewesen du hättest ein herschaftliches Haus beschrieben auf dass sie zusteuert ;)
Ansonsten ist es aber tadellos geschrieben, doch mir fehltd er inenre konflikt, mir fehlt die Beschäftigung der hauptperson mit den aufkeimenden fragen, warum diese abgöttische liebe? warum diese dienerschaft? warum die gefühlskälte? all das, erwähnst du, gehst aber nicht darauf ein.
Darum kann ich nur sagen, schöner Stil, wirklich eigentlich einwandfrei geschrieben, aber unbefriedigend inhaltslos
Geschrieben am 30.10.2009 um 19:48 Uhr
das ist ja eine seltsame Geschichte, ganz neuer stil
man versteht nicht ganz, wer jetzt wer ist
ziemlich verwirrend, so was
ansonsten ganz gut gelungen, trauriges Ende (nun ja...)
Geschrieben am 25.10.2009 um 19:40 Uhr
man mag über Grammatik denken was man will... Jeder kann seine eigene Meinung haben... Meine Meinung: künstlerische Freiheit.
Mir hat es gut gefallen. Traurig .. aber gut.
Geschrieben am 22.10.2009 um 19:46 Uhr
Welch schöne, zugleich traurige Geschichte..
Ich mag die Idee und die Art, wie du sie umgesetzt hast.
Die Geschichte wirkt.. so..
Rational und distanziert, zugleich aber auch sehr gefühlvoll und ehrlich.
Toll geschrieben ! :D
Lg,
Sarah.
Geschrieben am 21.10.2009 um 12:53 Uhr
Schön geschrieben, mir gefallen die ungewöhnlichen Schreibmittel (tap, tap, tap).
Geschrieben am 15.10.2009 um 19:43 Uhr
Super,
weiter so! Am Ende kommt die Spannung ein wenig ins trudeln, aber das tut der Geschichte keinen Abbruch.
Geschrieben am 13.10.2009 um 16:47 Uhr
Die Geschichte gefällt mir von der grundidee her gut, aber mich iritieren dann doch die zahlreichen grammatikalischen Fehler....
Geschrieben am 13.10.2009 um 16:46 Uhr
Super geschrieben, gefällt mir!
Geschrieben am 13.10.2009 um 16:15 Uhr
Ich mag die Idee und den Aufbau deiner Geschichte sehr. Du schreibst schön und spannend.
Aber mich verwirren zwei Dinge:
1. Wer von den beiden ist nun die Schneekönigin? Erst dachte ich, es sei die Freundin, dann wieder sie, die Protagonistin, dann wieder, am Ende, doch die Freundin? Wer ist es nun?
2. Sie liebte nur einmal: Ein junges Mädchen...
Am Ende heißt es: Die Geliebte.
Ist sie in eine Frau verliebt? Oder ist sie selbst das junge Mädchen? Schließlich heißt es am Anfang: Auf dem Weg zu ihrer besten Freundin...
Das wird mir persönlich nicht ganz klar, leider.
Die Schneekönigin, schöner Einfall. Aber da ich nicht genau ergründen kann, wer sie nun ist, kann ich nicht sagen, ob die Idee nun getroffen ist.
Dein schreibstil und deine Mittel (Das "tap tap tap" beispielsweise) sind sehr schön. Liest man gerne!
Geschrieben am 12.10.2009 um 20:30 Uhr
Obwohl ich die Geschichte zwei mal lesen musste, um sie zu verstehen, ist der Text meiner Meinung nach gut gelungen!
?Sie hatte nicht umsonst den Namen ?Schneekönigin?, sie verletzt Menschen.? Mir ist leider nicht ganz klar, ob du hier absichtlich die Zeitstufe wechselst.
Durch die kurzen Sätze und die immer wieder eingeworfenen Minuten wird die Geschichte richtig spannend und - wie bereits in einem anderen Kommentar erwähnt - die Nervositöt bzw. die Zwiespältigkeit der Protagonistin gut dargestellt.
Geschrieben am 12.10.2009 um 20:25 Uhr
Wirklich ausgezeichnete Geschichte!
Der Plot ist hervorragend geschildert, und wie es sich für eine Kurzgeschichte gehört, wird man sofort ins Geschehen geworfen. Der Tod der Protagonistin am Ende war ziemlich überraschend, da ich, als Leserin, eher eine Konfrontation mit der eisigen Herrscherin erwartet hätte.
Auch der stetige Einwurf der verbleibenden Zeit macht das ganze ein bisschen hektischer, was die innere Zwiespältigkeit der Protagonistin noch mehr hervorhebt.
Deine Art mit Worten umzugehen ist ein bisschen extravagant, was aber sehr gut zu der Geschichte passt!
Ein paar grammatikalische Fehlerchen gäbe es dennoch ;) Manchmal hast du einen Punkt oder ein Komma vergessen und soweit ich weiß, kann ein Riss, oder eben eine Grube, nicht abreißen.. aber das ist ja nicht weiter schlimm! Die Gefühle sowie die Gefühlslosigkeit kommen dennoch gut rüber..
Geschrieben am 12.10.2009 um 19:15 Uhr
Die Schneekönigin - Meinung schreiben
Tittes, Dana Sophie freut sich über jeden Kommentar. Bitte habe Verständnis dafür, dass wir deinen Kommentar und deine Bewertung vor Freischaltung zunächst prüfen.
Teilnehmerdaten
Wettbewerbsjahr
2009
Platzierung
Die Leser wählten diesen Beitrag auf den Platz 17.
Kurzbiografie
Ich bin 17 Jahre alt und besuche bald die 12te Klasse eines Gymnasiums in Mannheim. Um mein Taschengeld aufzubessern, babysitte ich ab und zu bei Bekannten. Ich liebe Kinder und Tiere.
Meine Interessen sind: Musik, Literatur, das Schreiben, meine Freunde, ausgehen.
Teile diesen Beitrag!
Gefällt dir dieser Beitrag?