Die Kommode

Ruth rannte auf die Schule zu. Ihre Schuhe klackten auf den Pflastersteinen. Das gefiel ihr. Sie lief gerne mit klackernden Schuhen durch die Gegend. Dann fühlte sie sich wie eine Erwachsene. Die Leute drehten sich dann nach ihr um, weil sie eine Dame bei diesem Klackern zu sehen erwateten.
Doch heute war Ruth etwas spät dran. Sie hatte auf ihre Freundin Judith gewartet. Da diese lange nicht kam, lief Ruth alleine los. Sie erreichte den Schulhof und sah gerade noch die letzten Schüler durch die Schultür laufen.
Dann schaffe ich es vielleicht doch noch vor dem Lehrer ins Klassenzimmer zu kommen, dachte sie und beschleunigte noch einmal.
Als sie die Schulzimmertür erreicht, schloss der Lehrer sie gerade hinter sich.
Mist, dachte sie, doch nicht geschafft! Ob ich heute dafür länger bleiben muss?
Vorsichtig klopfte sie an der Tür und öffnete sie dann zaghaft. Sie erschrak etwas, als sie direkt vor sich das strenge Gesicht des Lehrers sah. Sie senkte den Blick und wollte gerade eine Entschuldigung stammeln, doch ihr Lehrer ließ sie nicht zu Wort kommen.
„Aha! Wie ich sehe, kommst du schon wieder zu spät, Ruth! So kann das nicht weitergehen! Fällt dir eine plausible Entschuldigung ein?“
„Ich...“
„Ach spar dir deine Ausreden! Du setzt dich ab heute auf die hinterste Bank! Wenn du wieder pünktlicher erscheinst, überlege ich es mir noch einmal.“
„Aber ich...“
„Setzen! Ein Schüler redet nur, wenn er gefragt wird! Verstanden?“ Sie nickte.
Mit Tränen in den Augen schlüpfte Ruth zwischen den Schulbänken zur letzten Bank.
Sie verstand die Welt nicht mehr. War sie heute doch erst das dritte Mal zu spät in die Schule gekommen! Andere kamen ständig später und mussten nicht auf die letzte Bank. Ihr Lehrer wusste doch ganz genau, dass sie nicht so scharf sehen konnte. Deshalb saß sie ja auch seit der ersten Klasse in der vordersten Bankreihe.
Sie verscheuchte die Gedanken, wischte sich flüchtig die Tränen ab und versuchte sich auf den Unterricht zu konzentrieren.
„Wir schreiben heute ein Übungsdiktat!“
Das konnte Ruth gut! Sie hatte vor dem Diktat auch keine Angst, wie manch einer ihrer Mitschüler.
Einmal hatte sie heimlich ein Diktat der vierten Klasse mitgeschrieben und abgegeben. Der Lehrer hatte es daheim korrigiert und dann erst am nächsten Tag bemerkt, dass die Schülerin noch gar nicht in die vierte Klasse ging. Da der Text aber fehlerfrei mit einer tadellosen Schrift geschrieben war, hatte er sie vor allen Klassenstufen gelobt.
Als sie nun nach dem Tintenfass in der Schulmappe kramte, es schließlich fand und zu dem Federhalter auf den Tisch stellen wollte, bemerkte sie, wie ihr Tischnachbar Hansi ihren Federhalter nahm. Sofort sprang sie auf.
„Herr Lehrer! Der Hansi hat meinen Federhalter genommen und will ihn nicht wieder zurückgeben!“
„Stimmt gar nicht! Das ist mein Federhalter!“
„Aber...“
„Setzen! Ruth, wenn du deinen Federhalter daheim vergessen hast, dann solltest du auch so ehrlich sein und das zugeben. Dann hätte ich dir einen geben können. Aber so nicht! Erst kommst du zu spät und dann bist du auch noch unehrlich.“
„Aber...“
„Wenn du keinen Federhalter dabei hast, wirst du das Diktat auch nicht mitschreiben können. Das gibt dann eine Sechs!“
Eine Sechs! Ihre schlechteste Note bisher war eine Zwei. Sie konnte es nicht glauben!
Die Gedanken kreisten ihr wie bei einer Karussellfahrt durch den Kopf.
Ihr schöner Federhalter! Den hatte sie vom Vater geschenkt bekommen. Es war ein besonderes Geschenk. Wieder kamen ihr die Tränen. Schnell wischte sie sich über die Augen. Es sollte niemand sehen, dass sie weinte.
Als die Schulglocke zum Unterrichtsende läutete, räumte Ruth ihre Sachen rasch in ihre Schulmappe und rannte nach draußen.
Ihre Schuhe klackten. Doch das fiel ihr nicht auf. Sie war traurig. Sie musste unbedingt mit ihrer Mutter reden!
Als sie daheim ankam hatte sie Seitenstechen. Sie lief durch den Flur auf die große Küche zu. Plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen.
„Mutter!“, schrie sie noch immer außer Atem „Mutter! Wo ist die kleine Kommode?“ Sie brach in Tränen aus. Ihr wurde gerade alles zu viel. Sie rannte in die Küche. Dort stand ihre Mutter am Herd und blickte ihr traurig entgegen.
„Mutter! Wo ist die kleine alte Kommode von Großmutter? Habt ihr sie weggeschmissen? Es war doch ein Geschenk von Großmutter! Ach Mutter, wo ist die Kommode?“, sprudelte es aus Ruth heraus, als sie ihrer Mutter in die Arme fiel. Noch bevor die Mutter antworten konnte, redete das Kind weiter:
„Ach Mutter, heut in der Schule war es so gemein! Der Lehrer hat mich in die letzte Reihe gesetzt, nur weil ich nach ihm in das Schulzimmer kam. Und der Hansi hat mir meinen Federhalter, weißt du, der grüne von Vater, weggenommen. Und der Lehrer hat mir nicht geglaubt, dass es meiner ist! Gell, Mutter, der Vater kann den Federhalter wieder vom Hansi holen!“
„Ach Kind, weine doch nicht!“ Ruth konnte sich einfach nicht beruhigen.
„Aber Mutter, wo ist denn jetzt die kleine Kommode von Großmutter? Weißt du, die uralte dunkelbraune mit den goldenen Griffen. Die hat Großmutter mir doch geschenkt, bevor sie gestorben ist! Oh Mutter, ich vermisse Großmutter so sehr! Und die Kommode war ein Andenken an Großmutter!“
„Ach Ruth, die Kommode wurde von den Leuten mitgenommen. Sie war sehr kostbar. Und alles Wertvolle haben diese Leute heut morgen abgeholt. Schau, das Bild im Wohnzimmer hängt auch nicht mehr!“
„Aber Mutter, was haben wir den Leuten denn Böses getan, dass sie uns die schönen Sachen wegnehmen?“
„Ruth, wir haben nichts Böses getan! Das einzige was die Leute stört ist, dass wir Juden sind.“

© 2009 by Fuchs Olga

Die Kommode - Lesermeinungen

Folgende Kommentare haben die Leser für diesen Text von Fuchs Olga hinterlassen.

orimderblaue Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Hallo Olga,

leider habe ich zu lange mit den Bewertungen gewartet, daher schicke ich sie heute ohne Kommentare ein. Ausführliche Kritiken folgen noch.

Ich bedanke mich auf jeden Fall bei allen Beteiligten. Es brachte mir einige, angenehme Abende ein, bereichert durch interessanten Lesestoff.

Freundlicher Gruß,
Christian

Geschrieben am 13.12.2009 um 19:28 Uhr

Zeenat Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Ich fand die Geschichte leider nicht besonders spannend. Dass du dich mit dem Thema auseinandergestetzt hast, finde ich gut, aber die Umsetzung hat mir leider nicht sehr gefallen.
Vielleicht haettest du beispielsweise die Atmosphere, die Schule, wie sie damals war, naeher erlautern koennen, so aber scheinen die Uebergaenge nicht ganz reibungslos zu funktionieren.

Geschrieben am 13.12.2009 um 19:27 Uhr

Florian Eberl Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Am Anfang hielt ich die Geschichte für total einfallslos
vor allem wegen dem strengen Lehrer und dem Namen "Hansi"
Aber als ich zum Schluss erfuhr das sie ein Jude ist und anscheinend während der Nazidiktatur lebte find ich die Geschichte sehr gut

Aber im Großen und Ganzen ist die Geschichte gut geschrieben und ich hab sie gern bis zum Schluss gelesen

Geschrieben am 30.11.2009 um 00:13 Uhr

anjutka Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Ich finde die Geschichte sehr gut. Da man erst zum Schluss erfährt was Sache und Grund für die Handlung der Menschen ist, ist die Spannung kaum auszuhalten es zu erfähren. KLASSE!!!

Geschrieben am 16.11.2009 um 22:42 Uhr

Lisa Boch Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Der Aufbau ist sehr gut, denn es kommt erst zum Schluss raus, was der Hintergrund für das Handeln des Lehrers ist.

Geschrieben am 16.11.2009 um 08:03 Uhr

Melli Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Hey Olga!
ich finde die Geschichte echt super!gefällt mir gut! vorallem der Ausgang wird eigntl. nicht erwartet! aber so echt gut gemacht!!
glg
melanie

Geschrieben am 15.11.2009 um 21:22 Uhr

tina Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

tolle geschichte!! ehrlich!!! vor allem das ende habe ich nicht erwartet. aber es war toll, wie die geschichte plötzlich so eine wendung nahm. außerdem gefällt es mir, dass du in so einfachen sätzen die geschichte doch so gut rübergebracht hast. ich konnte mir das kleine mädchen richtig vorstellen.
@janis: ich finde diese lösung der geschichte mit der kommode doch seh gut. denn bis das mädchen in ihrem zimmer war und noch dies und das gemacht hat, hätte sie sich ihren kummer schon halb "abgeladen" und sie würde sich nciht mehr so auf die kommode fixieren.
oder?

Geschrieben am 15.11.2009 um 18:30 Uhr

Krümel Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Ich finde die Geschichte super! Du erzeugst Spannung, da man nicht weiß, warum Ruth nicht gemocht wird und am Ende wird alles mit diesem einen bedeutenden Satz erklärt. Dein Schreibstil gefällt mir auch sehr gut. Weiter so!

Geschrieben am 15.11.2009 um 18:26 Uhr

janis Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

WoW, am Anfang hat man wirklich das Gefühl sie wäre schon älter, wegend er Schuhe, auch kommt da noch nicht ganz rüber dass es sich Anfang des letzten JAhrhunderts abspielt, oder zumindest nicht in der heutigen zeit. das sind eigentlich auch alle punkte die ich negativ kritisieren kann. halt warte, wie sie plötzlich auf die Kommode kommt geht viel zu schnell. besser wäre es gewesen sie wilkl auf ihr zimemr gehen und ihr, wasweißich, Tagebuch, oder so holen, ihre gedanken kreisen um die kommode der großmutter, nebenbei kansnt du noch ein wenig die altmodischen Möbel und die Kleiung beschreiben und dann... die kommode ist weg!
Nun ja, aber sonst ist es wunderbar, die Geschichte besticht durch die kindliche Sicht der Dinge und das vorgetäuschte Erwachsenenverhalten, die SChuhe und so, und die überraschende Information am ende.
man fragt sich, was ist passiert sind sie verschuldet, oder was. Und dann überraschenderweise: "weil wir juden sind."
Sehr genial, das Thema ist zwar etwas abgegriffen aber man kann es auch nicht oft genug behandeln.
Ich bin begeistert =)

Geschrieben am 30.10.2009 um 19:38 Uhr

Elisabeth Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Der Text ist gut geschrieben, aber an dem Inhalt solltest du vielleicht arbeiten. Der Anfang gefiel mir, wo Ruth beschrieben wurde, wie sie zur Schule rannte. Da wirkte sie schon Erwachsen, doch wenn man weiter liest kommt sie einem doch vor, wie ein kleines Mädchen.


Geschrieben am 30.10.2009 um 10:16 Uhr

Lara Idee   Rechtschreibung   Grammatik   Umsetzung   Aufbau    

Ich dachte am Anfang, deine Darstellung des Lehrers wäre völlig unrealistisch und veraltet. Die des Schülers absolut gemein.
Aber am Ende klärt sich alles auf, das gefällt mir sehr gut.
Du hättest noch näher darauf eingehen können, warum Judith nicht erschien. Liegt es auch daran, dass sie Jüdin ist. Haben es ihre Eltern verboten, mit einer Jüdin befreundet zu sein? Oder wieso hast du diesen ansatz eingebaut?
Das Ende ist gut und offenbart den Hintergedanken, aber irgendwas fehlt. Weiß selber nicht was.
Trotzdem gefällt mir die geschichte... ich mag die klackernden Schuhe, man kann sich richtig das kleine süße Mädchen darin vorstellen.
Gefallen hätte es mir, würdest du an Wörtlicher Rede sparen und dafür mehr gefühle der Kleinen beschreiben!

Geschrieben am 25.10.2009 um 17:52 Uhr

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Teilnehmerdaten

Name

Fuchs Olga (20)

Wettbewerbsjahr

2009

Platzierung

Die Leser wählten diesen Beitrag auf den Platz 7.

Kurzbiografie

Olga Fuchs wurde 1988 geboren.
Sie hat eine abgeschlossene Ausbildung als Chemielaborantin und ist in diesem Beruf tätig.
In ihrer Freizeit liest sie gerne, trifft sich mit Freunden und schreibt regelmäßig Kurzgeschichten, die sie dann mit ihrer Freundin auf Flyer druckt und in Wartezimmer von Arztpraxen und Bibliotheken auslegt.

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