Das Einhorn

Es waren die schönsten Tage damals, in den Sommerferien, als ich gerade vierzehn Jahr alt war. Als wir zusammen die Welt entdeckten, Du und ich. Als wir begleitet, fast getragen, von kühl sausenden Windschweifen auf endlos grünen Wald- und Wanderwegen entlang ritten; vorbei an so viel Phantastischem und Märchenhaftem.
Der Aufbruch, fast gar ein Ausbruch: Die Überquerung des tanzenden Bächleins, dessen rauschende Wassermassen voll Lebensfreude ihren Lauf in Richtung Freiheit nahmen. Gen dieser Freiheit, die auch wir suchten; in eine Welt, die so viel magischer und faszinierender war als die grauen Wohnblöcke der Stadt, in denen das alltäglich monotone Leben der Erwachsenen abzulaufen schien.
Beim ersten Ausritt hatte ich es ein wenig mit der Angst zu tun bekommen, doch wähnte ich ja Dich an meiner Seite, mein treuer Gefährte: Mächtige kraftvolle Hufen, schlanke und doch so überaus starke Beine, reines weißes Fell und eine Mähne von anmutiger Größe, die eher an die eines Löwes erinnerte. Überhaupt war ich mir sicher noch nie ein reineres Weiß als das Deine gesehen zu haben, und Dein zart geriffeltes leicht golden schimmerndes Horn strahlte solch eine undurchdringbare Sicherheit aus, dass ich keine Zweifel hatte, uns könnte etwas passieren. Mit Dir konnte ich überall hin, Du schienst unbesiegbar.
Wir galoppierten immer den gleichen Rundkurs, unseren Weg eben: Übers Bächlein hinüber, ein paar Hügelwipfel rauf und runter, vorbei an leicht modrigem Gehölz und dann mitten durch die Schlachtfelder der griesgrämigen Getreidezwerge, die sich linker- und rechterhand am Wegesrand zu einer dichten kampfbereiten Masse formiert hatten. Manchmal stieg gar ein Feuervogel aus dem Kriegermeer auf und begleitete uns goldfarben trällernd mit schützenden Flügelschlägen. Doch uns konnten die ährenförmigen Soldaten ohnehin nichts anhaben. So schnell wie der Wind – oft war ich mir sicher: sogar noch schneller – stürmten wir an den Schlachtgesängen vorbei, bis wir Schutz in einem dichten dunklen Wäldchen fanden. Wenn die Sonne besonders tief stand und seitlich durch das grüne Dickicht drängte, waren wir jedoch auch hier in Gefahr, insofern wir einmal aus dem Ritt kommen sollten. Zornig zähnefletschende Zitterwölfe hetzten hinter den Blättern umher und drohten – egal wie schnell wir auch ritten – direkt neben uns aus dem Gebüsch zu springen und argplötzlich zum Angriff überzugehen. Doch glücklicherweise passierte dergleichen niemals. Sie mussten Angst vor Dir gehabt haben, mein treuer Begleiter! Deutlich angenehmer war da doch der Elfenstaub, der in der Nase immer so ein behaglich kribbelndes Gefühl hinterließ. Die Elfen umschwirrten, kitzelten und bezirzten uns, solange das Jahr jung war und der Sommer den Frühling noch nicht enthauptet hatte.
Doch so wie der Frühling, so würden auch die bisherigen Wesen irgendwann etwas Mächtigerem weichen müssen; nur war ich mir nicht sicher, ob sie dann jemals zurück kommen würden: Die Getreidezwerge, der Feuervogel, die Zitterwölfe, die Elfen. Wie viel Zeit hatten sie noch? Diese Frage stellte sich mir das erste Mal, als wir etwas abseits vom Wegesrand einen kleinen Hügel erklommen hatten. Hinter einem noch größeren unnatürlich wirkenden Berg ragten zwei riesige steingraue Zylinder empor, aus denen unzählige Massen an Rauch aufstiegen. Das musste die Nase eines gigantischen schlafenden Drachens sein! Um ein Haar wäre ich vor Schreck von Dir gestürzt, mein treuer Gefährte. Allein der Zinken dieses Monsters war so riesig, dass ich mir sicher war, er musste einer Kreatur mit bestialischer Gestalt gehören. Ich konnte mich keinen Millimeter bewegen und saß da vor Schrecken fest verwurzelt eine ganze Weile auf Dir rum.
Dieser Tag sollte nicht der Letzte unserer Ausritte gewesen sein, doch es war der Anfang vom Ende. Bei Rückkehr im Neubauviertel ergriff mich die übliche Melancholie besonders hart, die mich ohnehin jedes Mal durchfuhr, wenn sich unsere Wege wieder einmal trennten, mein treuer Begleiter. Ich stellte Dich im dunklen Keller ab und nahm in einer seltsam gespaltenen Stimmung Abschied, indem ich noch einmal über Deine Mähne strich; diesmal mehr aus Trauer, als der Vorfreude auf weitere Ausritte wegen.
Doch auch dieser Sommer hatte irgendwann sein Ende gefunden, die Zeit wurde knapper, überhaupt die Tage kürzer, und ich vergaß Dich unten bei den Fahrrädern. Auch als wir im folgenden Frühjahr aus der Stadt zogen, kehrtest du nicht in meine Erinnerungen zurück. Ein harter und lernintensiver Winter hatte keinen Platz für Phantasie gelassen, wenn nicht gar Selbige für immer verbannt.

Heutzutage, ja heute ist alles anders. Dutzende dichte Dunstfelder steigen aus der Region auf, die ich binnen meiner unbekümmerten Kindheit mein Zuhause nennen konnte.
Die Drachen haben die Herrschaft übernommen! Das wäre mir damals sofort klar gewesen. Jedoch hätte ich wohl nie damit gerechnet, dass ich einmal auf ihrer Seite stehen würde. Ich bin für ihren Schutz verantwortlich, mehr noch, ich halte sie am Leben. Seit dreizehn Jahren bin ich nun schon Ingenieur und für die Leitung der Wartungsarbeiten in den staatlichen Kraftwerken tätig. Jene Kraftwerke, die ich einst für gefährliche Drachen hielt. Einen festen Wohnsitz habe ich nicht; schließlich befinden sich im ganzen Land Tausende.
Erst die Rückkehr in meine Heimat hat mir all die zauberhaften Erinnerungen von damals wieder ins Gedächtnis gerufen. Doch viel davon existiert längst nicht mehr: Das tanzende Bächlein scheint melancholisch geworden, denn sein einst so blauer Strom gleicht nunmehr eher einer zähen schwarzen Masse. Die Flächen, auf denen sich die griesgrämigen Getreidezwerge gegenüber standen, sind mit zahlreichen unnatürlich wirkenden Bergen übersät, aus deren Innern ein furchtbar stinkender Geruch an die staubige Luft quillt. Irgendwo muss der ganze Müll ja gelagert werden. Feuervögel fliegen längst nicht mehr; der Mythos ihrer Unsterblichkeit wurde durch die giftschnaubenden Nasen der Drachen wohl für immer ausgelöscht. Auch dichte dunkle Wäldchen sucht man heutzutage vergebens. Hier und da steht ein einzelner grauer Baumstumpf, solange der Asphalt die Wurzeln noch nicht vollends verschlungen hat. Gleichermaßen war das wohl ebenso das Ende der Zitterwölfe, den es gibt kaum noch etwas, das phantasieanregende Schatten wirft. Und die behaglichen Elfen? Sie gingen mit den Blümchen, deren Pollen einst Herrscher dieser Lüfte waren.
Auch dich gibt es nicht mehr, mein treuer Gefährte. Im Keller, in dem ich dich einst zurückließ, steht heute nur noch ein altes schmutziges Fahrrad, dessen platte Reifen traurig am sauren Boden kleben; ich habe nachgesehen. Einzig und allein die Drachen fauchen noch, und so ist es momentan nun mal meine Aufgabe den Hiesigen weiter am Leben zu halten. Alles Andere ist vergangen. Alles Andere ist tot. Und manchmal plagen mich Schuldgefühle. Ich habe schon auch meinen Teil dazu beigetragen.

© 2009 by O. Lange

Das Einhorn - Lesermeinungen

Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von O. Lange hinterlassen.

orimderblaue Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Hallo Oliver,

leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.

Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.

Freundlicher Gruß,
Christian

Geschrieben am 13.12.2009 um 19:00 Uhr

Faraday Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Das erinnert ja alles ein wenig an den Don Quichotte...
Einige nette Ideen sind drin, auch wenn einem einiges vage bekannt vorkommt. (Ok, bei Quichotte sind es Windmühlen statt Kraftwerke...)

Stilistisch versuchst du auf einer hohen, märchenhaften Ebene zu bleiben. Leider hältst du diese Sprache nicht konsequent durch, sondern fällst immer mal wieder in Umgangssprache zurück.

Die Idee und auch die Moral am Schluss sind nett, die Umsetzung wirkt ein bisschen lahm, aber trotzdem gut zu lesen.
Ein mittelmäßig-gutes Werk also, das mit ein bisschen Überarbeitung, einer stärkeren Zuspitzung der Pointe und einer Überarbeitung der Sprache aber sicher das Potential für sehr gut hat ;)

Geschrieben am 08.12.2009 um 22:38 Uhr

Zeenat Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Ich finde deinen Schreibstil sehr gut und die Idee ist wunderbar :) Deine Metaphern und die Bildhaftigkeit mit der du schreibst sind super, aber stellenweise war die Spannung leider weg:(
Der letzte Satz, der meiner Meinung nach der wichtigste sein sollte, passt leider nicht ganz zum Rest:

Ich habe schon auch meinen Teil dazu beigetragen.

Ich finde da hätte etwas anderes hingehört...

Geschrieben am 01.12.2009 um 12:46 Uhr

janis Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Sehr schön, allerdings hat man diese Mentalität auch schon mit 14 jahren verloren, von daher etwas unrealistisch, allerdings muss ich lara zustimmen, ohne den titel hätt ich auch zuerst gedacht es wäre ein pferd ;)

Sehr schöne ideen, die Ährenzwerge und Zitterwölfe sind total genial =)
Und dass Kraftwerk als Drache ;)
Wunderschön

Geschrieben am 30.10.2009 um 16:55 Uhr

Lara Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Ich finde die Idee toll.
Am Anfang dachte ich, es geht um einen Mesnchen, dann ein Pferd und dann wurde klar - es ist ein Fahrrad.
Du beschreibst schön und malerisch, märchenhaft. Aber das ganze ist mir viel zu viel. Die Geschichte zu lesen wurde für mich dadurch nahezu langweilig.
Eine Liebe zu Fahrrad und Natur so altmodisch verzaubernd zu beschreiben ist toll, aber dafür ist sie viel zu lang und ausführlich.
Langatmigkeit schadet leider...

Vielleicht kürzt du sie ja nochmal, ich mag sie echt.

Geschrieben am 25.10.2009 um 20:49 Uhr

Mittwoch Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Ich verstehe wirklich nicht, warum bisher noch keiner einen Kommentar geschrieben hat - wundervoller Text!
Erinnert mich im Grunde an... mich. Weiter so!

Geschrieben am 23.10.2009 um 00:36 Uhr

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Teilnehmerdaten

Name

O. Lange (19)
(Pseudonym)

Wettbewerbsjahr

2009

Platzierung

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