Regen

Der Regen prasselte unaufhörlich auf sie herab. Der Wind hatte aufgehört. Er hatte schon vor einer Woche aufgehört, doch der Regen war geblieben. Seit fast drei Wochen regnete es und ein Ende war nicht in Sicht.
Nur langsam kam sie voran. Sie nahm ihre Umgebung nicht recht wahr. Ihr Blick ging ins Leere, obwohl sie sehr darauf achtete, wo sie hintrat. Den Boden konnte sie nicht sehen. Aber sie lief mitten auf der Straße und somit konnte sie keine allzu großen Überraschungen erwarten.
Das kleine Dorf war ausgestorben. Die Menschen, die jetzt noch hier waren, konnte sie an einer Hand abzählen. Es waren die, die nicht wussten, wohin sie gehen wollten. Es waren die Menschen, die nichts mehr hatten, Menschen, die krank waren. Menschen, die kein Ziel mehr hatten. Menschen, wie sie.
Sie bog in eine schmale Seitenstraße ein. Auf der rechten Straßenseite waren kleine Häuser in denen niemand mehr lebte. Seit dem Hochwasser waren fast alle Dorfbewohner aus dem Dorf und der Umgebung verschwunden. Einige waren tot, andere sind geflohen. Für einen Fremden musste all das sehr abstoßend und ausladend aussehen, doch es war ihr Zuhause. Hier war sie geboren worden, hier hatte sie gelernt, auf dem Feld zu arbeiten und hier wollte sie bleiben.
Die Sonne war längst untergegangen. Die dunkle Nacht hüllte das Dorf in Unbehagen und Einsamkeit. Der Mond ließ alles in gespenstischem Licht erscheinen und das Wasser schimmerte hell. Alles was sie hörte war der Regen. Der Regen und ihre langsamen Schritte im Wasser.
Sie ging vorbei an einer kleinen Wäscherei und einem Gemüseladen. Die letzten Mangos die sie mitgenommen hatte, hatte sie längst aufgegessen. Das war schon einige Tage her. Sie schwammen in einer Obstkiste durch die Straße und da sie sonst niemand mehr haben wollte, nahm sie sie mit. Zwei davon hatte sie einem alten Mann gegeben, der, wie sie, im Dorf geblieben war. Die beiden kannten sich nur flüchtig, auch wenn sie sich früher oft begegnet waren. Er war sehr nett gewesen und auch ihre Kinder mochten ihn gerne, denn manchmal gab er ihnen eine Banane.
Sie fragte sich, wo er jetzt wohl war. Ob er einen trockenen Schlafplatz gefunden hatte?
Sie ging weiter. Auf der linken Straßenseite erstreckte sich eine weite, leere Fläche, die wie ein See aussah, doch sie wusste, dass das eine alte Wiese war, auf dem die Kinder oft Ball gespielt hatten. Hätte sie das nicht gewusst, hätte sie es wohl nicht vermutet.
Sie watete ein Stück über die überschwemmte Wiese. Auch sie hatte hier oft gespielt, als sie noch ein Mädchen war. Und später hatte sie hier auf ihre Geschwister aufgepasst und vor wenigen Wochen hatte sie auf der anderen Seite des Feldes gesessen und auf ihre eigenen Kinder aufgepasst.
Sie spürte einen Kloß in ihrem Hals, der immer größer zu werden schien. Sie dachte an ihre Kinder und ihre Geschwister. Insgesamt waren das fünfzehn wunderbare Menschen, die sie geliebt hatte. Wie gerne würde sie sie jetzt bei sich haben.
Der Kloß wuchs mit jedem Schritt, den sie machte und jedem Gedanken, den sie hatte. Sie schritt den ganzen Platz ab. Als sie auf der anderen Seite ankam, schien es so, als wolle der Kloß sie ersticken.
Sie warf einen letzten Blick auf den See, der geblieben war, und ging weiter. Sie lief Straßen entlang, durchquerte kleine Gassen und watete durch mehrere kleine Wege. Sie hatte noch immer keinen Ort gefunden, an dem sie über die Nacht bleiben konnte.
Gestern war es eine alte Baracke außerhalb des Dorfes gewesen, in der sie schlafen konnte. Drinnen gab es ein Bett, das so hoch angebracht war, dass es vom Wasser, welches die Baracke geflutet hatte, verschont blieb. Doch am Morgen waren Plünderer gekommen, die sie vertrieben.
Sie hatten Glück, denn trotz des starken Regens stieg der Wasserpegel im Dorf kaum noch. In der letzten Woche waren es insgesamt nur etwa dreißig Zentimeter mehr, als in der Woche davor.
Als sie um eine Ecke bog, entdeckte sie wieder einen kleinen Laden. Sie ging näher und bemerkte, dass dessen Türe geöffnet war. Drinnen war niemand, aber sie sah einige Dosen, die sie mitnehmen wollte. Die Tür ließ sich nur schwer öffnen, das Wasser drückte von außen dagegen und sie hatte kaum noch Kraft. Doch nach einigem Ziehen und Rütteln konnte sie sich durch die Öffnung quetschen und nahm sich so viele Dosen, wie sie tragen konnte. Sie entdeckte noch zwei Flaschen Saft, die sie sich unter den Arm klemmte und als sie wieder auf die Straße trat, sah sie das Meer, das im Mondlicht schimmerte. Es schimmerte so, wie das Wasser auf der Straße und wenn sie es nicht gewusst hätte, hätte sie gedacht, dass das Wasser in den Straßen vom Meer kam. Doch so war es nicht. Das Wasser war vom Regen und nun floss es in alle Richtungen davon. Sehr langsam, sodass sie es kaum merkte und da immer neuer Regen vom Himmel fiel, bemerkte sie es sowieso kaum.
Als die Frau sich abwenden wollte, entdeckte sie einen Menschen, der rechts von ihr stand. Er war etwa zwei Straßen entfernt und winkte ihr zu. Langsam watete sie in seine Richtung und als sie näher kam, erkannte sie den alten Mann, der, wie sie, völlig durchnässt war.
Er winkte sie zu sich und als sie endlich bei ihm war, zeigte er auf ein großes Gebäude, das früher als Rathaus benutzt wurde. Sie ging dem Mann nach und er brachte die Frau in einen trockenen Raum, in dem sie schlafen konnte.
Sie bedankte sich mehrmals bei ihm und war froh darüber, dass sie endlich einen Platz zum Schlafen hatte.
Als Gegenleistung teilte sie das Essen, das sie eben mitgenommen hatte, mit dem alten Mann. Auch dieser war sehr froh, über das Geschenk und beide hatten das Gefühl, dass sie sich gegenseitig sehr geholfen hatten.
Mit dem Gedanken, dass der Mann ihr geholfen hatte, während die Plünderer sie vertrieben hatte, schlief sie ein. Er war eben ein Mensch, wie sie.

© 2009 by Miriam Müller

Regen - Lesermeinungen

Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Miriam Müller hinterlassen.

orimderblaue Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Hallo Miriam,

leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.

Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.

Freundlicher Gruß,
Christian

Geschrieben am 13.12.2009 um 21:58 Uhr

Olinda Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Die Geschichte ist einfach toll! Gerade, dass du nicht jedes Detail erläuterst, regt einen zum Nachdenken an. Eine Kurzgeschichte ist eben eine Kurzgeschichte, die versteht man auch ab und zu nicht auf den ersten Blick.

Geschrieben am 15.11.2009 um 17:49 Uhr

Lara Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Den Anfang fand ich toll, auch wenn einige Textstelle hlprig waren, aber das Ende war so... überraschend. Leider eher negativ. Ich dachte, der Regen wäre ein Symbol und würde schwinden... oder so?! Egal was, irgendwas. Aber das ist so langweilig. Die Idee ist ganz schön, Menschen die sich in der Not helfen, aber das müsste weiter ausgeschmückt sein!
Und was ist denn mit ihrer Familie? Alle weg, alle tot? Kann ja wohl nicht sein. Wieso erzählst du das nich, und wie sie sich fühlt? Das fehlt etwas!

Du schreibst aber sehr schön, man kann sich alles bildlich vorstellen.
Wirklich ungemütlich muss es sein ;)

Geschrieben am 03.11.2009 um 19:42 Uhr

Janis Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Ich weiß nicht ercht was du mit dieser Geshcichte vermitteln möchtest?
Menschlichkeit? zusammenhalt?
Auch fragt man sich in welcher zeite s spielt, es ist ja offenbar eine Katastrophe die dieses Dorf heimgesucht hat, wieso sind fast alle geflohen, was ist mit ihren Kinder passiert?
All diese Fragen müssen nicht beantwortet werden, man kann gut einen Teil der fantasie des lesers überlassen. Doch es wäre interessant wenn dua ndeutungen zum vorherigen Geschehen machen würdest.
man könnte auch gut ein Buch daraus amchen über zusammenhalt in einer postapokalyptsichen Welt oder so ;)

Nun, jedoch als Kurzgeschichte fehlt mir dieser Zusammenhang und die Lehre die nur vage rüberkommt, ducrhd en kontrast zwischen den plünderern und dem alten Mann.

ansonsten aber ist es hervorragend geschrieben, ich amg es wie du den schlamm und die flut und die Nässe,d en regen und die feuchte Wiese, die Not beschreibst.
Ich hatte beim lesen das gefühl der frau durch die verwinkelten gassen und den Schlamm zu folgen. Ich hab den regen gespürt und die Mango geschmeckt ;)
Du schreibst wirklich sehr schön aber ich glaube dir fehlt es wenn du einmal angefangen hast schwer den faden zu halten und die Geschichte zu schreiben die du Schreiben willst ;)
Aber gut, das kenne ich von mir zu gut :D

Ach ja den titel find ich unpassend, Regen klingt zu harmlos. Wenn dann setz nen Artikel davor: Der Regen.
SChließlich ist es ja ein besonderer regen :)



Geschrieben am 19.10.2009 um 11:37 Uhr

Olivia Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Diese Geschichte ist wirklich beeindruckend. Ich weiß nicht, was genau ich bei dem Titel "Regen" erwartet habe, aber ganz bestimmt nicht so etwas. Es hat mich sehr berührt. Nur am Ende hätte man vielleicht weniger ausführlich werden sollen. Die Geschichte besteht ja aus einigen Vermutungen, zum Beispiel, was die Familie betrifft. Deshalb finde ich das Ende zu deutlich beschrieben. Dass der Mann ihr geholfen hat, wird sicher jedem bewusst, und man kann sich besser Gedanken dazu machen, wenn man nicht sofort den direkten Vergleich zu den Plünderern hat.
Aber ansonsten eine sehr tolle, gelungen Geschichte!!

Geschrieben am 15.10.2009 um 15:55 Uhr

Regen - Meinung schreiben

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Teilnehmerdaten

Name

Miriam Müller (20)

Wettbewerbsjahr

2009

Platzierung

Die Leser wählten diesen Beitrag auf den Platz 11.

Kurzbiografie

Miriam Müller wurde 1989 in Breisach am Rhein geboren und ging dort bis 2005 zur Schule. Anschließend absolvierte sie eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten und holt derzeit ihr Abitur auf einem Abendgymnasium nach.
Gemeinsam mit ihrer besten Freundin schreibt sie die "eile zeile", welche regelmäßig erscheint und eine Kurzgeschichte enthält, die die Leser kostenlos erhalten.
Ihren Debüt-Roman veröffentlichte sie bereits mit 18 Jahren und schreibt momentan an einem Fortsetzungsband.

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